
Viele Dinge, die aus Tradition gemacht werden, haben sich längst von ihren ursprünglichen Beweggründen entfernt. Das sind nicht nur Volksfeste, die den Sinn der Blutauffrischung abgelegener Gemeinden längst verloren haben sondern auch Parteitage, bei denen schon vorher der Sieger fest steht, oder Formel 1 Rennen.
Wikipedia zum Deltawing
Der Atrikel zum erwähnten Rennwagen in der deutschen Wikpedia
wikipedia.org
Danach normalisierte sich das ganze Durcheinander etwas und ein McLaren gewann vor einem Red Bull. Sebastian Vettel, WM-Verteidiger und nach seinem miesen Training mit Rang zwei DIE Überraschung des Tages, wusste auch nicht, warum es auf einmal so toll lief und er «wieder den Gripp hatte, der im Training fehlte».
Nun bieten die geheimnisvollen Pirelli-Reifen endlos Material für Formel 1 Fans, zu diskutieren und Rätseln, aber am Ende finden diese Rennen in einem techno-regulatorischen Paralleluniversum, ohne jede Relevanz für die Technik im Strassenverkehr und den Alltag, statt.
Das war nicht immer so. Technische Innovationen aus dem Rennsport flossen während Jahrzehnten in den Alltag ein und machten Autos sicherer, schneller und sparsamer. Ob Scheibenbremsen oder Sicherheitsgurte, bessere Fahrwerke oder Reifen, ergonomischere Sitze und optimierte Motoren: Viele Dinge, die heute selbstverständlich sind, waren einmal freakige Ideen von Renningenieuren.
Doch diese Zeiten sind vorbei und nur bei der Werkstoffforschung (Stichwort Kohlefaserkarosserien) bestehen noch Überlappungen - doch Inspiration ist aus der Formel 1 selbst in dieser Hinsicht nicht zu erwarten. Stattdessen beschäftigen sich einige der klügsten Köpfe der Autotechnik mit aerodynamischen Kinkerlitzchen, die ihnen helfen, möglichst viel aus den Autos heraus zu holen, ohne mit den neuen Reglementsvorschriften zu kollidieren. Reglemente, die vor allem mit dem Ziel erstellt werden, die Autos nicht allzu schnell werden zu lassen.
Selbst das Downsizing der Motoren in den letzten Jahren hat nichts mit dem gleichnahmigen Trend bei Alltagsautos zu tun: Renntriebwerke sind, selbst wenn sie, wie heute, mehrere Rennen lang halten müssen (sprich ca. 20 Stunden, inklusive Trainings), höchstgezüchtete Aggregate ohne Alltagsrelevanz.
Wesentlich näher (wenn auch immer noch Lichtjahre weit weg) an der Praxis sind die Renner des 24-Stunden-Rennen von Le Mans, wo dank der Freigabe der Antriebstechnologie bereits Turbodiesel und zuletzt ein Hybrid-Fahrzeug den Sieg einfahren konnten.
Doch das sensationellste waren 2012 weder der Audi-Sieg noch Toyotas erstaunlich schnelle Hybrid-Renner, sondern ein irres kleines Auto, dass ausser Konkurrenz fuhr und nach sechs Stunden von einem der Toyotas von der Strecke gekegelt wurde: Der Nissan DeltaWing.
Dieses Rennauto sah nicht nur anders aus, es stellte so ziemlich sämtliche Konventionen darüber, wie ein Rennauto auszusehen hat, auf den Kopf. Mit einer Form, die an den SR-71 Spionageflieger erinnert und einer schmalen Fahrzeugfront, die bei Beobachtern die Furcht aufkommen lässt, dass das Auto jeden Moment überkippen könnte, stellte es sich als ein sehr fähiges Fahrzeug heraus, dass mit dem halben Gewicht, der halben Leistung (aus einem 1.6 Liter Saugmotor) und weniger als dem halben Verbrauch der herkömmlichen Rennwagen mit den LMP2-Fahrzeugen durchaus mithalten konnte.
Selbst wenn der Ausfall durch Fremdeinwirkung sehr bedauerlich war, darf der Einsatz als Erfolg gelten. In einer Zeit, in der selbst Rennwagen immer fetter zu werden scheinen, hat hier ein Konzept gezeigt, dass Effizienz und Kreativität mit dem ständigen «mehr, stärker, schwerer» konkurrieren kann. Die Begeisterung der Zuschauer war ein weiteres Indiz dafür, dass der DeltaWing ein Zeichen für die Zukunft sein könnte und dafür, ausserhalb der Regeln zu denken und die eingefahrenen Denkmuster hinter sich zu lassen.
Die sinnentleerten Regeln des Automobilsportes finden ihre Entsprechungen auch im Alltag, wo Innovationen und mutige Ideen (wie die ersten Entwürfe des DeltaWing) mit, «das geht nicht», «das funktioniert nie» und «von Anfang an zum Scheitern verurteilt» abgewürgt werden.
Stattdessen ist es ja gerade in einer Krise (und in einer solchen steckt ja nicht nur der Autorennsport) wichtig neue Ziele zu setzen. Und dies gelingt nur, indem man sich von bisherigen Dingen verabschiedet. Doch dies funktioniert nur, wenn auch die regeln geändert werden.
Die Formel 1 müsste endlich seine albernen Vorschriften alle in den Müll werfen und versuchen, eine sauschnelle Effizienzformel zu werden, in der bis auf die Crash-Sicherheit, grobe Dimensionen (Maximal-Länge und Breite) und den Energieverbrauch während eines Rennens praktisch nichts mehr vorgeschrieben wäre. Werden die Rennen zu schnell, schraubt man einfach am Energieverbrauch. Das Resultat wären neue Motorenkonzepte, aerodynamische Fortschritte und kreative Lösungen, die sich vor den Augen der Welt bewähren müssten und schon - wäre dies der Falle - bald auch wieder in die Serienfahrzeuge vordringen würden.
Doch solange sogar eigentlich irrelevante Veranstaltungen wie Autorennen durch Regelbücher in Telefonbuchdicke kreativ erstickt werden, darf es einen nicht wundern, wenn auch im Alltag Konformismus, Langeweile und Duckmäusertum Kreativität, Innovationsfreude und Mut ersetzen. Denn Regeln sind ja schon lange nicht mehr da, um sie zu brechen, oder auch nur zu hinterfragen. Schade.
(et/news.ch)
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