Flüchtlinge im Libanon: lieber Schulden als Hunger
publiziert: Freitag, 27. Nov 2015 / 16:18 Uhr / aktualisiert: Freitag, 27. Nov 2015 / 16:34 Uhr
Humus mit Fladenbrot ist das übliche Frühstück von Nour, Hasan und Fathmeh.
Humus mit Fladenbrot ist das übliche Frühstück von Nour, Hasan und Fathmeh.

Mit Cash-Cards von World Vision können sich syrische Flüchtlinge im Libanon Nahrungsmittel kaufen. Doch diese Hilfe reicht nicht aus.

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Cash-Card des WFP
Das Cash-Card-Project des Welternährungsprogramms.
wfp.org

Das Bild ist bekannt von Krisen aus der ganzen Welt: Schier endlose Schlagen von Flüchtlingen warten auf die Ausgabe von Lebensmittelrationen. Wenn sie endlich an der Reihe sind, bekommen sie einen Sack Reis oder Zucker, der dann bis zur nächsten Verteilung ausreichen muss. Auch für die Hilfswerke ist die Verteilung von Nahrungsmitteln eine grosse logistische Herausforderung.

In der Bekaa-Ebene verteilt World Vision in Zusammenarbeit mit dem Welternährungsprogramm (WFP) deshalb keine Lebensmittel, sondern stattet registrierte Flüchtlinge mit einer Cash-Card aus. Jeder Flüchtling erhält vom Welternährungsprogramm 13.50 Dollar im Monat auf seine Cash-Card, welche von World Vision ausgehändigt wird. Eine fünfköpfige Familie bekommt also monatlich 67.50 Dollar. Die Vorteile der Cash-Card sind augenscheinlich: Das Anstehen für Lebensmittelrationen entfällt und Familien können in Läden und Supermärkten einkaufen und selber entscheiden, was sie gerade dringend kaufen müssen. Diese Eigenständigkeit gibt ihnen ein Stück Würde und Freiheit zurück. Somit hat die Karte neben dem Geldwert auch einen hohen immateriellen Wert für die unzähligen Flüchtlinge in der Bekaa-Ebene.

Schuldenfalle Nahrungsmittel

Zu ihnen zählen Mohammad und Zakiya. Mit ihren 8 Kindern musste das Ehepaar 2012 aus Syrien flüchten. Sie waren auch damals nicht wohlhabend gewesen, hatten aber immer genug zum Leben gehabt. Seit ihrer Flucht lebt die Familie in einer notdürftig zusammengezimmerten Behausung, die mehr Zelt als Hütte ist. Der Vater Mohammad kann aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten. Aber als syrischer Flüchtling dürfte er sowieso nicht arbeiten im Libanon.

Darum besteht das Haupteinkommen der Familie aus den monatlichen Beträgen aus dem Cash-Card-Projekt. Doch diese reichen gerade einmal für 5 Tage. Den Rest des Monats muss die Familie Schulden machen und ist dabei auf die Gunst des örtlichen Supermarktbesitzers angewiesen: «Ich schulde ihm bereits 953 Dollar. Ich habe Angst, dass er mir bald nicht mehr erlauben wird, Lebensmittel bei ihm einzukaufen», klagt Mohammad.

Wenn ausgewogene Ernährung zum Luxus wird

Leisten kann sich die Familie nur Grundnahrungsmittel: Reis, Brot, Bulgur, Zucker, Linsen, Bohnen, Joghurt, Wasser und Tee landen in ihrem Einkaufskorb. Für Früchte oder Milch reicht das Geld nicht aus - geschweige denn für Fleisch, Fisch oder Süssigkeiten. «Manchmal träume ich von Fleisch und wache dann enttäuscht auf», erzählt Mohammad. Und die Aufzählung seiner 4-jährigen Tochter Fatmeh zeigt, wie eintönig ihr Essen jeden Tag ist: Humus mit Fladenbrot zum Frühstück, Bohnen am Mittag und zum Znacht eine Portion frittierte Kartoffeln. Andere Flüchtlinge können sich zum Zmittag (immerhin) einen Taboulé-Salat aus Bulgur, Tomaten und Gurken zubereiten.

Erst im Juli dieses Jahres mussten die Cash-Card-Beträge zum wiederholten Male gekürzt werden, da das Welternährungsprogramm WFP der UNO nur knapp 25 % der benötigten Hilfsgelder beschaffen konnte. In der Syrienkrise fehlen mittlerweile die Mittel, um grundlegende Dinge zum Überleben bereitzustellen. Doch Mohammad und Zakiya geben sich optimistisch: «Lieber leben wir mit Schulden, als dass unsere Kinder hungern müssen.»

(sk/World Vision)

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