Filmbesprechung: November von Luki Frieden
publiziert: Freitag, 31. Okt 2003 / 08:20 Uhr

Bern - Ein Monat Drehzeit und ein Minibudget reichten dem 30-jährigen Thuner Luki Frieden, um einen anrührenden, erstaunlich professionellen Film zu machen. "November" wurde schon vor der Premiere in den renommierten Max-Ophüls-Wettbewerb aufgenommen.

Die erste Szene erzählt vom Ende der Geschichte, vom ersten Schnee des Jahres und der letzten Nacht eines Mädchens: Dicke Flocken schweben langsam um eine Tanzende. Wie im Märchen "Sterntaler".

Oder auch wie in einer dieser Schneekugeln mit Monumenten, die man schon lange 'mal besuchen möchte. Geldregen und Sehnsüchte: das sind die Hauptmotive des Films.

Zeitenspalt

Die 11-jährige Yvonne träumt davon, ihre Internet-Freundin in Los Angeles zu besuchen. Vater Paul, eine niedere Charge bei einer Versicherung, könnte eine neue Karre gebrauchen. Und Mutter Marianne käme gern 'mal raus aus dem Einfamilienhaus, so wie ihre ungebundene Freundin.

Ausgerechnet an Halloween, wenn nach altem Glauben das Übersinnliche durch den Zeitenspalt ins Diesseits dringt, passierts: Mutter gewinnt 2,8 Millionen Franken im Zahlenlotto. "Ich" betont sie, nicht "wir". Vater kauft sich trotzdem einen Mercedes.

Dem Kind wird Weihnachten in Amerika versprochen. Gekauft werden aber nicht Tickets für die Familie nach L.A., sondern für Mutter und Freundin nach Argentinien. Ausserdem lässt sich Marianne im Taumel der neu gewonnen Freiheit zu einer Bettgeschichte mit dem minderjährigen Nachbarsjungen hinreissen.

Vertrauensbruch

Nun verbreitern sich die Haarrisse in den Beziehungen bis zum drohenden Bruch. Die Streitereien der Eltern wecken im Kind die Angst vor Scheidung. Yvonnes Vertrauen in die Mutter, durch den Amerika-Schwindel schon arg erschüttert, schwindet nach deren Affäre gegen Null. Das Kind flüchtet immer öfter zum etwas älteren, flippigen Tunichtgut Iceman, der aber auch mehr verspricht, als er hält.

Als die befreundeten Nachbarn versuchen, einen Vorteil aus Mariannes Fehltritt zu ziehen, wächst das Ehepaar wieder zusammen. Yvonne wird es nicht mehr erfahren...

Realismus...

Er habe ursprünglich einen Film machen wollen, in dem sich ein Lottogewinner einen echten Hai für den Garten wünscht, bekennt der Regisseur. Doch dann habe er realisiert, dass sich eine Geschichte nicht durch eine möglichst originelle Handlung auszeichne, sondern dadurch, dass man seine Figuren und ihre "einfachen" Träume ernst nehme.

Diesen realistischen Ansatz verstärkte Frieden aufnahmetechnisch, indem er mit fixen Optiken arbeitete und mit Brennweiten, die denen des menschlichen Auges ähneln. Gedreht wurde in Privathäusern in Thun, ausgeleuchtet wurde dezent, damit die kleinbürgerliche Atmosphäre nicht zu glänzend und die Geschichte nicht zu hell erschien.

Die ausgezeichneten, theatererprobten Schauspieler - Charlotte Heinimann als Mutter, Max Rüdlinger als Vater, Oscar Bingisser und Stefan Gubser in Nebenrollen - stützen den Realismus mit schmerzhaft glaubwürdigen Spiel. Selbst die jugendlichen Laien - Muriel Rieben als Yvonne, Elias Arens als Nachbarsjunge - beeindrucken.

...und Kitsch

Wunderschöne, am Kitsch entlangschrammelnde Aufnahmen lockern die Wirklichkeitsnähe zum Glück etwas auf. Auch witzige Regieeinfälle wie ein "ernstes" Jungmännergespräch mit heliumgenerierter Mickey-Mouse-Stimme wirken entlastend. Und der Soundtrack des Ex-"Züri West"-Gitarristen Peter von Siebenthal ist herrlich atmosphärisch.

Unebenheiten hat der Film dennoch. Dass sich die Familie angesichts ihres Lottogewinns nie zur Besprechung zusammensetzt, wirkt etwas gar unglaubwürdig. Und die Wohnungseinrichtung der Brunners erinnert eher an die Grosseltern-, als die Elterngeneration. Schliesslich: Dass Mutter Basler, Vater Zürcher und Tochter Berner Dialekt sprechen, irritiert auch in der mobilen Gesellschaft.

Notiz: Der Film startet am 6. November im Berner Kino Movie 2, im Thuner Kino City und im Zürcher Movie 1.

(Irene Widmer/sda)

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