Entkoppelte Rituale
publiziert: Montag, 3. Sep 2012 / 11:55 Uhr / aktualisiert: Montag, 3. Sep 2012 / 12:17 Uhr
Nissan DeltaWing: Halbes Gewicht, halber Verbrauch, volles Tempo.
Nissan DeltaWing: Halbes Gewicht, halber Verbrauch, volles Tempo.

Viele Dinge, die aus Tradition gemacht werden, haben sich längst von ihren ursprünglichen Beweggründen entfernt. Das sind nicht nur Volksfeste, die den Sinn der Blutauffrischung abgelegener Gemeinden längst verloren haben sondern auch Parteitage, bei denen schon vorher der Sieger fest steht, oder Formel 1 Rennen.

1 Meldung im Zusammenhang
Weiterführende Links zur Meldung:

Wikipedia zum Deltawing
Der Atrikel zum erwähnten Rennwagen in der deutschen Wikpedia
wikipedia.org

Wer den gestrigen Grand Prix von Spa geschaut hat, konnte am Anfang die durchaus eindrückliche Vernichtung von Kohlefaserverstärkten Rennautochassis und die Beinahe-Enthauptung des WM-Führenden Alonso durch einen fliegenden Lotus beobachten.

Danach normalisierte sich das ganze Durcheinander etwas und ein McLaren gewann vor einem Red Bull. Sebastian Vettel, WM-Verteidiger und nach seinem miesen Training mit Rang zwei DIE Überraschung des Tages, wusste auch nicht, warum es auf einmal so toll lief und er «wieder den Gripp hatte, der im Training fehlte».

Nun bieten die geheimnisvollen Pirelli-Reifen endlos Material für Formel 1 Fans, zu diskutieren und Rätseln, aber am Ende finden diese Rennen in einem techno-regulatorischen Paralleluniversum, ohne jede Relevanz für die Technik im Strassenverkehr und den Alltag, statt.

Das war nicht immer so. Technische Innovationen aus dem Rennsport flossen während Jahrzehnten in den Alltag ein und machten Autos sicherer, schneller und sparsamer. Ob Scheibenbremsen oder Sicherheitsgurte, bessere Fahrwerke oder Reifen, ergonomischere Sitze und optimierte Motoren: Viele Dinge, die heute selbstverständlich sind, waren einmal freakige Ideen von Renningenieuren.

Doch diese Zeiten sind vorbei und nur bei der Werkstoffforschung (Stichwort Kohlefaserkarosserien) bestehen noch Überlappungen - doch Inspiration ist aus der Formel 1 selbst in dieser Hinsicht nicht zu erwarten. Stattdessen beschäftigen sich einige der klügsten Köpfe der Autotechnik mit aerodynamischen Kinkerlitzchen, die ihnen helfen, möglichst viel aus den Autos heraus zu holen, ohne mit den neuen Reglementsvorschriften zu kollidieren. Reglemente, die vor allem mit dem Ziel erstellt werden, die Autos nicht allzu schnell werden zu lassen.

Selbst das Downsizing der Motoren in den letzten Jahren hat nichts mit dem gleichnahmigen Trend bei Alltagsautos zu tun: Renntriebwerke sind, selbst wenn sie, wie heute, mehrere Rennen lang halten müssen (sprich ca. 20 Stunden, inklusive Trainings), höchstgezüchtete Aggregate ohne Alltagsrelevanz.

Wesentlich näher (wenn auch immer noch Lichtjahre weit weg) an der Praxis sind die Renner des 24-Stunden-Rennen von Le Mans, wo dank der Freigabe der Antriebstechnologie bereits Turbodiesel und zuletzt ein Hybrid-Fahrzeug den Sieg einfahren konnten.

Doch das sensationellste waren 2012 weder der Audi-Sieg noch Toyotas erstaunlich schnelle Hybrid-Renner, sondern ein irres kleines Auto, dass ausser Konkurrenz fuhr und nach sechs Stunden von einem der Toyotas von der Strecke gekegelt wurde: Der Nissan DeltaWing.

Dieses Rennauto sah nicht nur anders aus, es stellte so ziemlich sämtliche Konventionen darüber, wie ein Rennauto auszusehen hat, auf den Kopf. Mit einer Form, die an den SR-71 Spionageflieger erinnert und einer schmalen Fahrzeugfront, die bei Beobachtern die Furcht aufkommen lässt, dass das Auto jeden Moment überkippen könnte, stellte es sich als ein sehr fähiges Fahrzeug heraus, dass mit dem halben Gewicht, der halben Leistung (aus einem 1.6 Liter Saugmotor) und weniger als dem halben Verbrauch der herkömmlichen Rennwagen mit den LMP2-Fahrzeugen durchaus mithalten konnte.

Selbst wenn der Ausfall durch Fremdeinwirkung sehr bedauerlich war, darf der Einsatz als Erfolg gelten. In einer Zeit, in der selbst Rennwagen immer fetter zu werden scheinen, hat hier ein Konzept gezeigt, dass Effizienz und Kreativität mit dem ständigen «mehr, stärker, schwerer» konkurrieren kann. Die Begeisterung der Zuschauer war ein weiteres Indiz dafür, dass der DeltaWing ein Zeichen für die Zukunft sein könnte und dafür, ausserhalb der Regeln zu denken und die eingefahrenen Denkmuster hinter sich zu lassen.

