Gesundheitssystem mit Kurbedarf
publiziert: Montag, 12. Mrz 2007 / 12:30 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 13. Mrz 2007 / 13:40 Uhr

2 Meldungen im Zusammenhang
Viel klarer kann das Urteil eigentlich nicht sein. Die Stimmbürger haben die SP-Vorlage zur Einheits-Krankenkasse wuchtig abgelehnt und einige Kommentatoren – wie die NZZ – sprechen davon, dass hier «unmissverständlich Nein zu mehr Sozialismus in der Krankenversicherung» gesagt worden sei.

Das ist irgendwie witzig, denn, seien wir ehrlich, wenn irgendwo in der Schweiz Sozialismus herrscht, dann bei den Versicherungen im Gesundheitswesen, wo – in der Grundversicherung – alle dasselbe gesetzlich vorgeschriebene Produkt anbieten. Die Versicherer haben zudem nichts zu sagen, was die von ihnen zu bezahlenden Ärzte angeht, ebenso wenig, wie sie ihre Kundschaft auswählen können.

Lediglich mit dem Anwerben von «guten Risiken» können Krankenkassen auf der Pflichtleistungsseite Einfluss auf das Ergebnis nehmen und so günstigere Prämien anbieten als ihre Konkurrenten. Wären die Versicherten nicht so träge, würden auch diese Unterschiede durch ständige Kassenwechsel bald nivelliert werden.

Abgesehen von der Landwirtschaft gibt es bei uns kaum eine Branche, in der so wenig Markt und so viel Strukturalismus herrschen, wie im Gesundheitswesen. Die Einheitskasse wäre da eigentlich die einzige logische Konsequenz.

Doch ihr Scheitern ist trotzdem so gut wie vorprogrammiert gewesen. Zum einen durch die lausige Vorbereitung der Initiative und deren schwammige Präsentation. Bis zum Schluss konnte niemand definitiv sagen, wie denn danach die Prämien WIRKLICH berechnet würden. In diesem Sinne war diese Initiative keine Mogelpackung sondern eher wie ein Überraschungsei, das sowohl ein süsses Kuschelküken als auch ein bissiges Monster enthalten könnte. Die Erfahrung hat die Stimmbürger gelehrt, dass bei solchen Möglichkeiten meist das Monster auf sie wartet. Die Entscheidung war daher nicht allzu verwunderlich.

Wenn der SP-Präsident Fehr nach der verheerenden Niederlage nun die Sieger in die Pflicht nehmen will, ist das zwar herzig aber weitgehend witzlos: Wer soeben eine Abstimmung fast 4 zu 1 verloren hat ist nicht in der Position, vom Sieger viel einzufordern.

Doch auch die bürgerlichen Gewinner sollten sich nicht in Zufriedenheit wiegen. Einerseits geniessen wir ein hervorragendes Gesundheitswesen in der Schweiz, andererseits haben bisher alle Bemühungen um eine Kostendämpfung nichts gebracht. Die Gründe dafür sind vielfältig und einige – wie die sich wandelnde Altersstruktur – lassen sich nicht ändern.

Andere hingegen schon. Wenn gewisse Alternativtherapien, deren Wirksamkeit nie nachgewiesen wurde (wie Homöopathie und ähnliche magische Rituale) nicht mehr bezahlt werden, hilft dies sicher. Doch auch die Schulmedizin bietet immer noch Therapien, deren Wirksamkeit nie bewiesen wurden oder gar nachweislich schädlich sind und nur aus Ignoranz und Tradition weiter verschrieben werden. Hier aufzuräumen wäre dringend angesagt, denn für manche Ärzte ist evidenzbasierte Medizin immer noch ein Fremdwort.

Desgleichen bei der Spitalhygiene. Es ist nicht einzusehen, warum in einigen Regionen der Schweiz in Spitälern wesentlich mehr Fälle von Antibiotika-Resistenten Keimen auftreten sollten als in anderen. Nicht nur, dass diese Super-Bakterien bei den befallenen Patienten unsägliches Leid verursachen – auch die damit ausgelösten Behandlungs- und Folgekosten gehen in die Millionen. Eine zurückhaltende Anwendung von Antibiotika einerseits und ein konsequentes Hygiene-Regime andererseits (mit der Drohung von Zahlungskürzungen an fehlbare Spitäler), wären hier fällig.

