Ein hoher Preis für die Treue zu Russland - Kadyrow war im Volk äusserst unbeliebt
publiziert: Montag, 10. Mai 2004 / 15:47 Uhr / aktualisiert: Montag, 10. Mai 2004 / 16:07 Uhr

Grosny - Stellvertreter der Besatzungsmacht, Chef einer brutalen Miliz, unter Verdacht der ungenierten Bereicherung: Achmad Kadyrow war wohl der meistgehasste Mann Tschetscheniens. Mehrere Anschläge überlebte der Präsident von Russlands Gnaden.

Achmad Kadyrow hatte schon mehrere Anschläge überlebt.
Achmad Kadyrow hatte schon mehrere Anschläge überlebt.
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Am Sonntag starb der 52-Jährige dann bei der Explosion einer Bombe im Dynamo-Stadion in Grosny, wo er zusammen mit russischen Militärs den Sieg Moskaus über die deutsche Wehrmacht 1945 feierte.

Erst im Oktober war Kadyrow zum tschetschenischen Präsidenten gewählt worden - mit überwältigender Mehrheit zwar, doch in einer von Moskau gesteuerten Abstimmung, die international als Farce kritisiert wurde. Zuvor war er mehr als drei Jahre lang Chef der pro-russischen Verwaltung.

Sohn als Chef der Miliz

Auf diesem Posten hatte er bereits Zugriff auf beträchtliche Finanzmittel und auf die Polizeikräfte der Kaukasusrepublik. Mehrere hundert Männer beorderte Kadyrow zu seinem persönlichen Schutz ab; seine Miliz stellte er unter den Befehl eines Mannes, dem er vertrauen konnte: sein Sohn Ramsan.

Die meisten Tschetschenen werden wohl nicht um Kadyrow trauern. Viele sahen in ihm einen ehrgeizigen und autoritären Herrscher, der sich stets mit einer Schar Bewaffneter umgab, denen alles zuzutrauen war: "Enführungen, Hinrichtungen, Plünderungen, Schwarzhandel mit Öl, Erpressung von Firmen", wie Aslambek sagt, ein 39-jähriger Jurist aus Grosny. Mit den russischen Generälen in Tschetschenien teilte Kadyrow sich die Reichtümer der Republik, sagte ein russischer Veranwortlicher in Grosny.

Keine Besserung

Einige Bewohner der geschundenen Kaukasusrepublik hatten trotzdem gehofft, unter einem von Moskau protegierten Präsidenten Kadyrow werde die Verwaltung besser funktionieren, würden Löhne, Renten und Flüchtlingshilfen ausgezahlt, würden Schulen und Spitäler wieder öffnen, und vor allem: würden die ständigen Entführungen und Morde an Zivilisten aufhören.

In den Wintermonaten gab es tatsächlich erste kleine Verbesserungen. Doch mit dem Frühjahr meldeten sich die für die Unabhängigkeit kämpfenden Rebellen mit Macht zurück. Auf ihrer Liste stand Kadyrow ganz oben. Der Präsident verschanzte sich in seinem zur Festung ausgebauten, mit Maschinengewehren gespickten Anwesen in Zentoroi im Südosten des Landes. Nur schwer bewacht wagte er sich in andere Landesteile.

Seite gewechselt

Der Hass der Rebellen sass tief: Einst kämpfte Kadyrow nämlich auf ihrer Seite gegen Moskau. Im ersten Tschetschenienkrieg von 1994 bis 1996 war der ehemalige islamische Gelehrte auf der Seite des ersten Präsidenten eines unabhängigen Tschetscheniens, Dschochar Dudajew. Und nach dem Krieg schloss er sich Dudajews Nachfolger Aslan Maschadow an.

Doch als Russland im Oktober 1999 zum zweiten Mal nach Tschetschenien einmarschierte, wechselte Kadyrow die Seiten. Er warf Maschadow vor, nichts gegen die islamischen Extremisten zu tun. Kadyrow hielt nichts von der Einführung des islamischen Rechts, der Scharia, und von radikalen Moslems. Frieden in Tschetschenien sei nur möglich, wenn die "Banditen ausgelöscht" würden, predigte er in der Wortwahl Moskaus. Von diesem Ziel ist Russland noch weit entfernt. Selbst ein starkes Polizeiaufgebot konnte den Bombenanschlag auf den höchsten Repräsentanten der verhassten Russen mitten in der Hauptstadt Grosny nicht verhindern.

(fest/sda)

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