Falsche Erdöl-Prognosen verhindern Investitionen in Klimaschutz
publiziert: Mittwoch, 12. Sep 2012 / 09:00 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 13. Sep 2012 / 17:32 Uhr
Gastautor Beat Jans ist Nationalrat und Mitglied der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie UREK.
Gastautor Beat Jans ist Nationalrat und Mitglied der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie UREK.

«Bin ich überzeugt, dass Energiepreise künftig steigen, so wähle ich eher energetische Erneuerungsprojekte». ETH-Doktorandin Céline Ramseier brachte es in ihrem interessanten Blogbeitrag vom 13. Juli auf den Punkt: Investitionen für den Klimaschutz hängen massgeblich von den erwarteten Energiepreisen ab. Aber was ist, wenn die Prognosen der Energiepreise systematisch zu tief sind?

Weiterführende Links zur Meldung:

Blogbeitrag Céline Ramseier
Blogbeitrag von ETH-Doktorandin Céline Ramseier (13. Juli 2012): «Sind Kosten und Nutzen bekannt, wird energetisch saniert»
klimablog.ethz.ch

Interpellation von Beat Jans
Interpellation: «Glaubwürdigkeit der Internationalen Energieagentur». Eingereicht von Beat Jans am 23.12.2011.
parlament.ch

World Energy Outlook 2011
World Energy Outlook 2011: Zusammenfassung (in Deutsch)
worldenergyoutlook.org

IMF Working Paper
The Future of Oil: Geology versus Technology
imf.org

Was Ramseier für Hausbesitzer ermittelt hat, gilt erst recht für kommerzielle Investoren, die sich für Produktionsanlagen, Gebäude oder Energiesysteme entscheiden sollen. Sie müssen die Entwicklung der Energiepreise abschätzen, um die Opportunitätskosten zu ermitteln. Aber wie tun sie das und auf welcher Grundlage? Die Internationale Energieagentur (IEA) ist die wichtigste Referenz für Energieprognosen. Weltweit richten Firmen und Staaten ihre Investitionsentscheide nach ihren Prognosen aus.

Prognosen der Internationalen Energieagentur sind zu tief

Das Tragische ist: Die IEA prognostiziert den Ölpreis seit Jahren zu tief. 2002 schätzte sie, dass er im Jahr 2011 bei 22 US-Dollar pro Barrel landen würde. Tatsächlich lag er 2011 aber konstant über 100 US-Dollar. Inzwischen liegt er gar bei 115 US-Dollar.

Es ist nur schwer auszumachen, wie viele Milliarden an Klimaschutz-Investitionen weltweit nicht getätigt oder verzögert wurden, weil die IEA den Preis fossiler Energie viermal zu tief vorhergesagt hatte.

Die IEA überschätzt die Rohölförderung systematisch. In den Weltenergieperspektiven 2004 berichtete sie, dass die Rohölförderung bis 2030 um 40 Prozent ansteigen würde auf etwa 121 Millionen Fass (Barrel) pro Tag. Seither hat die IEA ihre Lieferprognosen ständig nach unten korrigiert. 2006 auf 116 Millionen, 2008 auf 105 Millionen und Ende 2011 auf 95 Millionen Fass pro Tag. Über dreissig Prozent der für 2035 prognostizierten Ölliefermengen müssen gemäss IEA noch erschlossen werden («yet to be developped») - und zwanzig Prozent müssen gar noch gefunden werden («yet to be found»). Das ist sehr viel Unschärfe - mit schädlichen Folgen für das Klima.

Bundesrat sendet verheerende Signale

Auch der Schweizer Bundesrat muss Annahmen zur Entwicklung des Energiemarktes treffen. Diese sind für die Energieperspektiven 2035 und für die Energiestrategie 2050 von grosser Bedeutung. Der Bundesrat nimmt an, dass ein Fass Öl im Jahre 2050 auf dem Weltmarkt je nach Szenario zwischen 83 und 115 Dollar kosten wird. Das antwortete er auf meine Interpellation (siehe weiterführende Links).

Der Bundesrat geht also tatsächlich davon aus, dass der Ölpreis im Jahr 2050 maximal so hoch sein wird wie heute. Er sendet damit ein für den Klimaschutz verheerendes Signal aus. Und worauf gründet er seine Annahmen? - Der besorgte Leser ahnt es: auf die IEA.

Modelle der Internationalen Energieagentur sind umstritten

Wie umstritten die Modelle der IEA inzwischen sind, machte kürzlich ein Autorenteam des Internationalen Währungsfonds deutlich (siehe weiterführende Links). Das Team geht davon aus, dass der Ölpreis schon 2020 bei rund 180 Dollar liegen wird. Es schätzt eine Spannweite von 120 bis 220 Dollar - und liegt damit auch im optimistischsten Szenario klar über der Schätzung der IEA.

P.S. Die Schweiz unterstützt die Internationale Energieagentur jährlich mit einem Mitgliederbeitrag von 400'000 Schweizer Franken und Forschungsgeldern von 800'000 Schweizer Franken.

(Gastautor Beat Jans/ETH-Klimablog)

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Bernhard Truffer ist Leiter der Abteilung Umweltsozialwissenschaften an der Eawag.
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