Fabrikarbeiter verdienen mehr als Bühnenkünstler
publiziert: Dienstag, 24. Okt 2006 / 11:41 Uhr

Zürich - Sie sind die Stars an den Theatern der Schweiz. Aber sie verdienen Anfangslöhne von nur 3000 bis 3750 Franken pro Monat.

Freischaffende schlecht zu honorieren ist gängige Praxis, gerade bei Tänzern und Schauspielern.
Freischaffende schlecht zu honorieren ist gängige Praxis, gerade bei Tänzern und Schauspielern.
Freischaffende leben oft an der Armutsgrenze: Schauspieler, Sänger und Tänzer gehören zu den schlechtest bezahlten Berufen.

«Jeder ungelernte Fabrikarbeiter verdient im Durchschnitt mehr als ein Bühnenkünstler mit Jahresvertrag an einem Schweizer Theater», sagt Rolf Simmen, Geschäftsleiter des Schweizerischen Bühnenkünstler Verbands (SBKV) mit Sitz in Zürich.

Das technische Personal verdient in den ersten Berufsjahren rund 30 Prozent mehr als Schauspieler, Sänger oder Tänzerinnen. Kaufmännische Angestellte haben Anfangslöhne von über 4000 Franken.

42 000 Franken

Die Lohnsituation der Bühnenkünstlerinnen und -künstler sei in ganz Mitteleuropa gleich mies, sagte Rolf Simmen auf Anfrage der SDA. Die Filmgagen seien ebenso drastisch zurückgegangen wie Honorare für TV-Aufzeichnungen. Trotzdem: Bei einer Vakanz bewerben sich gegen 150 Interessenten.

Ein Durchschnittslohn von 42 000 Franken sei viel zu wenig für einen Familienvater, sagt Simmen: Er kennt Fälle, in denen Künstler mit Kindern mit derart tiefen Löhnen an Schweizer Theatern mit Jahresverträgen zu Sozialhilfe-Empfängern wurden.

Tabuisiert

Kantone und Städte zahlen zweistellige Millionenbeträge an Theater und Opernhäuser, die Löhne der Bühnenkünstler aber sind ein Tabu. Die Parlamentarier, welche die Subventionen sprechen, und die Verwaltungsräte der Theater kennen das Gesamtbudget, aber haben oft keine Ahnung, wie lausig die Löhne der Stars «ihrer» Häuser sind. Tabuisiert werden die miserablen Löhne auch von den Künstlern selber: Kaum einer weiss, was der Kollege verdient. Viele schämen sich sogar: Sie sind eine Elite mit hervorragender Ausbildung und leben trotzdem am Existenzminimum.

Wer sich allerdings gut verkauft, kann mit geschicktem Verhandeln oft einen höheren Lohn erzielen als seine Kolleginnen und Kollegen, wie Rolf Simmen sagt.

Lohndumping

Am schwierigsten sei die Lohnsituation für die Freischaffenden, sagt Simmen: Gagen von Leuten mit 20 Jahren Bühnenerfahrung, von Künstlern teils aus dem ehemaligen Ostblock, werden derart stark gedrückt, dass der SBKV jetzt gegen einzelne Theater vorgeht. «Hier geht es wirklich um Lohndumping», sagt Simmen.

Etwa in St. Gallen seien Fälle hängig, sagt Simmen: «Wir können erst etwas unternehmen, wenn sich jemand bei uns meldet. Freischaffende schlecht zu honorieren ist gängige Praxis.»

Die Fälle wurden dem Syndikus (Rechtsanwalt) des SBKV übergeben. Entschieden wird gemäss den Verträgen zwischen SBKV und Theatern. Wird keine Einigung erzielt, entscheidet das Bühnenschiedsgericht. Die Verfahren seien langwierig und mühsam, sagt Simmen. Sie dauerten oft bis zu drei Jahren.

Probe-Pauschale

Die klagenden Künstler müssen allerdings damit rechnen, nicht mehr beschäftigt zu werden. «Wir warnen die Leute. Aber wir brauchen Beweise», sagt Simmen. Manche Künstler sind derart enttäuscht, dass sie vor einer Klage nicht zurückschrecken.

Beispielsweise hätten Freischaffende, die als Gast engagiert werden, bei sechs Wochen Probezeit Anrecht auf eine minimale Gage von 4800 bis 5000 Franken. Oft erhalten sie aber nur einen Monatslohn von kaum mehr als 3000 Franken. Probe-Pauschalen von 1500 Franken für fünf Wochen Arbeit sind keine Seltenheit.

Ausgeträumt ist auch der Traum vom Fernsehen: Die Gagen für Theater-TV-Aufzeichnungen wurden innert 20 Jahren halbiert. In den 1980-er Jahren erhielten Schauspieler noch zwischen 5000 und 7000 Franken. Heute sind es gerade mal noch 2500 bis 6000 Franken.

Die Honorare für Wiederholungen sollen ganz abgeschafft werden. Dagegen wehrt sich der SBKV. Bei Fernseh-Produktionen sind mit der Gage alle Rechte abgegolten. Wiederholungshonorare gibt es keine.

(Margrith Widmer/sda)

 
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