Fussball: 'Die Schweiz muss beten, viel beten'
publiziert: Sonntag, 20. Jun 2004 / 13:38 Uhr

Der ehemalige Schweizer Nationalcoach Daniel Jeandupeux (55) ist ein Experte für Frankreichs Fussball. Er gibt der Schweiz im entscheidenden dritten EM-Spiel wenig Kredit und rät zu einer Pilgerfahrt nach Fatima: "Die Schweiz muss beten, viel beten".

Jeandupeux: "Die Schweiz kann sich den Franzosen nur im Kollektiv stellen."
Jeandupeux: "Die Schweiz kann sich den Franzosen nur im Kollektiv stellen."
Jeandupeux, von 1986 bis 1989 Schweizer Nationalcoach und vor 15 Jahren nach einem 1:3 in Portugal in einem WM-Qualifikationsspiel entmachtet, wohnt seit Jahren in Frankreich, befasst sich eingehend mit dem Fussball im Land des EM-Titelverteigers und betreut seit vier Monaten Le Mans, das er trotz einem gewaltigen Endspurt wegen eines mickrigen Punktes nicht in der Ligue 1 halten konnte.

Warum raten Sie der Schweiz vor der grossen Belle gegen Frankreich zum Gebet und zur Pilgerfahrt in Portugal?

Daniel Jeandupeux: Es spricht alles für Frankreich. Die Schweiz muss gewinnen und Tore schiessen. Sie ist gezwungen, zu agieren und etwas zu riskieren. Und das ist gegen Frankreich tödlich."

Warum? Frankreich ist an dieser EM noch nicht wie erwartet in Schwung geraten und hat bisher enttäuscht.

Jeandupeux: Athletisch stellt Frankreich das beste Team der Welt. Diese Kraft, diese Schnelligkeit, dieses filigrane Tempospiel. Da können die Schweizer doch nur staunen und lernen. Der langsamste Franzose ist schneller als der schnellste Schweizer. Frankreich ist athletisch, technisch und läuferisch um Klassen überlegen.

Sie schwärmen in höchsten Tönen von der équipe tricolore?

Jeandupeux: Ja. Schauen sie doch die Einzelspieler an. Die Zidane, Pires, Henry, Trezeguet, Vieira, Thuram und Co. Sie sind am Ball Indiviualkönner, teils sogar Künstler. Sie können den Rhythmus variieren, in höchstem Tempo präzise passen und unwahrscheinlich gut dribbeln. Sie lernen die Ballfertigkeit in ihrer Adoleszenz in ihren Ausbildungszentren. Dort werden sie indivuell und schon mit 13, 14 Jahren von Profitrainern geschult. In jungen Jahren wird ihnen alles spielerisch und methodisch beigebracht. Technisch weist kein französischer Internationaler Schwächen auf.

Aber, es hat doch nicht lauter Zidanes?

Jeandupeux: Nein, Genies sind selten. Frankreich stellt aber derzeit die drei, vier besten Fussballer der Welt. Zidane, Henry, Vieira und ... Das Nationalteam besteht auch aus Athleten, Ausnahmeathleten, ausdauernden Kraftbündeln. Vieira ist das Musterbeispiel hiefür.

Können Sie das präzisieren?

Jeandupeux: Frankreich hat etwas über 60 Millionen Einwohner. Viele davon stammen aus ehemaligen Kolonien, sozial niedrigen Schichten. Zwar sind nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung schwarz. Wenn wir aber Jugendliche zu Tests einladen, erscheinen zur Hälfte Jungs mit dunkler Hautfarbe. Diese bringen meist eine gewisse Schlaksigkeit und Kraft mit. Meist sind sie auch schnell und können fussballspielen seit sie gehen können. Diese Rohdiamanten gilt es zu erkennen, zu schulen und zu disziplinieren. Und das geschieht seit rund 30 Jahren in zahlreichen Ausbildungszentren. Diese werden teils vom Staat und der Region mitsubventioniert. Die Klubs stecken aber auch viel Geld in diese Talentschmieden. In Auxerre sind es fünf bis zehn Millionen, in Le Mans etwas weniger.

