Achtstündige Irrfahrt eines Geiselnehmers:
Geiselnehmer von Zuchwil schoss sich in den Kopf
publiziert: Freitag, 22. Jun 2001 / 18:03 Uhr

Selzach SO/Luzisteig GR - Die Geiselnahme, die am heute früh kurz nach 4 Uhr im solothurnischen Selzach nach einer Schiesserei begann, ist am Mittag in Luzisteig in Graubünden zu Ende gegangen. Der Geiselnehmer liess seine Geisel laufen, ehe er sich in den Kopf schoss.

Nach einer acht Stunden dauernden Irrfahrt durch die Deutschschweiz habe der Geiselnehmer, ein 23-jähriger Türke, im Gebiet von Luzisteig in Graubünden aufgegeben, sagte ein Sprecher der Polizei an einer Medienkonferenz in St. Gallen. Er habe der Geisel zu verstehen gegeben, sie solle gehen.

Danach habe sich der Mann mit einer Pistole in den Kopf geschossen. Nach Angaben der Polizei ist er nicht in Lebensgefahr. Dem 50-jährigen Mann, der während acht Stunden gekidnappt war, gehe es den Umständen entsprechend gut, hiess es an der Medienkonferenz. Er werde gegenwärtig psychologisch betreut.

Zwei Entführungen

Um zirka 4 Uhr betrat der 23-jährige Türke eine Fabrik in Selzach im Kanton Solothurn und erkundigte sich nach einem ihm bekannten Landsmann. Nach einem Wortwechsel schoss er diesen nieder; der Mann wurde schwer verletzt. Auf dem Parkplatz forderte der Täter einen Mann auf, ihn zur Wohnung des Opfers zu fahren.

Der "Chauffeur" konnte fliehen. Der Täter nahm dessen Auto. In Zuchwil SO blieb er in einer Sperre der Solothurner Polizei hängen. Er entstieg dem Auto und brachte einen unbeteiligten Automobilisten in seine Gewalt. Zusammen mit seiner Geisel fuhr er auf der A 1 in die Ostschweiz. Via Notrufzentrale forderte er die Polizei auf, Abstand zu halten und ihm nur mit einem Fahrzeug zu folgen.

Keine Drohungen

Nach Angaben des Polizeipsychologen hat der Geiselnehmer zu keinem Zeitpunkt gedroht, der Geisel etwas anzutun. Und auch gegenüber der Polizei sprach er keine Drohungen aus; er forderte lediglich Wasser, Zigaretten und Benzin. Bei Trübbach SG verliess der 23-Jährige die Autobahn und fuhr mit seinem Opfer nach Sargans.

Von dort gings weiter ins Fürstentum Liechtenstein. Bei der Rheinbrücke wartete ein weiterer Personenwagen auf den Geiselnehmer. Ein Mann stieg ins Geiselfahrzeug ein. Die Polizei nimmt an, dass es sich bei diesem Mann um einen Bekannten des Täters handelt. Die Fahrt wurde Richtung Luzisteig GR fortgesetzt.

Die Polizei versuchte, den Geiselnehmer zur Aufgabe zu bewegen - was dieser schliesslich tat. Er schoss sich in den Kopf und konnte - schwer verletzt - von der Polizei überwältigt werden. Die Geisel blieb unverletzt. Wie die Solothurner Polizei bekannt gab, war der Geiselnehmer mehrfach vorbestraft.

(ba/sda)

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