Energieraum Arktis - Konfliktfabrik oder Kontaktzone?
publiziert: Montag, 30. Nov 2015 / 09:50 Uhr

Russland sorgt in der Arktis immer wieder für Aufsehen. Mit viel Muskelspiel und Symbolpolitik will Moskau seinen Einfluss in dieser ressourcenreichen Region vergrössern. Doch die Ambitionen Russlands allein auf seinen Rohstoffhunger zurückzuführen, greift zu kurz. Das Land verfolgt in der Arktis eine hundertjährige Priorität.

Kola und Tschukotka: Diese zwei arktischen Regionen bedeuten mehr als nur endlose, menschenleere Tundra. Die Halbinsel Kola im äussersten Nordwesten und Tschukotka als ihr östliches Pendant bilden die jeweiligen Endpunkte einer 14'000 Kilometer langen Küste. An diesem eisig kalten Ufer stösst das russische Festland auf den Arktischen Ozean. Doch nicht nur die Küstenlinie der russischen Arktis ist gewaltig. Grosse Teile des Landes liegen nördlich des Polarkreises; zwei der weltweit vier Millionen Arktisbewohner leben in Russland. Städte wie Murmansk, Norilsk oder Workuta bilden urbane Inseln in einem Meer der Kälte. Nickel, Gold, Apatit und vor allem Erdöl und Erdgas werden aus dem eisigen Boden an die Erdoberfläche befördert. Rohstoffe aus den Polargebieten versorgen die Rüstungsindustrie, heizen Wohnungen von der Ostsee bis an den Pazifischen Ozean und schmücken die Hände frisch vermählter Paare.

Moskau und der Norden - eine alte Liebe

Russische Ambitionen im Polarraum haben in den vergangenen Jahren viel Aufmerksamkeit erfahren. Mit viel Symbolpolitik, Muskelspielen und Diplomatie versucht Moskau, sein Hoheitsgebiet in der Arktis über die bestehenden Grenzen hinaus auszudehnen - reiche Vorkommen fossiler Brennstoffe werden auf dem Grund des Arktischen Ozeans vermutet. Es wäre jedoch falsch, das russische Interesse am Hohen Norden nur auf den Wettlauf um Rohstoffe zurückzuführen. Die Stränge, die das Land mit der Arktis verbinden, sind komplexer. Spätestens seit der Machtübernahme der Bolschewiki im Jahre 1917 rückte der Polarraum in den Fokus des Riesenreichs. Mit den Kommunisten um Wladimir Lenin übernahmen Männer die Führung, die einen völlig neuen Herrschaftsanspruch hatten. Sie grenzten sich von der punktuellen Präsenz des Zarenreichs im Hohen Norden ab und wollten die Arktis umfassend erschliessen: Industrie, Eisenbahnen, Elektrizität, aber auch Wissenschaft und sogar Ackerbau sollten in die Tundra gebracht werden. Die endlosen Weiten des Nordens erschienen den Bolschewiki als weisse Leinwand, auf die sie ihre Idee der Zukunft malen konnten. Dieser 'Zukunftsraum Arktis' entwickelte sich zu einem zentralen Propagandamotiv des Stalinregimes (1928-1953).

Die Halbinsel Kola als Prestigeprojekt

Die Herrschenden in Moskaus warmen Bürostuben wollten ihre arktischen Territorien also in ein sowjetisches Prestigeobjekt verwandeln - in eine Region, die sozialistisch geprägt und vollkommen modernisiert sein sollte. Besonders deutlich zeigte sich das auf der Halbinsel Kola. Sie war rohstoffreich, verfügte über reichlich Apatit, Nickel, Eisenerz und verschiedene Seltene Erden. Wie vom Zentralkomitee in Moskau verfügt, migrierten während des Ersten Fünfjahresplans (1928-1932) Hunderttausende in die zuvor nur dünn besiedelte Region. Die meisten von ihnen waren Zwangsarbeiter und Deportierte. Sie stampften oft ohne technische Hilfsmittel Städte aus dem Boden, zogen Industriebetriebe hoch und bauten das erste leistungsstarke Energienetz der Arktis.

Das Beispiel Kola zeigt aber nicht nur, wie stark der Kreml seit der Machtübernahme der Bolschewiki seinen Blick gen Norden richtete. Es zeigt auch, dass aufeinandertreffende Interessen verschiedener Staaten in der Arktis keine Neuheit des 21. Jahrhunderts sind. Um die Halbinsel Kola mit Kohle zu versorgen, nutzten die Sowjets seit den späten 1920er Jahren Konzessionen auf dem norwegischen Archipel Spitzbergen. Diese sowjetischen Kohleminen blieben auch während des Kalten Krieges in Betrieb, obwohl Norwegen als Nato-Staat offiziell zum Feindeslager gehörte. Doch nicht nur auf dem fernen Archipel, sondern auch auf dem Festland beförderte der Energiehunger Kolas die internationale Zusammenarbeit. Finnische und norwegische Unternehmen errichteten zwischen 1945 und 1970 insgesamt sechs Wasserkraftwerke auf der Halbinsel. Diese Anlagen liefern bis heute einen Teil der Energie nach Norwegen. An den vergangenen Kooperationen zeigt sich, dass eine diplomatische Lösung internationaler Energiefragen in der Arktis durchaus machbar ist. Die Aussage des russischen Aussenministers Sergej Lavrov, dass die Arktis ein «Territorium des Dialogs» und nicht der kriegerischen Lösungen sei, könnte also durchaus mehr sein als eine leere, diplomatische Phrase.

Immer weiter Richtung Norden

Es überrascht nicht, dass Moskau auch heute eine aktive Politik in dieser Region betreibt. Das Land ist abhängig von immer neuen Rohstoffquellen, weshalb es nun auch über das russische Festland hinaus in den Arktischen Ozean blickt. Grosse Vorkommen fossiler Brennstoffe werden unter der nördlichen Polkappe vermutet. Dass Energieprojekte in dieser Region aber äusserst schwierig durchzuführen sind, zeigt etwa das Stockmann-Feld. Dieses gigantische Erdgasvorkommen liegt in der Barentssee, nördlich der Halbinsel Kola. Es wurde in den 1980er Jahren entdeckt. Weil Russlands grösster Gaskonzern Gazprom auf ausländisches Know-How angewiesen ist, entschied man sich, das Feld international zu erschliessen: Norwegens Statoil und die französische Total beteiligten sich am Projekt.

Bis heute fliesst kein Gas vom Stockmann-Feld Richtung Süden; der Förderbeginn wird regelmässig verschoben. Wirtschaftssanktionen, technische Probleme und der volatile Ölpreis werfen das Vorhaben immer wieder zurück. Hinzu kommen die Proteste von Umweltaktivisten, die den Rohstoffabbau in der Arktis zu Recht als Hochrisiko-Projekt ansehen. Sie mahnen zu Recht, dass die Ökosysteme im Hohen Norden extrem empfindlich seien und sich nur schwerlich von möglichen Umweltkatastrophen erholen könnten.

Die zukünftige Entwicklung von arktischen Energieprojekten hängt also von kaum prognostizierbaren Variablen ab. Gewiss ist aber, dass Russland in der Arktis an die Grenzen des Machbaren gehen wird. Grund dafür sind die Abhängigkeit des Landes vom Energiesektor und sein Führungsanspruch in der Region. Denn: Die grosse Aufmerksamkeit, die der Arktis im 21. Jahrhundert zukommt, mag westliche Beobachter überraschen. Aus russischer Perspektive geht es jedoch um eine hundertjährige Priorität.

(Felix Frey/ETH-Zukunftsblog)

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