Führer - Kopflos
publiziert: Montag, 7. Jul 2008 / 11:22 Uhr / aktualisiert: Montag, 7. Jul 2008 / 11:58 Uhr

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Wow. Das ging aber schnell. Zwei Besucher und bereits ist Hitler geköpft. Dabei war er doch grad dabei – die Szene in dem Berliner Mme. Tussauds Führerbunker spielt 1944, jenem Jahr als die zweite Front gegen Hitler eröffnet wurde – den Krieg zu verlieren.

Den wächsernen Hitler in dieser ewigen Qual gezeigt, wäre dem Autor eigentlich wesentlich lieber gewesen, als ihn von einem arbeitslosen ex-Polizisten enthauptet zu wissen. Doch das ist eigentlich egal.

Viel interessanter ist hingegen, in welchem Bann unser nördlicher Nachbar immer noch steht. Hitler – eigentlich ein Versager in allen Belangen – schafft es immer noch, die öffentliche Diskussion zu fesseln und den Alltag zu beeinflussen. Wenn man bedenkt, dass er – glücklicherweise – keines seiner grandiosen Ziele auch nur annähernd erreicht hat, ist sein Einfluss immer noch verblüffend, ja erschreckend, gross.

Das fängt schon bei der Sprache an. Seit sechzig Jahren gibt es im Deutschen de facto keine Führer mehr. Jaja, Bergführer, Fremdenführer und sogar Verführer existieren schon noch. Aber Leute mit Führungsqualitäten sind zu namenlosen Gestalten verkommen. Wenn jemand im englischen «a natural Leader» ist, kann er im Deutschen unmöglich «ein geborener Führer» sein. Sogar dem Autoren läuft ein Schauer des Widerwillens den Rücken hinunter, wenn er diesen Ausdruck hört: die Konditionierung ist dermassen stark.

Auch sich lustig über Hitler und seine Schergen zu machen, ist immer noch nicht opportun, wie es scheint. «Darüber witzelt man nicht, das ist viel zu ernst», heisst es dann jeweils. In dieser Hinsicht ist der Erfolg der Nazis fast am beeindruckendsten, war es doch bereits noch unter ihrer Herrschaft verboten, Witze über das braune Pack zu machen. Dass dies scheinbar auch heute noch gilt, ist absurd, gibt es doch kaum etwas, dass einen Mythos nachhaltiger zerstören kann, als Humor... ob das wohl gerade das Problem ist?

Wenn nun Hitler in Madame Tussauds in Berlin ausgestellt worden wäre, hätte dies vor allem eines veranschaulicht: Dass er nichts als ein Mensch war. Homo Sapiens Sapiens. Und keineswegs ein besonders ansehnliches Exemplar. Die Reduktion Hitlers auf seine echte Grösse (um die 1.70) und Gestalt hätte vielleicht in manchen Köpfen die Realisation ausgelöst, das Monströsität in der Politik vor allem davon abhängt, wie willfährig diejenigen sind, die nachrennen und die kranken Ideen des politischen Leithammels ausführen.

Hitler als übergrosse Mythenfigur des absolut Bösen zu haben, macht die Sache psychohygienisch scheinbar für allzu viele komfortabler, als zu realisieren, dass Hitler erschreckend normal und einfach zur falschen Zeit der falsche Mann war, der eine vorhandene Grundstimmung zum Schaden aller in eine dynamische Bewegung des Schreckens kanalisierte. Die Schuld war breit gestreut und selbst ausserhalb Deutschlands genoss der braune Schrecken zum Teil grosse Beliebtheit, bis die Nazis auf der Verliererstrasse waren.

Hitlers Wachsfigur den Kopf abzureissen, rettet kein Menschenleben, verhindert keinen Krieg, vertreibt keinen Diktator, befreit keine politischen Gefangenen, bekehrt keinen Neo-Nazi und bringt die Welt keinen Schritt weiter. Es ist nichts als ein Vandalenakt. Und der «Führer» - kopflos oder nicht, übt weiter seine unheimliche Macht über das Denken aus.

(von Patrik Etschmayer/news.ch)

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