Die Schweiz hat auch Ausbildungszentren, und die professionelle Nachwuchsförderung hat erste Erfolge gezeitigt (U17-Europameister, zweimal U21-Endrunde)...

Jeandupeux: ... ja, aber erst seit einigen wenigen Jahren wird der Unterbau gefördert. Als ich 1975 als Profifussballer nach Bordeaux kam, wurden die ersten Zentren eröffnet. Inzwischen bilden um die 40 Klubs pro Jahr 50 bis 60 Spieler unter Profibedingungen aus. Sie trainieren mehr als ihre Vorbilder. Für alles wird gesorgt. Unterkunft, Essen, Schule, Ausbildung, Freizeit und natürlich Fussball. Taktisch, praktisch, theoretisch, alles. Das kostet Geld. Doch wer nicht investiert, erntet auch nie etwas.

Le Mans hat kürzlich den Gambardella-Cup, das begehrteste Jugendturnier des Landes, gewonnen. Wird die Stadt, die man sonst nur vom Motorrad-GP und vom 24-Stunden-Rennen her kennt, eine neue Fussball-Hochburg?

Jeandupeux: Das wäre schön. Solche Würden bringen auch Bürden. Wir werden gezwungen sein, junge talentierte Spieler, die heiss begehrt sind, mit Profiverträgen an uns zu binden. Sonst ziehen sie weg, und wir haben nichts davon. Solche Investionen sind teuer und teils spekulativ. Unser Budget ist mit 18 Millionen Euro (rund 28 Millionen Franken) beschränkt. Der Verein ist schuldenfrei und deckt über die Hälfte der Einnahmen mit Fernsehgeldern ab. Ein Talent rückt nun in mein Kader. Weitere habe ich im Auge."

Sind bei Ihnen auch Schweizer Spieler ein Thema?

Jeandupeux: Gewiss. Bei mir ist die Türe offen (Jeandupeux zieht das Ü sehr lang, in Anspielung auf den ablösefreien Internationalen Léonard Thurre).

Zurück zum EM-Spiel Schweiz gegen Frankreich. Welchen Rat würden Sie Köbi Kuhn erteilen, um das "Fussballwunder" zu schaffen?

Jeandupeux: Die Schweiz kann sich den Franzosen nur im Kollektiv stellen. Alle für einen. Sie müssen klug verteidigen, aufsässig stören, dürfen den Franzosen keinen Raum gewähren. Sie müssen auf Konter lauern, die wenigen Schachstellen nutzen. Das Flügelspiel der Franzosen klappt nicht wie erhofft. Zidane und Henry stehen sich im Weg, engen sich gegenseitig den Raum ein. Die Abwehr erscheint mir nicht mehr so schnell wie früher. Mit den Jahrringen wird man langsamer. Die Schweiz darf jedenfalls kein Tor erhalten. Sonst ists endgültig vorbei. Und sie muss Foulspiele in Gegners Strafraumnähe suchen und auch einmal aus Distanz schiessen. Vielleicht wird einmal ein Schuss abgefälscht oder man findet mit einem "stehenden" Ball die Lücke. Wunder gibt es immer wieder. Doch sie sind sehr selten.

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Daniel Jeandupeux (55) ist seit vier Monaten und noch für zwei Jahre Trainer von Le Mans, das trotz eines tollen Endspurts (16 Punkte in den letzten 7 Spielen) wegen eines Zählers die Rettung in der Ligue 1 verpasste. Der 35-fache Schweizer Internationale, der für Sion, den FC Zürich und Bordeaux spielte, wurde als Trainer 1979 mit Sion Cupsieger und mit dem FCZ 1981 Meister. Von 1986 bis 1989 war er Trainer der Schweizer Nationalmannschaft, später auch Übungsleiter bei Toulouse, Strasbourg und Caën.

(rr/Si)

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