Frenetischer Beifall an Dürrenmatt-Open-Air
publiziert: Samstag, 29. Jun 2002 / 17:10 Uhr

Bern - Als erstes Freilichtspiel auf dem Berner Gurten erntete am Freitag Friedrich Dürrenmatts "Ein Engel kommt nach Babylon" Standing Ovations: ein optisch und musikalisch schön angerichtetes Laientheater mit einigen fabelhaften Darstellern.

Als zu Beginn ein notdürftig als Bettler verkleideter Engel über die Lichtung kaspert wie einst Jim Knopf von der Augsburger Puppenkiste ist der geübte Theatergänger schon etwas irritiert. Doch bald gewärtigt er, wie ausserordentlich gut Chargieren zu dieser Groteske passt. Dürrenmatt war ja bekanntlich ein grosser Schenkelklopfer vor dem Herrn und subtiler Humor nicht sein Ding.

Ein Bettler sponsert 50 Dichter

Schlüssig ist die Inszenierung vor allem durch die Besetzung der Hauptrolle Akki mit dem begnadeten Amateur Theo Schmid. Denn im Stück ist der letzte Bettler Babylons der einzige gute Mensch, der einzige nämlich, der sich der Vereinnahmung durch die Macht der wechselnden Herrscher entzieht. Verständlich, dass ihm Gott durch den Engel das schöne Mädchen Kurrubi ("Cherub") überbringen lässt als Pfand der göttlichen Gnade.

Doch stösst der etwas naive Überbringer unplanmässig auf zwei Bettler. Nebukadnezar in Obdachlosenkluft horcht nämlich gerade den Rebellen Akki aus. Ein Bettlerwettstreit soll entscheiden, wer der allerärmste ist. Natürlich "gewinnt" der König. Der hat ja auch von Tuten und Blasen keine Ahnung, dieweil Bettelprofi Akki den Babyloniern mit der List eines PR-Beraters genug Almosen abluchst, um 50 Dichter zu sponsern.

Aussichtsturm gibt sein Bühnendebüt

So gewinnt denn Nebukadnezar aus bettlerischem Unvermögen die Gnade Gottes. Sie (die gebürtige Ghanerin Rita Etter) verliebt sich sofort in ihn und er in sie. Doch der König ist beleidigt, dass Gott einen Bettler vorzieht und verkauft die Schöne Akki.

In der Folge entbrennt die männliche Hälfte Babylons in Liebe zu Kurrubi, Chaos und Palastrevolte brechen aus. Nebukadnezar verspricht das Mädchen dem, der seine ganze Habe gegen sie eintauscht - und findet keinen Freiwilligen.

Kurrubi wird erneut verstossen und wiederum von Akki aufgenommen. Nebukadnezar verflucht Gott und der Aussichtsturm auf dem Gurten kommt zu seiner allerersten Bühnenrolle: als pyrotechnisch demolierter Turm zu Babel.

Ramponierte Welt

In die ohnehin schon grandiose Naturkulisse über den Lichtern Berns haben Fredi Stettler und Stefanie Liniger ein weisses, leicht ramponiertes Babylon gebaut, wie Dürrenmatt es sich gewünscht hat: Ein halber Brückenbogen mit Schweizer Wohlstandsgerümpel und New Yorker Homeless-Tonne drunter, ein schäbiger Puff, ein kaputtes Palasttor. In einer Ruine residiert der US-Jazzer Jalalu-Kalvert Nelson, der mit kühnen Drum- und Trompeten-Kompositionen dem Stück musikalischen Weltstadt-Glamour verleiht.

Regisseurin Livia Anne Richard, eine Theater- Quereinsteigerin mit Freilichterfahrung in Moosegg und Ittigen - lässt eine von ihr modernisierte berndeutsche Fassung spielen. Ein kluger Schachzug: Unser handelsübliches Helveto-Germanisch wär´ dann doch ein bisschen zu viel unfreiwillige Komik gewesen.

Listige Regie

Richard kennt noch mehr Tricks, um die natürlichen Schwächen von Laien zu überspielen. So lässt sie Massenszenen während längeren Monologen "einfrieren". Das bewahrt die Ungeübten davor, beim Dumm-Rumstehen aus der Rolle zu fallen.

