Fussball: Griechenland - ein neuer Name auf der Ehrentafel
publiziert: Sonntag, 4. Jul 2004 / 22:40 Uhr

Europameister 2004 ist einer der sogenannt 'Kleinen': Griechenland, das Team der Defensivkünstler und des deutschen Trainers Otto Rehhagel. Eine Sensation, denn die Griechen hatten bisher an Endrunden noch nie ein Spiel gewinnen können.

Rehhagel vertraute nur Leuten, die bereit waren, seine Ideen umzusetzen.
Rehhagel vertraute nur Leuten, die bereit waren, seine Ideen umzusetzen.
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Er stimmt also doch, der Spruch, wonach Spiele mit dem Angriff, Meisterschaften und Turniere jedoch mit der Verteidigung gewonnen werden. Denn der sensationelle Triumph Griechenlands basiert auf einer herausragenden Abwehr und einem System, das der defensiven Organisation alles unterordnet. Otto Rehhagels Taktik mit Libero und Manndeckung, die er schon vor 25 Jahren in der Bundesliga angewandt hatte, ist aufgegangen. Die Sturheit Rehhagels, dieses Konzept durchzuziehen, hat sich ausbezahlt.

Ottos eiserne Hand

Rehhagel hat den Weg gefunden, wie aus einer Ansammlung starker Individualisten eine gut harmonierende Gruppe zu formen ist. Auf diesem Weg hat es auch Opfer gegeben: Spieler, die nicht mitzogen, hat der Deutsche ohne Rücksicht aussortiert. Vor drei Jahren beim peinlichen Auftakt zu seiner Regentschaft in Griechenland und der 1:5-Pleite in Finnland, soll ein Akteur zu Rehhagel gesagt haben: "Leck mich!". Es war die letzte Handlung dieses Spielers als griechischer Internationaler.

Rehhagel vertraute in der Folge nur noch Leuten, die bereit waren, seine Ideen umzusetzen. Mit Torhüter Antonis Nikopolidis (32), Abwehrchef Traianos Dellas (28) und Captain Theodoros Zagorakis (32) verfügt er über eine Achse mit routinierten Leadern, die keine Blender sind, an denen sich die Mannschaft aber immer wieder aufrichtet. Nicht ohne Stolz sagte König Otto daher schon vor der Endrunde: "Früher spielten die Griechen, was sie wollten; jetzt spielen sie, was sie können."

Defensive über alles

Mit der Art, wie sie zum Triumph kamen, haben sich die Griechen nicht nur Freunde gemacht. Destruktiv sei ihre Spielweise, wurde kritisiert. Dabei wird aber missachtet, dass die Hellenen in ihren defensiven Bemühungen nur selten zum Mittel des Befreiungsschlages auf die Tribüne zurückgreifen mussten. Vielmehr erlaubte es ihnen ihre spielerische Fähigkeit, sich immer wieder aus der Defensive zu lösen und dadurch den Druck vom eigenen Tor fernzuhalten. Und auch die Statistik der Fouls belegt, dass die Griechen nicht ganz so destruktiv an ihre Aufgabe herantraten, wie das viele gesehen haben wollen. Bis zum Final haben die Hellenen in fünf Partien 84 Fouls begangen; der finale Widersacher Portugal dagegen 96.

Verdient ist der Titel so oder so. Wer den Gastgeber zweimal schlägt, das stolze Spanien, Titelverteidiger Frankreich und den (geheimen) Mit-Favoriten Tschechien eliminiert, dem ist nicht der Weg des geringen Widerstandes in den Schoss gefallen. Griechenland musste die grossen Brocken allesamt selbst ausschalten.

Die Wende zum Guten haben die Griechen, die bisher lediglich die EM-Teilnahme 1980 und die WM-Teilnahme 1994 im Palmarès aufführen konnten, schon vor einem Jahr eingeleitet. Anfang Juni 2003 schlugen sie in der Qualifikation Spanien auswärts 1:0. "Nach diesem Spiel hat die Mannschaft gemerkt, dass sie viel erreichen kann", sagte Rehhagel in der Retrospektive. Die herausragenden Qualitäten in der Defensive hat sein Team schon in der Ausscheidung eingebracht. Die letzten sechs Qualifikationspiele wurden allesamt ohne Gegentor gewonnen.

Probleme gemeistert

Das Selbstvertrauen, das dadurch aufgebaut wurde, liess die Griechen auch mit Problemen umgehen, an denen andere Teams in der Vergangenheit zerbrachen. Schlüsselspieler wie Nikopolidis (Panathinaikos/suspendiert), Angelos Charisteas (Werder Bremen), Dellas (AS Roma) und Georgios Karagounis (Inter Mailand/alle Ersatz) sowie Zisis Vryzas (Fiorentina/2. Liga) haben sich im Verein nicht in der geforderten Weise auf die EM vorbereiten können. Dennoch gelang es ihnen in Portugal, sich auf dem höchsten Niveau zu etablieren.

Die grösste Leistung von Mannschaft und Trainer, ist jedoch, wie die sprachlichen Probleme gemeistert wurden. Rehhagel spricht weder griechisch noch englisch und muss immer zwei Dolmetscher um sich scharen. Gleichwohl ist der Fluss der Kommunikation nie ins Stocken geraten. Kaum je zuvor war so prägnant dokumentiert worden, dass die Sprache des Fussballs eben überall dieselbe ist. Wenn der Wille zur Verständigung vorhanden ist, versteht man sich, auch ohne sprachlich auf der gleichen Ebene zu sein. Diese Fähigkeit ist in der Vergangenheit nicht zuletzt auch Schweizer Fussballern (in der kurzen Ära Artur Jorge) abgegangen. So gesehen muss Griechenland für viele "Kleine" ein Vorbild sein -- trotz defensiver Taktik.

Europameister Griechenland in Zahlen

Einwohner: 10,9 Mio

Verband: Elliniki Podosfairiki Omospondia (gründet: 1926)

Internet: www.epo.gr

Anzahl Klubs: 3683

Anzahl Lizenzierte: ca. 2,0 Mio (in Griechenland gilt jedes Vereinsmitglied als lizenziert)

Wichtigste Klubs: Olympiakos Piräus, Panathinaikos Athen, AEK Athen, PAOK Saloniki.

EM-Teilnahmen (2): 1980, 2004.

Grösste Erfolge: Europameister 2004, WM-Teilnahme 1994.

(von Stefan Wyss, Lissabon/Si)

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