Von Löwen im Hasenstall
Fasnachtsbeizen-Tour im Rheintal
publiziert: Samstag, 6. Feb 2016 / 10:40 Uhr

Wenn im St. Galler Rheintal eine Stange Bier plötzlich sieben Franken kostet und triste Landspunten zu bunten Motto-Stripclubs mutieren, ist Beizen-Fasnacht. Seit Wochen locken sie mit leichtbekleideten Mädchen und schummriger Beleuchtung die Landjugend an, die dort ihren Lehrlingslohn versäuft. Eine Tour durch die Fasnachtsbeizen im unteren Rheintal.

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Der «Schmutzige Donnerstag» schien mir der passende Tag zu sein, eine Tour durch die Rheintaler Fasnachtsbeizen zu machen.

1. Station: Loch, Widnau

Das vielversprechende Motto der Beiz in Widnau heisst 'Crazy Hole'; doch so viel Verrücktes lief um 20.15 Uhr noch nicht. Ja, nicht einmal die Musik spielte. Dies wurde dann doch noch geändert, so dass die zehn Gäste (inklusive mir) in den Genuss von DJ Ötzis Pizzahut kamen. Es waren sechs Damen anwesend und ich staunte, das nur zwei davon in Unterwäsche umherschwirrten.

Kurz nachdem ich an die Bar sass, schenkte mir die Dame links von mir direkt ein Lächeln. Ich lächelte zurück, wandte meinen Blick jedoch wieder ab von ihr, um mir die Deko genauer anzuschauen. Diese liess zu wünschen übrig. Ein wenig Lametta und eine rote Lichterkette, die in einem Ficus hing: Das war's. Während der nächste unzumutbare Ballermannhit angespielt wurde, näherte sich mir eine Animier-Dame. Sie legte ihre Hand auf meinen Rücken sagte: «Hey Darling» und setzte sich auf den Barhocker neben mir.

Sie nannte sich Karina und kam aus Estland. Ihr langes wasserstoffblondes Haar wurde nur noch von der Grellheit ihres hautengen, neongelben Kleidchens getoppt. Sie erzählte mir, dass sie in der Schweiz sei, um sich zu Hause Massagekurse leisten zu können, um eines Tages ihr eigenes Massagestudio zu eröffnen.

Kaum hatten wir fünf Minuten gesprochen, wollte sie direkt von mir eingeladen werden. Ich liess mich nicht darauf ein. Auch als sie mir einen Tanz anbot, lehnte ich dankend ab. Etwas enttäuscht stand sie auf und verliess das Lokal. Ich auch.

2. Station: Löwen, Widnau

'Welcome to the Jungle' und sechs 'Girls' wurde einem auf einem Plakat vor Beiz Nummer zwei versprochen. Drinnen angekommen war aber nichts vom Dschungel zu sehen. Ich hatte eher das Gefühl in einer Kreuzung zwischen einer blauen Pepsi-Dose und einer Südseeinsel gelandet zu sein. Die komplette Decke und ein Grossteil der Wand waren mit blauem Stanniol verdeckt. Über der Bar war ein Fischernetz gespannt mit Plastikfischen und anstatt Lianen oder sonst was Dschungel ähnliches fand man Rettungsringe und Leuchttürme vor.

Auch das Versprechen von sechs anwesenden 'Girls' wurde nicht gehalten, es waren deren drei. Ich wurde sehr freundlich von der Dame an der Bar begrüsst. Sie hatte einen Totenkopf zwischen ihren Brüsten tätowiert und an ihrem Arm erkannte ich die 'Tupfen' eines Leopards. «Sie vereint die Südsee und den Dschungel optimal», dachte ich mir.

Im Gegensatz zu Beiz Nummer eins entschied ich mich hier für einen Tisch in der Ecke. Die Bar war sehr gut gefüllt und es wurde emsig miteinander geschwatzt. Die in Unterwäsche bekleideten Damen schauten, dass die Herren an den Tischen stets was zu Trinken hatten. Die Überraschung hier: ein weiblicher Gast.

3. Station: White Horse Pub, Au

In Fasnachtsbeiz Nummer drei entschied ich mich wieder für einen Platz an der Bar. Es herrschte reger Betrieb und es war nicht so leicht eine Lücke zu finden. Die Damen hinter der Bar trugen weisse Tops und Hotpants, während die Frauen an den Tischen sich in Unterwäschen mit den Gästen unterhielten.

Die Dekoration in diesem Lokal war entgegen des Namens nicht weiss, sondern rot. Die Wände waren total mit rotem Stanniol abgedeckt und die Bar mit rotem Lametta verziert. Die rot blinkenden Lichterketten durften auch nicht fehlen.

Während ich an einem Getränk nippte, griff der Wirt zum Mikro und kündigte eine Showeinlage eines der 'Girls' an. Sogleich drehten sich alle Blicke an der Bar Richtung Striptease-Stange. Svenja tanzte zu Zucchero und zog sich ihr Knasti-Outfit bis aufs Höschen aus - ganz zur Freude des Publikums. Nach der Show erntete sie ihren verdienten Applaus und der Showmaster  machte darauf aufmerksam, dass in Kürze Politesse Lilly auf Tisch eins tanzen werde. Dies geschah dann auch. Lasziv räkelte sie ihren Körper auf dem Tisch und zog sich für die Herren aus. Einigen von ihnen fielen schier die Augen raus. Nachdem der Kopf eines Gastes aus ihren Brüsten befreit worden war und die Musik verstummte, hatte ich genug gesehen. Ich trank mein Bier aus und zog weiter.

4. Station: Big Hasenstall, Au

Fasnachtsbeiz Nummer vier war schlecht besucht als ich ankam. Dabei hatte man zur Dekoration extra mehrere Pavillons aufgestellt, welche Berghütten darstellen sollten. Das Licht war weniger grell als in der Bar zuvor und auch das Stanniol setzte man sparsamer ein. Abgerundet wurde die Deko mit Köpfen und Illustrationen von Hühnern um dem Motto 'Crazy Chicken' zumindest ein wenig gerecht zu werden.

Zwei «Hasen» in Hotpants und langärmligen Oberteilen standen an der Bar. Die Dunkelhaarige strahlte mich an und forderte mich auf an der Bar Platz zu nehmen und mich wie zu Hause zu fühlen. Sie fügte noch an, dass es hier wahrscheinlich besser sei und zwinkerte mir zu. Ich bestellte bei ihr und begann mich mit ihr zu unterhalten. Die junge Frau heisst Kristina und kommt aus Tschechien, ihre Kollegin Aleksandra hingegen aus der Slowakei. Sie waren beide sehr gut gelaunt und sangen hinter der Bar mit. Auf der Playlist des Lokals befand sich so ziemlich alles und dank der Shuffle-Funktion der Anlage kam ich in den Genuss von 'Coco Jambo' gefolgt vom 'Ku-Ku-Jodel' von Oesch's die Dritten.

Als ich ging, hatte sich der Hasenstall doch noch leicht gefüllt - zwei fünfköpfige Männergruppen, die wohl auf Hasenjagd waren.

5.  Station: Old Erica, St.Margrethen

Beiz Nummer fünf war am aufwendigsten dekoriert von allen. Man merkte, dass sich da jemand etwas überlegt hatte. Das Motto 'Lucky Luke' wurde toll umgesetzt. Kein Stanniol oder sonstiges Glitzerzeug malträtierten meine Augen.  Abbildungen vom Comichelden und seinen Erzfeinden, den Daltons, gaben dem rustikalen Ambiente den letzten Schliff. Ich setzte mich sogleich auf einen Pferdesattel (!) an der Bar und bestellte mir ein Getränk.

Die zwei Ungarinnen, die mich an der Bar bereits erwartet hatten, waren ganz normal gekleidet. Von knappen Kleidchen oder gar Unterwäsche, keine Spur. Vielleicht war das Lokal auch deshalb komplett leer. Ich entschied mich draussen eine zu rauchen und als ich an die Theke zurückkehrte traf ich einen andern 'Beizentürler' an. Ich unterhielt mich mit ihm und erfuhr von ihm das in Beiz eins, nach meinem Verlassen, doch noch einiges los war. 

Ich trank aus und machte mich auf den Heimweg, wo ich mir erst mal den ganzen Glitter aus dem Gesicht waschen musste.

(Arcangelo Balsamo/news.ch)

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