Eine Hauptstärke der Regisseurin, neben der unmittelbaren Inszenierung, ist die Besetzung. Aus 130 Bewerbern wurden 43 ausgewählt. Viele, schwärmt Richard, sind eigentlich für ihre Nebenrollen überqualifiziert. Mit Theo Schmid als Akki und René Blum in Dürrenmatts Lieblingsrolle als Theologe hat sie sich zwei "Amateure" geangelt, die es in jahrzehntelanger Theaterarbeit auf Profiniveau gebracht haben.

Der frischgebackene Schauspielschüler Caspar Kaeser überzeugt als androgyner Zappelengel. Kurrubi Rita Etter übrrascht, auch wenn ihre Stimme die allerverzweifeltste Rolle nicht immer ganz aushält. Dem "Bluesbrothers"-Duo Markus Maria Enggist und Ronni Roberggt als Nebukadnezar und Nimrod merkt man an, dass sie aufeinander eingespielt sind. Ihre ständigen Machtwechsel haben schon fast Kabarett-Qualität.

(Irene Widmer/sda)

.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 21
Immer dabei: Das Stier-Maskottchen bei der Preisverleihung.
Immer dabei: Das Stier-Maskottchen bei der Preisverleihung.
Preisverleihung  Bern - Zum krönenden Abschluss seiner 150. Jubiläumssaison beherbergt das Stadttheater Schaffhausen den Salzburger Stier 2017. Es ist das vierte Mal, dass der renommierte deutschsprachige Kabarettpreis in der Schweiz stattfindet. mehr lesen 
In La Chaux-de-Fonds  La Chaux-de-Fonds - Das Museum für Kulturen des Islam in La Chaux-de-Fonds NE ist am Wochenende eröffnet worden. Den Besuchern ... mehr lesen  
Den Besuchern wurden neben den Ausstellungen auch Ateliers, Erzählungen und Kalligraphie-Kurse geboten.
Kino Rolle des Magiers J. Daniel Atlas  Hollywoodstar Jesse Eisenberg (32) würde immer lieber einen bösen Buben spielen. mehr lesen  
Leona Lewis gibt mit 'Cats' ihr Broadway-Debüt.
Grosse Ehre  Sängerin Leona Lewis (31) versucht sich jetzt als Musicalstar: Am New Yorker 'Broadway' wird sie in 'Cats' ... mehr lesen  
Titel Forum Teaser
  • Pacino aus Brittnau 731
    Und noch ein Pionier . . . . . . ach hätten wir doch bloss für jeden hundertsten Juristen einen ... Fr, 24.06.16 09:54
  • jorian aus Dulliken 1754
    SRG: Eishockey & und der ESC Wer am Leutschenbach nicht gehorcht, muss den ESC oder die Eishockey WM ... Fr, 13.05.16 05:44
  • zombie1969 aus Frauenfeld 3945
    Die... Entscheidung von A. Merkel ist völlig richtig: -Sie ist juristisch ... So, 17.04.16 14:13
  • zombie1969 aus Frauenfeld 3945
    Komiker... Böhmermann wird vermurlich, damit die Türkei-Deal-Marionetten in Berlin ... Di, 12.04.16 13:37
  • Bogoljubow aus Zug 350
    Sind Sie sicher dass es nicht Erdowann oder gar Erdowahn heisst? So, 03.04.16 10:47
  • HeinrichFrei aus Zürich 431
    Zürich: von «Dada» zu «Gaga» Die «Dada» Veranstaltungen in Zürich zeigen, dass «Dada» heute eher zu ... Mo, 15.02.16 22:51
  • Midas aus Dubai 3810
    Finde den Unterschied Ah ja, wieder der böse Kapitalismus. Wie gesagt, haben Sie ein besseres ... Mo, 01.02.16 02:48
  • Kassandra aus Frauenfeld 1781
    Schöner kann man's nicht erklären «Es handelt sich hier um ausserordentlich sensible Figuren. Da ist zum ... So, 31.01.16 16:48
art-tv.ch Gotthard. Ab durch den Berg Das Forum Schweizer Geschichte in Schwyz zeigt die Tunnelbauten ...
Niconé.
Felix Steinbild
news.ch hört sich jede Woche für Sie die interessantesten neuen CDs an und stellt sie Ihnen hier ausführlich vor.
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Do Fr
Zürich 12°C 28°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
Basel 13°C 28°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
St. Gallen 15°C 25°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
Bern 12°C 27°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
Luzern 14°C 27°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
Genf 14°C 28°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
Lugano 18°C 27°C Wolkenfelder, kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig gewitterhaft Wolkenfelder, kaum Regen
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten