Fassbare Nazis
publiziert: Donnerstag, 27. Jan 2005 / 11:56 Uhr / aktualisiert: Freitag, 28. Jan 2005 / 12:57 Uhr

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Es wird momentan der 60. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz begangen. In Kommentaren wird allgemein vom Unfassbaren, Ungeheuerlichen, Unmenschlichen geredet, was dort passiert ist.

Zweifellos waren die von den Deutschen dort inszenierten Gräuel für die Betroffenen von ungeheurer Grösse, die Entwürdigung vom Schlimmsten, was man sich vorstellen kann. Womöglich noch schlimmer.

Doch tut man den Nazis nicht zuviel der Ehre an, wenn man sie zu unfassbaren Ungeheuern macht? Verdienen Sie wirklich diesen Spitzrang, wenn auch im negativen Sinne?

Die Zahlen sprechen offenbar dafür. Über eine Million Menschen wurden in den vier Jahren umgebracht, in denen Auschwitz den Tod produzierte: Vergast, erschossen, zu Tode gearbeitet, erschlagen. Und danach in den eigens von der Firma Topf und Söhne konstruierten Krematoriumsöfen verbrannt. Die Tonnen von Asche, die täglich anfielen wurden auf Feldern verstreut und in den nahen Fluss geschüttet.

Hier zeigt sich etwas, dass diese ganze Sache auf ein begreifliches Mass zurückstutzt: Die Nazis hatten keinen grösseren Judenhass als viele Antisemiten in der europäischen Kulturgeschichte. Sie waren einfach die ersten, die das Töten industrialisierten.

Der geistige – oder geistlose – Überbau war dabei schon längst vorhanden. Vorurteile, die dumpfe Geister ansprachen, tief vergrabener Hass auf das Andere, der seit Generationen schwelte und immer wieder aufgeflammt war. Doch dieses Mal konnte er – den Errungenschaften der Industrie wegen – in einem Feuerwerk des Grauens explodieren.

Die Nazis hatten ihre Ideologie auf Hass und verquaster Mythologie aufgebaut. Die Grundlage ihres Denkens – dieses Wort ist eigentlich schon zu schmeichelhaft – war die Entmenschlichung ganzer Völker. Diese 'Nichtarier' waren per Definition die Todfeinde der nordischen Herrenrasse, von der Hitler und Himmler träumten. Und die Vernichtung von diesen Feinden war im Mythos schon fest geschrieben. So schwangen sie sich, alle Realitäten geflissentlich ignorierend, zu den Vollstreckern auf. Vollstrecker einer absolut lächerlichen, dummen und banalen aus Versatzstücken verschiedener Völker zusammen gepuzzelten Mythologie.

Es brauchte einige Zufälle, um diese Ansammlung von Irren an die Macht zu bringen. Doch von da an folgte alles einer stringenten, kranken Logik, die Hitler in seinem 'Mein Kampf' längst vorgezeichnet hatte.

Wie banal und dumm jene Täter waren, zeigt sich ja auch immer wieder an deren geistigen Erben. Der jüngst Eklat mit den NPD-Abgeordneten im Landtag von Sachsen-Anhalt ist bezeichnend für die Dummheit, die in der rechts-extremen Szene fast schon zwingend ist. Die Behauptung eines Redners, dass die Bombardierung von Dresden durch die Alliierten und der Einmarsch der Nazis in Polen keinen ursächlichen Zusammenhang habe, war ein Tiefpunkt: Sowohl was historische Genauigkeit als auch masslose Dummheit der Argumentation angeht.

Doch es waren genau solche Dummköpfe, welche die Todesfabriken und die Millionen von Morde verursacht haben. Es sind solche banale Gestalten, die ihre Rolle im Leben nur zu finden Vermögen, indem sie andere Menschen erniedrigen, die Treibstoff und Schmiermittel des Nazi-Regimes waren.

So stehen die KZ nicht nur als Mahnmal gegen Unmenschlichkeit da. Auschwitz, Treblinka, Buchenwald und wie sie alle heissen, müssen auch ein Zeichen gegen Dummheit, Anpassung, Mitläufertum und Rassismus sein. Denn dies sind Dinge, die auch heute noch in vielfältiger Verkleidung unglaubliches Leid in der Welt verursachen und deshalb bekämpft werden müssen.

(von Patrik Etschmayer/news.ch)

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