Aber auch die Politik des Föderalismus treibt die Kosten nach oben. Es ist aus gesundheitspolitischer Sicht nicht wirklich einzusehen, warum jeder noch so kleine Kanton seine eigenen Spitäler braucht und sich nicht Regionen zu Gesundheitsverbänden zusammenschliessen können.

Und schliesslich sind da auch die 87 Krankenkassen der Schweiz, die im Abstimmungskampf zwar lauthals verbreiten liessen, warum eine Einheitskasse etwas ganz schlimmes wäre, aber nicht wirklich sagen konnten, warum ihr Einheitsangebot besser sein soll.

Das organisch gewachsene, von Pfründen aus Jahrzehnten belastete Schweizerische Gesundheitssystem müsste also dringend mal auf eine Abmagerungskur gehen aber leider will niemand dafür bezahlen... schon gar nicht die Krankenkassen.

(von Patrik Etschmayer/news.ch)

Lesen Sie hier mehr zum Thema
Zürich - Krankenkassen verlangen ... mehr lesen
Laut Kassensturz wollen die Versicherer mit den hohen Prämien unrentabel Versicherte loswerden.
Die Kinderkrippen seien zu teuer, kritisiert Couchepin.
Bern - Gesundheitsminister Pascal ... mehr lesen
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 21
«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt.
«Hier hätte ich noch eine ...
In den USA ist bei einer Frau mit Harnwegsinfektion zum ersten mal ein Bakterium aufgetaucht, das gegen das letzte Reserve-Antibiotikum resistent ist. Wer Angst vor ISIS hat, sollte sich überlegen, ob er seinen Paranoia-Focus nicht neu einstellen will. Denn das hier ist jenseits aller im Alltag sonst verklickerten Gefahren anzusiedeln. mehr lesen 4
Durch ungeschickte Avancen von SBB- und Post-Chefs, droht die Service-Public-Initiative tatsächlich angenommen zu werden. Von bürgerlicher Seite her solle laut einem Geheimplan daher ein volksnaher ... mehr lesen
Künftig mindestens 500'000.-- und die ganze Schweiz inklusive: SwissPass, der schon bald mal GACH heissen könnte.
Urversion von IBM's Supercomputer WATSON: Basis für 'ROSS'... und unsere zukünftigen Regierungen?
Eine renommierte US-Kanzlei stellt einen neuen Anwalt Namens Ross ein. Die Aufgabe: Teil des Insolvenz-Teams zu sein und sich durch Millionen Seiten Unternehmensrecht kämpfen. Und ... mehr lesen  
In letzter Zeit wurden aus Terrorangst zwei Flüge in den USA aufgehalten. Dies, weil Passagiere sich vor Mitreisenden wegen deren 'verdächtigen' Verhaltens bedroht fühlten. Die Bedrohungen: Differentialgleichungen und ein ... mehr lesen
Sicherheitskontrolle in US-Airport: 95% Versagen, 100% nervig.
Typisch Schweiz Der Bernina Express Natürlich gibt es schnellere Bahnverbindungen in den Süden, aber wohl ...
saleduck.ch, Logo
Shopping «Wär hetts erfunde?» Zwei Jahre nach der Gründung erhält Saleduck.ch eine neue Plattform und wird zu einer Deal Community. Neben einem neuen Layout bieten sich auch für Netzwerke und Advertiser viele ...
Erstaunliche Pfingstrose.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: Alles könnte anders sein, aber nichts ändert sich.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Obama in Hanoi mit der Präsidentin der Nationalversammlung, Nguyen Thi Kim Ngan auf einer Besichtigungstour: Willkommenes Gegengewicht zu China.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Recep Tayyp Erdogan: Liefert Anstoss, Strafgesetzbücher zu entschlacken.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Do Fr
Zürich 2°C 6°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich wolkig, aber kaum Regen
Basel 3°C 7°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt wolkig, aber kaum Regen
St. Gallen 1°C 4°C wechselnd bewölktleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich Schneeregenschauer
Bern 0°C 6°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt wolkig, aber kaum Regen
Luzern 2°C 6°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich wolkig, aber kaum Regen
Genf 2°C 8°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wolkig, aber kaum Regen wolkig, aber kaum Regen
Lugano 6°C 13°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt trüb und nass
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten