Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Susan Sontag
publiziert: Freitag, 10. Okt 2003 / 18:47 Uhr / aktualisiert: Freitag, 10. Okt 2003 / 19:31 Uhr

New York/Frankfurt - Susan Sontag ist eine Meisterin der Provokation. Wenn sie am Sonntag in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennimmt, will die Autorin wie gewohnt kein Blatt vor den Mund nehmen.

Mit Spannung wird die Rede von Susan Sontag anlässlich der Preisverleihung am Sonntag erwartet.
Mit Spannung wird die Rede von Susan Sontag anlässlich der Preisverleihung am Sonntag erwartet.
Dass sie wieder mit der US-Kriegspolitik abrechnet, gilt als wahrscheinlich. Aber wird auch Deutschland mit seiner rigorosen Friedenspolitik Schelte ernten? Beim Empfang des Jerusalem-Preises im Mai 2001 hatte sich die streitbare Amerikanerin jedenfalls nicht gescheut, Kritik am Gastgeber Israel zu üben.

In einer Welt der gefälschten Bilder und der verstümmelten Wahrheiten sei Sontag für die Würde des freien Denkens eingetreten, begründete der Börsenverein des Deutschen Buchhandels seine Wahl der diesjährigen Preisträgerin.

Die 70-jährige Intellektuelle hat es in der Tat verstanden, sich ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Sie gilt als Ikone von Amerikas Linken, setzt sich aber bewusst von ihnen ab. Sie sieht sich nicht als Pazifistin und fand beispielsweise den Bosnienkrieg "überfällig".

Öffentliches Gewissen in den USA

Schon in den sechziger Jahre war die hochbegabte und bildschöne Autorin ihren Landsleuten auf die Füsse getreten, als sie erklärte, die "weisse Rasse" sei der Krebs der Geschichte und Amerika "auf Völkermord gegründet". Doch am lautesten war der Aufschrei, den ihre Äusserungen zu den Ursachen der Terroranschläge am 11. September 2001 auslösten.

Die Anschläge seien nicht, wie die Bush-Regierung behauptete, gegen die Zivilisation und die Freiheit im allgemeinen gerichtet, sondern Folge der Supermacht-Aussenpolitik der USA, erklärte Sontag nach dem Sturz der Zwillingstürme, den sie nicht ihrer Heimat, sondern in Berlin verfolgen musste.

Dass sie sich später mit einer Überdosis CNN und der Entfernung von New York für ihre Kritik entschuldigte, half nur bedingt. Sontag, die nach Einschätzung der US-Zeitschrift "Time" eine Art öffentliches Gewissen in den USA spielt, hatte sich viele Sympathien verscherzt.

Tee mit Thomas Mann

Derweil gilt sie weiter als Grande Dame und zugleich Enfant terrible der US-Literatur. Schon im Alter von 14 Jahren wurde die in eine bürgerlich-jüdische Familie in New York geborene Frau von Thomas Mann zum Tee geladen. Zu jener Zeit verschlang sie Enzyklopädien und las mit Vorliebe Edgar Allan Poe.

Mit 16 Jahren besuchte sie die Universität von Chicago, an der sie Philosophie, Französisch und Literatur studierte. Ein Jahr später heiratete sie und wurde Mutter. Ihr Sohn David ist inzwischen selbst Autor mehrerer Bücher.

Es folgten Studien an den Universitäten Oxford, Berkeley und Harvard. Dort schrieb sie ihre Doktorarbeit in Philosophie bei Paul Tillich. Dann ging sie nach Paris, um sich mit dem französischen Existenzialismus zu beschäftigen.

Bald darauf liess sie sich scheiden, kehrte nach New York zurück, unterrichtete an der Columbia University und schrieb ihr erstes grosses Werk. Nebenbei las sie im Schnitt ein Buch pro Tag. Zu ihren Lieblingsschriftstellern gehören W.G. Sebald, Emile Michel Cioran und Joseph Brodsky, mit dem sie befreundet war.

"In Amerika"

Für ihren jüngsten Roman "In Amerika" erhielt Sontag im Jahr 2000 den National Book Award, einen der höchsten Buchpreise der USA. In diesem Jahr erschien in der Schweiz auch ihr Fotoband "Das Leiden anderer betrachten".

Ihr erster Roman, "The Benefactor"" (deutsch: Der Wohltäter) war 40 Jahre zuvor erschienen. Doch er fand weniger Beachtung als Sontags Essays, die von 1962 an in avantgardistischen Kunst- und Literaturzeitschriften erschienen.

1967 lag ihr zweiter Roman, "Death Kit", vor. 1992 folgte der dritte, "The Volcano Lover" ("Liebhaber des Vulkan").

Zwischendurch drehte Sontag Filme wie "Duet for Cannibals" in Schweden oder auch "Zwillinge" (Original: "Brother Carl") und inszenierte Theaterstücke, darunter Samuel Becketts "Warten auf Godot" im zerstörten Sarajewo von 1992.

(Gisela Ostwald, dpa/sda)

 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Mo Di
Zürich 3°C 14°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig freundlich
Basel 7°C 16°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig wolkig, aber kaum Regen
St. Gallen 5°C 13°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig wolkig, aber kaum Regen
Bern 2°C 14°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig freundlich
Luzern 4°C 14°C Nebelfelderleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig freundlich
Genf 3°C 17°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich freundlich
Lugano 8°C 17°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich freundlich
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten