Existenzminimum: Leben mit 400 Euro
publiziert: Freitag, 24. Sep 2010 / 11:56 Uhr / aktualisiert: Freitag, 24. Sep 2010 / 14:02 Uhr

In Deutschland spielt sich soeben eine hoch-philosophische Debatte ab, die sich in den Mantel einer Sozialhilfe-Kontroverse gehüllt hat. Die sogenannten «Hartz-IV»-Sätze, die kombinierte Sozialhilfe und Arbeitslosenversicherung in Deutschland, müssen neu berechnet werden, da sie zum Überleben zu tief angesetzt worden seien.

5 Meldungen im Zusammenhang
Es heisst, dass der Satz von Momentan € 359.--/Person auf über € 400.-- steigen werde, wenn alle Grundbedürfnisse berücksichtigt werden sollen.

Nun ist der deutsche Staat ziemlich klamm und alles über der 400er-Grenze gilt als Tabu. Es wird daher nach Dingen gesucht, die wieder aus dem Mindestsatz gestrichen werden und so die Summe zurück unter diese Schallmauer bringen könnten. Speziell fiel da manchen der Posten Genussmittel auf, der «Alkohol, Tabak und Schnittblumen» beinhaltet.

Und natürlich darf und wird scheinbar berechtigt gefragt, warum der Staat für die Dekoration und den Suff von Arbeitslosen aufkommen soll. Doch man darf sich bei einem Regelsatz von €4.28.--/Tag, in dem auch die Nahrung und andere Getränke eingeschlossen sind, getrost fragen, ob ein erfülltes Suchtleben damit möglich ist.

Doch die Diskussion ist losgetreten und jeder, der sich in dieses Minenfeld der Emotionen begibt, kann  damit rechnen, nicht ohne Schrammen wieder heraus zu kommen. Und trotzdem tummeln sich sehr viele darin und trampeln fröhlich auf den Sprengsätzen herum.

Diese Debatte bringt denn – auch in der Schweiz – so schöne Worte wie Sozialhilfe-Schmarotzer und Scheinarbeitslose hervor. Und der Betrug in diesen Bereichen ist ein grosses Problem, das nur allzugerne unter den Teppich gewischt wird, weil es einerseits ideologische Wunschbilder zerstört (das Proletariat ist immer ehrlich) und auch die Kompetenz der Departementschefs schlecht aussehen lässt und deshalb vielfach nicht hart genug bekämpft wird. Doch es fliessen hier Probleme an den Rändern ineinander, die eigentlich weit auseinander liegende Kerne haben.

So haben Mindestsätze nur beschränkt etwas mit denen zu tun, die bewusst betrügen. Natürlich ziehen sogar relativ tiefe Sätze Menschen an, die mit sehr wenig auskommen und denen es nichts ausmacht, in einer dreckigen Wohnung rum zu hängen und nur Junk zu essen. Doch es sind nicht jene, um die es hier gehen soll.

Es geht um Leute, die Jahrzehnte lang gearbeitet haben und weg rationalisiert werden, den 57-jährigen Facharbeiter, der im (absurderweise) in manchen Firmen immer noch grassierenden Jugendwahn entsorgt wurde, es geht um die Opfer wirtschaftlicher Ränkespiele, die danach einfach keinen Platz mehr finden, so sehr sie sich auch bemühen. Es geht um jene, die sich schämen, nicht mehr dazu zu gehören.

Wenn man dies akzeptiert hat, stellt sich die nächste Frage: Was für ein Leben soll ein solcher Mensch führen, wenn erst mal seine Ersparnisse aufgebraucht sind? Sicher, in der Schweiz findet die Debatte auf einem (finanziell) um einiges höheren Niveau statt, aber sie scheint im Moment genau so wenig zielführend sein, wie in Deutschland. Das Gezanke ist jedenfalls genau so schlimm.

Vielleicht liegt das Problem ja im in unserer Gesellschaft völlig fragmentierten Menschenbild: Auf der einen Seite die biologische Maschine, die so billig wie möglich in den Produktionsablauf eingespiesen werden soll, auf der anderen Seite die rosa-roten Wolkenkuckucksvorstellung, dass nur der rundumversorgte Mensch auch ein glücklicher Mensch sein kann. Und dazwischen der Staat, in dem diese widerstrebenden Menschenbilder aufeinander treffen.

Psychologen wissen, dass ein gewisser Anpassungsdruck Menschen antreibt, über sich hinaus zu wachsen. Doch sie wissen genau so, dass ein aus der Gemeinschaft ausgestossener Mensch verloren ist, dass Perspektivlosigkeit und ein Gefühl der Verlassenheit zu asozialem und depressivem Verhalten führt.

