Energiewende: Lassen wir uns nicht beirren
publiziert: Mittwoch, 24. Okt 2012 / 23:10 Uhr / aktualisiert: Montag, 12. Nov 2012 / 12:55 Uhr
Gabi Hildesheimer ist Geschäftsführerin von Öbu, dem Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften.
Gabi Hildesheimer ist Geschäftsführerin von Öbu, dem Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften.

Ich setzte mich eben an den PC, um einen Beitrag für den ETH-Klimablog zu schreiben, da landete der Newsletter von Avenir Suisse auf meinem Pult. Ich schlug ihn auf - Ablenkung vor dem Schreiben des ersten Satzes ist immer willkommen - und begann zu lesen. Und ich war erschüttert.

Was war es, das mich veranlasst hat, spontan meinen geplanten Beitrag über Bord zu werfen und stattdessen Artikel aus dem Newsletter des Think Tanks zu kommentieren?

Es waren zwei Artikel, die meine Aufmerksamkeit erregten, und deren Botschaften ich abwegig finde.

Experten wird vorgeworfen, dass sie sich auf Fakten beziehen

Als erstes las ich das Editorial von Avenir Suisse-Direktor Gerhard Schwarz. Herr Schwarz lässt sich darin aus über «eine neue Ideologie: den Ökologismus». Er schreibt, dass dessen Anhänger sich für Anliegen einsetzten, über die ernsthafte Debatten zu führen seien, sie jedoch kaum Bereitschaft dazu zeigten. Dies treffe beispielsweise auf die Debatte zur Energiewende zu. Das Editorial basiert auf einem längeren Artikel, welchen Schwarz am 10. September 2012 unter dem Titel «Schleichende Gefährdungen der Freiheit» in der NZZ publizierte. Drei Gründe führt der Autor für die seiner Meinung nach fehlende Diskussionsbereitschaft der Ökologisten an:

  • Die Ökologisten berufen sich auf naturwissenschaftliche Fakten (!). Ihr Wissen sei schwierig anzuzweifeln, da es «durch Experten gegen Zweifel immunisiert» werde.
  • Die Ökologisten argumentieren mit den Interessen der nächsten Generationen. Dies sei ein Vorwand, um eigene Interessen zu vertreten, «geschützt durch die höheren Weihen eines Interesses von Dritten».
  • Die Ökologisten behaupten, «ohne Gegensteuer würden wir zurück in die Steinzeit katapultiert (...) oder das Leben von Millionen Menschen sei in Gefahr».

Gemäss den Aussagen von Schwarz gehören wir alle zu den Ökologisten und zeigen keine Diskussionsbereitschaft - wir, die nachhaltig denken und auf wissenschaftlichen Fakten basierend argumentieren. Und auch an der ETH lehren und forschen demnach viele Menschen, die als Ökologisten abgestempelt werden können. Doch sind wissenschaftliche Fakten und weitsichtiges Denken nicht genau das, was wir von Wissenschaftlern und Experten in ernsthaften Debatten erwarten?

Expertenwissen wird instrumentalisiert

Als nächstes stiess ich beim Durchblättern auf den Rückblick auf eine Veranstaltung von Avenir Suisse zum Thema Energiewende. Gast des Abends war Lino Guzzella, der neue Rektor der ETH Zürich. Der Autor des Artikels scheint dem Leser glaubhaft machen zu wollen, dass der Rektor seine Forschenden nicht ernst nimmt, und schreibt von predigenden Professoren. Aus Guzzellas Ausführungen hat der Autor Zahlen und Fakten herausgenommen und jongliert mit diesen, dass einem schwindlig wird und nur eine Erkenntnis bleibt: Die Energiewende ist schon am Ende. Doch hat der Autor die Ausführungen von Lino Guzzella richtig interpretiert? Ich glaube nicht. Mir scheint, der Autor wollte einfach Zweifel an der Energiewende säen - und instrumentalisierte dazu Expertenaussagen.

Zumindest Folgendes anerkennt auch der Autor des Avenir Suisse-Artikels. Er schreibt im letzten Abschnitt, dass der ETH-Rektor deutlich mehr Forschung und Entwicklung fordere. Guzzella leiste selber als Experte einen Beitrag, den Energieverbrauch z.B. bei Autos zu halbieren. Hierzu zitiert er Guzzella mit der Aussage, dass es ohne Verzicht nicht gehe, denn die Autos seien dann nicht ganz so spritzig und schnell wie gewohnt.

Ein persönliches Gespräch mit Lino Guzzella hat mir übrigens bestätigt, dass er, Guzzella, die Herausforderungen des Klimawandels und der notwendigen Energiewende anerkennt. Er wird nicht müde, mit Zahlen zu belegen, dass uns kein Spaziergang bevorsteht, auch wenn das manchmal unpopulär ist. Es brauche einen starken politischen Willen, viel Geld und noch mehr Arbeit. Ich bin überzeugt, der ETH-Rektor kennt und schätzt entsprechend das Innovations-Potenzial seiner Mitarbeitenden.

Herausforderungen anpacken

Ich bin mir sicher, dass die Energiewende eine Notwendigkeit ist und wir ohne die Arbeit der Ingenieure, Wissenschaftler und Unternehmen tatsächlich schlimm dran wären. Lassen wir uns durch gegenteilige Meinungen nicht beirren, unsere Beiträge zu einer möglichst gesellschafts- und umweltverträglichen Wende zu leisten - das ist doch viel befriedigender!

(Gastautorin Gabi Hildesheimer/ETH-Zukunftsblog)

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