
Ist die Welt nach dem grossen Powwow im Davoser Schnee klüger als zuvor? Wohl nicht. Darauf kommt es aber auch gar nicht an.
Einmal mehr wurde - gut bewacht von mit Steuergeldern bezahlten Ordnungshütern - in Referaten, Panels, Diskussionen und Kaminfeuer-Gesprächen in mehr oder weniger lockerer Atmosphäre der Zustand der Welt analysiert. Plausible oder weniger plausible Trends, kühne Szenarien und gewagte Prognosen wurden entworfen , beflügelt von der prickelnden Alpinen Luft, dem winterlichen Schnee und möglicherweise dem einen oder andern Hügelwein, Gin Tonic oder Mojito.
Journalisten aus Nah und Fern befragten mild die Mächtigen von Angesicht zu Angesicht. Alles ohne Krawatte. WEF-Gründer Klaus Schwab - fast so wie FIFA's Sepp Blatter auf gleicher Augenhöhe mit Premierministern, Staatsoberhäuptern oder den Granden internationaler Wirtschafts- und Finanzorganisationen - warf dem erlauchten Publikum und der Presse wohlformulierte, tiefgründige Worthülsen vor.
Das Davoser World Economic Forum jedenfalls ist weit weniger gefährlich, als sich das die Fundis der Anti-Globalisierungskampagne, Anti-WEF-Aktivisten und der Occupy-Wallstrett-Bewegung vorstellen. Da hilft auch Schwabs rühriger Mit-Genfer Jean Ziegler mit seinen bitter-scharf formulierten Breitseiten gegen den Kapitalismus nicht weiter. Der nach eigenem Bekunden «privilegierte» Genfer Professor und UNO-Mitarbeiter verpackt seine Daten stets so, dass sie stets zu seinen Hypothesen passen. Die antikapitalistischen Zieglerschen Worthülsen können sich mit Schwabs schillernden, neuerdings nur noch leicht Kapitalismus-freundlichen Worthülsen durchaus messen. Mit Wissenschaft hat beides wenig zu tun.
Sicher, Hunger ist - wie Ziegler richtig feststellt - ein Skandal. Dass Hunger hauptsächlich von Spekulanten und Multinationalen Gesellschaften produziert wird, ist dagegen nicht nachzuweisen und bedient - wie so oft in den Anti-Globalisierungskreisen - simple Verschwörungstheorien. Das ist natürlich sehr viel weniger mühsam, als sich mit Fakten auseinanderzusetzen. Ebensowenig der Wirklichkeit entspricht es allerdings auch, dass - wie man jährlich im Davoser Schnee zu hören bekommt - alles Gute von oben, will sagen von den Märkten, den Multis, den Unternehmern, der Politiker-Kaste oder gar den Bankern kommt.
Gewiss ist auch, das weltweite Armut ein Skandal und mithin inakzeptabel ist. Mit einem vertieften historischen Blick - dessen es in der Regel sowohl den Globalisierungs-Gegnern als auch den Finanz- und Wirtschafsbossen und nicht zuletzt den meisten Politikern, Bankern und nicht wenigen Wirtschafts-Journalisten gebricht - muss auch festgestellt werden, dass es der Menschheit insgesamt so gut geht wie nie zuvor in den rund fünftausend Jahren der geschriebenen Geschichte. Die vor 250 Jahren von Grossbritannien ausgehende europäische Industrielle Revolution hat die Weltgeschichte buchstäblich auf den Kopf gestellt. Die Globalisierung schliesslich der letzten sechzig Jahre brachte noch einmal einen in seiner Beschleunigung nie für möglich gehaltenen Schub zur Verbesserung des materiellen Wohlstands.
Vom weichen, blütenweissen Davoser Schnee geht es wieder in die Niederungen des harten, grauen Alltags. Im Business genau so gut wie in der Politik. Zieglersche Maximalforderungen und wohlgedrechselte, mit etwas Akademia angereicherte Davoser Worthülsen sind weder hilfreich noch gut. Jetzt geht es wieder ans Eingemachte. In Europas Schuldenländern zumal, aber auch in Amerika, China, Indien und anderswo. Was jetzt gefordert ist, sind hartes Feilschen, Kompromisse, Deals in den Hinterhöfen der Macht oder coram publico, mutige Reformen oder bei politischem Bedarf - wie beispielsweise in Myanmar oder Kuba und warum nicht in Nordkorea - auch Reförmchen. Debatten in nationalen Parlamenten und internationalen Gremien stehen auf der Tagesordnung.
Weder kompromisslose Maximalforderungen noch weich- und weiss-gespültes Verwedeln von unangenemen Fakten sind dabei förderlich. Nichts weniger als die Zukunft künftiger Generationen steht auf dem Spiel. Immerhin hat der Homo Sapiens Sapiens zum ersten Mal nach dem Übergang vom nomadisierenden Jäger und Sammler zum sesshaften Bauern vor zehn- bis fünfzehntausend Jahren die einmalige Chance, Armut und Hunger zu besiegen. Rein technisch jedenfalls steht einem solchen Unterfangen nichts entgegen. Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts zum Beispiel ist die Produktivität der Landwirtschaft dank der Wissenschaft exponentiell gewachsen. Nahrungsmittel gibt es also genug, allein die Verteilung und Spekulation ist das Problem.
An diesen fragwürdigen Spekulationen mit Nahrungsmitteln und fruchtbarem Ackerboden beteiligen sich in der globalisierten Welt sowohl kapitalistische als auch sozialistische Länder, verdienen sich damit eine goldene Nase und sichern sich so dringend benötigte, aber knappe landwirtschaftliche Ressourcen. Neben Wall Street in New York sollten vielleicht die Globalisierungsgegener - stets den moralischen Zeigefinger hoch erhoben - Mal in Shanghai, Peking oder Hanoi protestieren. Aber Occupy Tiananmen hatten wir ja 1989 schon einmal. Ohne internationale Beteiligung.
Eines aber muss man WEF-Gründer Schwab lassen. Schon vor Jahrzehnten hat er richtig vorausgesehen, dass persönliche Begegnungen durch nichts zu ersetzen sind. Trotz oder gerade wegen sozialen Netzwerken wie Twitter, Facebook, Sina Weibo, Linkedin oder Emails und dergleichen ist Davos nötiger denn je. Wenn es das World Economic Forum nicht schon gäbe, müsste es der rührige Genfer Professor aus Deutschland schleunigst gründen.
(Peter Achten/news.ch)
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