Vom Staat zu verlangen, diese schwierige Balance aus Respekt und Druck, aus Sicherheit und Forderung zu finden, mag mehr sein, als erwartet werden kann. Doch dies wäre es, was eine menschliche von einer unmenschlichen Gesellschaft unterscheidet. Dies wäre, was jenen eine Chance gibt, die nach einem tiefen Fall von der gesellschaftlichen Leiter erst mal wieder auf die Beine kommen müssen, um diese Leiter wieder hinauf klettern zu können, so dass sie das Leben am Rand der Gesellschaft hinter sich lassen können.

(von Patrik Etschmayer/news.ch)

Machen Sie auch mit! Diese news.ch - Meldung wurde von einer Leserin oder einem Leser kommentiert.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Berlin - Nach einer hitzigen Debatte ... mehr lesen
«Armutszeugnis von elf Jahren»: Ursula von der Leyen.
Damit das Projekt längerfristig gelingen kann, sind laut Caritas-Direktor Hugo Fasel Produkte-Patenschaften für Obst und Gemüse nötig.
Bern - Wer arm ist, ernährt sich ... mehr lesen
Zürich - Die Bekämpfung von ... mehr lesen
Die Zürcher Behörden dürfen jetzt untereinander Informationen austauschen.
Die deutsche Familien- und Jugendministerin Kristina Schröder.
Berlin - Die deutsche Regierung will ... mehr lesen
Berlin - Das Jugendwort des Jahres ... mehr lesen
Jugendliche im Hauptbahnhof von Berlin.
Im Wahn des Sozialabbaus...
...befinden sich unsere bürgerlichen Parteien nicht zuletzt dank der SVP die alle Sozialbezüger, von welcher Institution auch immer, in den letzten Jahren erfolgreich kriminalisiert hat und zu Schmarotzern degradiert hat.
Da interessiert niemand mehr genaue Zahlen.
Hauptsache am Ende des Tages kann man grossmäulig erklären man habe den Betrügern und Schmarotzern ein Schnippchen geschlagen.

Und so wird es auch heute wieder sein, nach Annahme der ALV Revision.
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 21
«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt.
«Hier hätte ich noch eine ...
In den USA ist bei einer Frau mit Harnwegsinfektion zum ersten mal ein Bakterium aufgetaucht, das gegen das letzte Reserve-Antibiotikum resistent ist. Wer Angst vor ISIS hat, sollte sich überlegen, ob er seinen Paranoia-Focus nicht neu einstellen will. Denn das hier ist jenseits aller im Alltag sonst verklickerten Gefahren anzusiedeln. mehr lesen 4
Durch ungeschickte Avancen von SBB- und Post-Chefs, droht die Service-Public-Initiative tatsächlich angenommen zu werden. Von bürgerlicher Seite her solle laut einem Geheimplan daher ein volksnaher Alternativvorschlag vor den Wahlen als Killer-Argument gegen die Initiative publik gemacht werden. Dass dieser noch nicht öffentlich ist, liegt mal wieder am Geld. mehr lesen  
Eine renommierte US-Kanzlei stellt einen neuen Anwalt Namens Ross ein. Die Aufgabe: Teil des Insolvenz-Teams zu sein und sich durch Millionen Seiten Unternehmensrecht kämpfen. Und ... mehr lesen  
Urversion von IBM's Supercomputer WATSON: Basis für 'ROSS'... und unsere zukünftigen Regierungen?
Sicherheitskontrolle in US-Airport: 95% Versagen, 100% nervig.
In letzter Zeit wurden aus Terrorangst zwei Flüge in den USA aufgehalten. Dies, weil Passagiere sich vor Mitreisenden wegen deren 'verdächtigen' Verhaltens bedroht fühlten. ... mehr lesen  
Typisch Schweiz Der Bernina Express Natürlich gibt es schnellere Bahnverbindungen in den Süden, aber wohl ...
saleduck.ch, Logo
Shopping «Wär hetts erfunde?» Zwei Jahre nach der Gründung erhält Saleduck.ch eine neue Plattform und wird zu einer Deal Community. Neben einem neuen Layout bieten sich auch für Netzwerke und Advertiser viele ...
Erstaunliche Pfingstrose.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: Alles könnte anders sein, aber nichts ändert sich.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Obama in Hanoi mit der Präsidentin der Nationalversammlung, Nguyen Thi Kim Ngan auf einer Besichtigungstour: Willkommenes Gegengewicht zu China.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Recep Tayyp Erdogan: Liefert Anstoss, Strafgesetzbücher zu entschlacken.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Mi Do
Zürich 2°C 7°C wolkig, aber kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich wechselnd bewölkt
Basel 3°C 8°C wechselnd bewölktleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt wechselnd bewölkt
St. Gallen 2°C 5°C wolkig, aber kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Schneeregenschauer freundlich
Bern 2°C 6°C wolkig, aber kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich wolkig, aber kaum Regen
Luzern 3°C 7°C wolkig, aber kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt wechselnd bewölkt
Genf 3°C 8°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich bedeckt, wenig Regen
Lugano 7°C 14°C wechselnd bewölkt, Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig wolkig, aber kaum Regen
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten