Was bin ich?
Ferien-Menschen
publiziert: Montag, 15. Jun 2015 / 08:47 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 17. Jun 2015 / 14:24 Uhr
Gestrandete.
Gestrandete.

Ein Ochse bleibt ein Ochse, auch wenn er nicht auf dem Felde steht, könnte ein Sprichwort lauten, das es nicht gibt. Ausser es sind Schweizer im Stau.

Meine Lieblingsbeschäftigung in den Ferien ist das Ausspionieren anderer Hotelgäste beim Morgenessen. Das heitere Beruferaten ist allerdings ein frustrierendes Spiel, weil es meist keine Auflösung gibt. 

Trotzdem erkennt man einen CEO auch in den Ferien. Und zwar am fehlenden Gespür für Freizeitkleidung, weil er stets Anzüge trägt. Sie ist entweder ausgeleiert, ausgewaschen, ausser Mode oder ganz neu; gekauft von der CEO-Ehefrau kurz vor den Ferien. Ein CEO verrät sich nicht nur, weil er selbst in Badehose noch die aufgeblasene Körper-Haltung eines Chefs hat und seinen fortgeschrittenen Bauchansatz rausstreckt, der von ausgedehnten Business-Lunches in Lokalen mit weissen Tischtücher zeugt.

Selbst auf dem Stuhl am Frühstückstisch entlarvt er sich als Chef. Er belastet nämlich stets nur eine Arschbacke, während er sich mit dem Ellbogen auf der Stuhllehne abstützt und seine Fessel leger auf seinen anderen Oberschenkel legt; es ist die Haltung von Jemandem, der es gewohnt ist, lange Stunden an Sitzungen zu verbringen und Probleme auszusitzen.

Der Selbstständigerwerbende hängt auch in den Ferien ständig am Telefon und statt im Pool Runden zu schwimmen, dreht er telefonierend seine Runden um das Becken. Als Herren ihrer eigenen Geschäfte sind sie für Notfälle jederzeit erreichbar, weil sie vermeiden möchten, dass ihre Ferien ihnen danach nicht noch mehr Arbeit verursachen. Und Notfälle gibt es in kleinen Betrieben viele.

Ein kleiner Angestellter hingegen nutzt die Gelegenheit, während der Ferien offline zu gehen und für niemanden erreichbar zu sein. Er fühlt sich dadurch wichtig, weil er glaubt, eine Grenze zwischen Privat und Geschäft zu ziehen sei erwachsen und professionell. 

Der Zimmermann begutachtet überall Türrahmen klopft auf Holztische und beanstandet die miese Verarbeitungsqualität von Deckenkonstruktionen, während Buchhaltungsangestellte ständig am Kursrechnen sind. Wenn sie sich zusätzlich diebisch über das Resultat freuen, wie günstig ihr Essen war, sind es Schweizer, die ihr Glück über den tiefen Euro-Kurs immer noch nicht fassen können.

Ich bin kein Freund neuer Freundschaften. Besonders mit Schweizern. Einen Schweizer zu treffen, ist immer eine mühsame Angelegenheit. Ständig versuchen  sie, einen gemeinsamen Nenner zu finden. «Vo wo bisch?»- «Züri.» - «Kännsch Claudia vo Züri?» - «Na klar ...»

Ich begegne meinen Landsleuten nur ungern in den Ferien. Nicht, weil sie nicht nett wären. Schweizer sind überdurchschnittlich freundlich zueinander in den Ferien. Das liegt daran, dass der Schweizer immer nett ist, wenn er unsicher ist. Vielleicht ist man ja auf die Hilfe des anderen angewiesen. Kaum hinter der Grenze sind sich die Schweizer wieder spinnefeind. Der Autobahn-Abschnitt gleich nach dem Zoll in Chiasso bis Bellinzona ist ein einziges Gerangel und Gehupe - dort ist der Schweizer wieder ganz der Alte. Bis zum Stau vor dem Gotthard. Dann herrscht wieder Solidarität unter den Gestrandeten; eine Schicksalsgemeinschaft, die einander hilft. Bis es wieder weitergeht und alle anderen Tuble auch wieder weiterfahren ... 

(Jürg Zentner/news.ch)

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