Die sinnentleerten Regeln des Automobilsportes finden ihre Entsprechungen auch im Alltag, wo Innovationen und mutige Ideen (wie die ersten Entwürfe des DeltaWing) mit, «das geht nicht», «das funktioniert nie» und «von Anfang an zum Scheitern verurteilt» abgewürgt werden.

Stattdessen ist es ja gerade in einer Krise (und in einer solchen steckt ja nicht nur der Autorennsport) wichtig neue Ziele zu setzen. Und dies gelingt nur, indem man sich von bisherigen Dingen verabschiedet. Doch dies funktioniert nur, wenn auch die regeln geändert werden.

Die Formel 1 müsste endlich seine albernen Vorschriften alle in den Müll werfen und versuchen, eine sauschnelle Effizienzformel zu werden, in der bis auf die Crash-Sicherheit, grobe Dimensionen (Maximal-Länge und Breite) und den Energieverbrauch während eines Rennens praktisch nichts mehr vorgeschrieben wäre. Werden die Rennen zu schnell, schraubt man einfach am Energieverbrauch. Das Resultat wären neue Motorenkonzepte, aerodynamische Fortschritte und kreative Lösungen, die sich vor den Augen der Welt bewähren müssten und schon - wäre dies der Falle - bald auch wieder in die Serienfahrzeuge vordringen würden.

Doch solange sogar eigentlich irrelevante Veranstaltungen wie Autorennen durch Regelbücher in Telefonbuchdicke kreativ erstickt werden, darf es einen nicht wundern, wenn auch im Alltag Konformismus, Langeweile und Duckmäusertum Kreativität, Innovationsfreude und Mut ersetzen. Denn Regeln sind ja schon lange nicht mehr da, um sie zu brechen, oder auch nur zu hinterfragen. Schade.

(et/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Marcel Fässler wird seiner Favoritenrolle gerecht und gewinnt das legendäre 24-Stunden-Rennen in Le Mans. Der Werkpilot von Audi ... mehr lesen
Marcel Fässler (Archivbild).
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 20
«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt.
«Hier hätte ich noch eine ...
In den USA ist bei einer Frau mit Harnwegsinfektion zum ersten mal ein Bakterium aufgetaucht, das gegen das letzte Reserve-Antibiotikum resistent ist. Wer Angst vor ISIS hat, sollte sich überlegen, ob er seinen Paranoia-Focus nicht neu einstellen will. Denn das hier ist jenseits aller im Alltag sonst verklickerten Gefahren anzusiedeln. mehr lesen 3
Durch ungeschickte Avancen von SBB- und Post-Chefs, droht die Service-Public-Initiative tatsächlich angenommen zu werden. Von bürgerlicher Seite her solle laut einem Geheimplan daher ein volksnaher ... mehr lesen
Künftig mindestens 500'000.-- und die ganze Schweiz inklusive: SwissPass, der schon bald mal GACH heissen könnte.
Urversion von IBM's Supercomputer WATSON: Basis für 'ROSS'... und unsere zukünftigen Regierungen?
Eine renommierte US-Kanzlei stellt einen neuen Anwalt Namens Ross ein. Die Aufgabe: Teil des Insolvenz-Teams zu sein und sich durch Millionen Seiten Unternehmensrecht kämpfen. Und nein, ROSS ist kein armes Schwein, sondern ein ... mehr lesen  
In letzter Zeit wurden aus Terrorangst zwei Flüge in den USA aufgehalten. Dies, weil Passagiere sich vor Mitreisenden wegen deren 'verdächtigen' Verhaltens bedroht fühlten. Die Bedrohungen: Differentialgleichungen und ein ... mehr lesen
Sicherheitskontrolle in US-Airport: 95% Versagen, 100% nervig.
Typisch Schweiz Der Bernina Express Natürlich gibt es schnellere Bahnverbindungen in den Süden, aber wohl ...
Der Umsatz mit fair gehandelten Produkten hat zugenommen.
Shopping 62 Franken pro Kopf für fair gehandelte Produkte Zürich - Schweizerinnen und Schweizer haben 2015 für 520 Millionen Franken fair gehandelte Produkte mit dem Label Max Havelaar eingekauft. Den ...
Erstaunliche Pfingstrose.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: Alles könnte anders sein, aber nichts ändert sich.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Obama in Hanoi mit der Präsidentin der Nationalversammlung, Nguyen Thi Kim Ngan auf einer Besichtigungstour: Willkommenes Gegengewicht zu China.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Recep Tayyp Erdogan: Liefert Anstoss, Strafgesetzbücher zu entschlacken.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Di Mi
Zürich -1°C 3°C Nebelleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Nebel Nebel
Basel -1°C 5°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Nebel sonnig
St. Gallen -3°C 1°C Nebelleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig sonnig
Bern -2°C 2°C Nebelleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig sonnig
Luzern 0°C 3°C Nebelleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Nebel recht sonnig
Genf 2°C 5°C Nebelleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Nebel Nebel
Lugano 6°C 9°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig recht sonnig
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten