Geschlecht mit Skalpell
publiziert: Mittwoch, 23. Mai 2012 / 10:45 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 23. Mai 2012 / 11:28 Uhr
Skalpell statt Akzeptanz: Der Umgang der Gesellschaft mit Intersexualität
Skalpell statt Akzeptanz: Der Umgang der Gesellschaft mit Intersexualität

Bei den alten Griechen als gottähnlich verehrt, unter Christen als Unmenschen gestempelt, in Middlesex von Jeffrey Eugenides in einer modernen Odysse verstrickt, von dem anwesenden Arzt im Schweizer «Club» als «Disorder of sexual development» kategorisiert... Sie ahnen schon, was heute das Thema ist Intersexualität, oder, besser: Die Kolumne handelt von Menschen.

2 Meldungen im Zusammenhang
Weiterführende Links zur Meldung:

Zwischengeschlecht.org
Webite einer Organisation für Intersexuelle Menschen
zwischengeschlecht.org

Wikipedia über das Herrschende Geschlechterbild
Heteronormativität und Alternativen dazu
wikipedia.org

Link zur erwähnten Club-Sendung
Die Club-Sendung in ihrer ganzen Länge
videoportal.sf.tv

Der anwesende Arzt Christian Kind sagte schnell, was aus der Sicht der auf Maschine und nicht Mensch konzentrierten Medizin, Sache ist: Es handelt sich bei Zwittern um eine Störung der Normalität. Herr Dr. Kind ging soweit, sich als Brillenträger mit Zwittern zu vergleichen, indem er seine Augenstörung auf die Stufe der «Störung» der Geschlechtsmerkmalen setzte.

Diese Unterscheidungslosigkeit und fehlende Urteilskraft passt in die herrschende Gesundheitsideologie und mechanistische Ethik. Dass ein Arzt die Zuhilfnahme seiner Brille mit der Umwandlung und Zuordnung eines bestimmten Geschlechts vergleicht und nur von den Betroffenen etwas in die Schranken verwiesen wird, ist symptomatisch für unsere Gesellschaft. Die Norm, das «sich verhalten», das Einordenbare ist zum Diktat für menschliche Identität geworden.

Die Unterschiedlichkeit von Menschen, welche die verschiedensten «Störungen» aufweisen, wird anhand eines Mittelmasses mehr und mehr von der Medizin auszurotten versucht. «Vom Aussterben bedroht» titelte das Magazin der Süddeutschen schon 2006 in einem Bericht über Menschen mit Down Syndrom. Die schon fast totalitär agierende Gesundheitsreligion verfolgt sogenannte Fehlentwicklungen von Menschen mit äusserster Präzision, medizinischer Intervention und oft grausamster Praxis. Die betroffenen Eltern, die betroffenen Menschen werden einer ethisch gerechtfertigten Skalpelllogik unterworfen, an welcher sie ihr Leben lang leiden, oder welche sie ein ganzes Leben lang begleitet.

Was die anwesenden transsexuellen Menschen über ihren medizinischen Leidensweg erzählten, trieb einem die Tränen in die unbebrillten Augen. Da wird ein völlig gesunder Mensch, dessen einziges Problem darin besteht, physisch sowohl Frau als auch Mann zu sein, in ein Korsett der Eingeschlechtlichkeit gezwungen. Da werden an den einzelnen Menschen ideologische Konzepte direkt an deren Körper vollzogen.

Zweigeschlechtlichkeit ist in unserer auf Kategorien fixierte Warengesellschaft nicht vorgesehen, also wird sie möglichst von klein auf aus der Welt geschnitten und geredet. Die Sprachlosigkeit verstärkt das Leiden zusätzlich. Doch glücklicherweise melden sich immer mehr Menschen zu Wort, die sich gegen die auf Körperfixierung definierten Medizin-Menschen wehren.

Die Transsexualität zeigt die Schattenseiten, die nicht-diskutierten Perversion einer hochentwickelten Medizin, die zugegebenermassen auch die Freiheit und Unterschiedlichkeit von Menschen im Falle einer Behinderung, der Krankheit und des nahenden Todes erweitert hat. Alles hat Vor- und Nachteile, doch im Fall der Halbgötter in Weiss im Verbund mit den feudalistischen Pharmakapitalisten werden kaum die unmenschlichen Nachteile diskutiert.

Das Geschwätz des sozialen Drucks ist medien- und medizingemacht. Im konkreten Umkreis verstehen Menschen immer mehr als uns vorgeschrieben wird. Menschen müssen nicht sozial operiert werden. Doch selbst hier stieg die Philosophin Bernasconi aus. Sie versuchte mit grosser Intensität der Mutter eines transsexuellen Kindes einzureden, dass Zwitter ein riesiges gesellschaftliches Problem seien, weil unsere Gesellschaft wissen müsse, ob sie ein Mädchen oder einen Jungen vor sich hat.

Einmal mehr zeigte sich, was wir schon öfters festgestellt haben: Die echten, wirklichen, betroffenen Menschen argumentieren als Menschen, während die sogenannten Experten im Laufe ihres Studiums und ihrer Tätigkeit oft vergessen haben, was sie auch sein könnten: Nämlich nicht in erster Linie die Verteidiger der herrschenden Machtstrukturen. Sie alle könnten Menschen sein, welche à la Humboldt mit Fähigkeiten und Talenten die Gesellschaft und die darin lebenden Menschen beschenken.

Dies tun aber die sogenannten Experten je länger je weniger: «In einem System der Blindspirale werden Menschen blind für wichtige Zusammenhänge, welche die menschliche Freiheit, Urteilskraft, den geschärften Blick sowie das Verständnis für die Demokratie als Kommunikations-, Aushandlungs- und Verhandlungsort fördern. Sie werden - dies nur so nebenbei - auch blind für alle menschlichen Ausdrucksformen, die sich jenseits der herrschenden Geschlechterdichotomie (Zweiteilung) manifestieren» lautete mein Befund schon 2007. Anders gesagt: «Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten» (Rousseau) oder noch einfacher: Das Menschsein ist nicht in den Genitalien definiert.

Literatur:
Regula Stämpfli: Die Macht des richtigen Friseurs: über Bilder, Medien und Frauen. Bartleby, Brüssel 2008
Jeffrey Eugenides: Middlesex. Aus dem Amerikanischen von Cornelia C. Walter und Eike Schönfeld. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 200

(Regula Stämpfli/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Neu Delhi - Im konservativen Indien werden seit Dienstag Transsexuelle als drittes Geschlecht offiziell anerkannt und erhalten damit ... mehr lesen
In Indien leben viele Transsexuelle als sogenannte Hijras in abgeschlossenen Gemeinschaften.
Sydney - Ein australisches Gericht hat erstmals entschieden, dass ein Mensch in amtlichen Formularen etwa von Standesämtern nicht als männlich oder weiblich eingeordnet werden muss. mehr lesen 
Antidemokratische Forderung von Politikern und Demoskopen: Stimmzettel mit Altersangabe.
Antidemokratische Forderung von Politikern und Demoskopen: ...
Gross war die Empörung: «Die Jungen scheren sich nicht um Politik», «Wie sich eine Generation von der Politik verabschiedet» oder «Stimmbeteiligung der Jungen unter jeder Sau» (Facebook). Sämtliche Medien übernahmen kritiklos die Befunde der VOX-Analyse vom seriösen GFS-Institut. mehr lesen 
Junge stimmen doch ab - Umfrage in der Kritik Bern - Politologen zweifeln an der angeblich ausserordentlich tiefen ...
Bundespräsident Burkhalter plädiert für das Stimmrechtsalter 16 Bern - Junge Schweizerinnen und Schweizer sollen vom 16. ... 3
Verleugnen, Unterbrechen, Herabsetzen und Täuschen sind nicht nur Talkshow-Tricks, sondern auch Teil der Geheimdienstwaffen des Westens. Die FAZ ... mehr lesen  
Social Media: Wo Geheimdienste verleugnen, täuschen und herabsetzen.
Microsoft überführte einen Mitarbeiter, der Teile des Betriebssystems Windows 8 an einen Blogger weitergegeben haben soll.
Microsoft ändert nach Kritik Datenschutzregeln Redmond - Microsoft will sich nach massiver Kritik stärker mit Einblicken in Nutzerdaten zurückhalten. Bei künftigen ...
Antidemokratische Forderung von Politikern und Demoskopen: Stimmzettel mit Altersangabe.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
Russland sitzt an einem wesentlich grösseren Gashahn: Gasverteilanlage Eymatt.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Der im Bau befindliche Aquädukt: Wird mehr Nachfrage schaffen, anstatt die Verschwendung zu verhindern.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Osterei: Aus Freude bemaltes Fruchtbarkeitssymbol.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
Stellenmarkt.ch
Wirtschaft Marken
   Marke    Datum
16.04.2014
15.04.2014
B BERYL DJ Logo
15.04.2014
14.04.2014
14.04.2014
    Information zum Feld
Bitte geben Sie hier einen Markennamen ein wie z.B. 'Nespresso'
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
Seite3.ch
Der Remoteserver hat einen Fehler zurückgegeben: (500) Interner Serverfehler.
wetter.ch
MO DI MI DO FR SA
Zürich 2°C 12°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen
Basel 2°C 13°C leicht bewölkt bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen
St.Gallen 3°C 12°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen
Bern 1°C 17°C leicht bewölkt bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen
Luzern 4°C 18°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen
Genf 2°C 17°C leicht bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen
Lugano 8°C 17°C bewölkt, Regen bewölkt, Regen bewölkt, Regen bewölkt, Regen bewölkt, Regen
mehr Wetter von über 6000 Orten