Gewalt und Geist
publiziert: Mittwoch, 19. Nov 2014 / 14:26 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 19. Nov 2014 / 16:36 Uhr
Gewalt wird nicht immer so leicht erkannt - vor allem nicht, wenn sie durch die Gesellschaft akzeptiert ist.
Gewalt wird nicht immer so leicht erkannt - vor allem nicht, wenn sie durch die Gesellschaft akzeptiert ist.

Nächste Woche beginnen die 16 Tage-Kampagnentage gegen die Gewalt an Frauen. Die feministische Friedensorganisation cdf erinnert mit einem eindrücklichen Gedicht des unübertroffenen Poeten Erich Fried:«Gewalt fängt nicht an, wenn einer einen erwürgt. Sie fängt an, wenn einer sagt: Ich liebe Dich: Du gehörst mir!»

5 Meldungen im Zusammenhang
Ich ergänze Frieds Gedicht um eine Zeile: «Gewalt fängt an, wenn einer einen anderen besitzt.» Höchste Zeit um über den Zusammenhang, Gewalt, Geld und Geist nachzudenken.

Die meisten Debatten um Gleichstellung, Feminismus und Frauenrechte kreisen seit Jahrzehnten um ähnlich wiederkehrende Themen wie Gewalt, fehlende Lohngleichheit, Diskriminierung, Sexismus und Pornographie. Je nach Position wird betroffen und schuldig reagiert, sehr oft wird verharmlost, dann macht man sich wieder lächerlich, beklagt die Opferposition, findet alles Scheisse oder prüde, fordert «neue» Debatten, unterscheidet zwischen «alt» und «jung». Es gibt Diskussionsrunden zum Thema mit Kontrahenten, was darauf schliessen lässt, dass es Kräfte gibt, die Gewalt an Menschen und insbesondere an Frauen und Kindern völlig normal finden und solche, die diese nicht nur verhindern, sondern auf ewig auslöschen möchten. Bei all diesen Debatten geht indessen des Pudels Kern, wo der wichtigste Motor zur Gewalt mit riesigem Tempo weiterrast, eigentlich steckt, verloren: Meistens in den Köpfen der Menschen einer bestimmten Herrschafts- und Gesellschaftsform.

Kein Mensch würde heute beispielsweise die bis in die Moderne dauernden «Lotosfüsse» (Verkrüppelung der Gehwerkzeuge) chinesischer Frauen als «individuelle Entscheidung» der damaligen Frauen, selbst wenn diese ausschliesslich von Frauen vorangetrieben wurden, interpretieren. Kein aufgeklärter Mensch würde die Klitoralbeschneidung als «gesellschaftliche Weitsicht und Planung» einordnen. Kein Mensch findet es richtig, wenn Männer «ihre» Frauen verprügeln...ausser die Begründung solcher Praktiken sind einprägsam genug, dass die offensichtliche Grausamkeit gesellschaftlich als völlig «normal» empfunden wird (wie in Saudi-Arabien, wo nicht nur die Prügelei, sondern Steinigungen und die Todesstrafe für vergewaltigte Frauen völlig an der Tagesordnung sind und durch die westlichen Beziehungen mit diesem Land auch als «courant normal» hingenommen werden).

Fällt es uns bei den traditionellen Religionen und historisch rückständigen Gesellschaften leichter, die Gewalt an Frauen direkt zu entlarven und zum Thema zu machen, fehlen Analysen, die ähnliche Mechanismen in der eigenen, herrschenden Ideologie blosszustellen.

Nehmen wir das Beispiel des «Social Freezing», das auch in der Schweiz von biotechnischen Unternehmen und CEOs in Ärztetiteln vermarktet werden. Diese lobbyieren kräftig, um die künstliche Reproduktion für alle Frauen vorzuschreiben (siehe beispielsweise flowerkid.co).

Versetzen wir uns mal in eine Historikerin der Zukunft im Jahr 2367. Ihre Beobachtungen könnten lauten: «Die weiblichen Mitglieder der Geldelite wurden mit der Kombination ökonomischer, staatlicher und individueller Vorteile ab dem 18. Lebensjahr dazu gebracht, sich operativ ihre Eier entfernen zu lassen, die später zum Zweck der künstlichen Herstellung geeigneter Menschen jahrzehntelang eingefroren wurden. Die Prozedur war körperlich anstrengend und erforderte einen kurzen Praxis- oder Klinikaufenthalt. Die gefrorenen Eier wurden Jahrzehnte später meistens einer dafür gekauften Frau, der sogenannten 'Leihmutter' eingepflanzt, die die fremden Zellen während 9 Monaten in ihrem Wachstum begünstigten. Die Aktion 'Lebensapple' erinnerte an die staatlich verordnete Züchtung unter dem nationalsozialistischen Regime 70 Jahre zuvor, doch da sie privatrechtlich initiiert, wissenschaftlich legitimiert und mit vielen Geldern unterstützt wurde, wurde jede Kritikerin, die es wagte, auf Ähnlichkeiten der technischen Reproduktion mit rassistisch motivierter eugenischer staatlichen Fortpflanzung hinzuweisen, mit Gefängnis oder hohen Geldstrafen bedroht.»

Dass das Biokapital «social Freezing» heutzutage als «feministisch» daherkommt, belegt, wie Gewalt - je nach Geist - völlig unterschiedlich interpretiert und toleriert wird. Die Leerstellen der grundsätzlichen Diskussion zu Mensch, Körper und Gewalt, die automatisch zu Geschlecht führt, bleiben indessen nach wie vor bestehen.

Schläge werden teilweise bis heute als «Liebeszeichen» interpretiert. Es ist ein grosser Fortschritt, dass diese Art von «Liebesbezeugung» in unseren Breiten nun hinlänglich entlarvt wurde. Hier will ich mit cdf hervorheben: Gewalt ist nicht nur eine Frage des Zuschlagens, sondern des Denkens, das dahintersteckt.

«Gewalt fängt an, wenn einer einen anderen besitzt.»

Dazu wünsche ich mir auch 16 Tage. Der menschliche Körper ist seit der Finanzkrise Goldstandard geworden. Menschen sind das neue Kapital. Sie sind Waren und Währung zugleich, eine perfekte neue Produktions- und Konsumationsform. Ethikerinnen, Philosophinnen, Feministinnen lobbyieren als neue Priesterinnen nun immer lauter und heftiger für die lebendige Münze Frau. Einerseits zeigen sie sich empört über die direkte Gewalt an Frauen (schliesslich kostet sie dies nichts), andererseits legitimieren und propagieren sie gerne Gewalt an Frauen im Dienste politischer und ökonomischer Herrschaft (Sterilisation, künstliche Reproduktion, Hormontherapien etc.). Es werden mehr und mehr Menschenbuchhaltungen geführt...beachten Sie doch einmal aufmerksam die Debatten zu Organhandel, pränataler Voruntersuchungen, Leihmutterschaft, Sexarbeit und Sterbehilfe. Diese gewalttätige Logik beginnt sich in allen Köpfen und Körpern auszubreiten.

Gewalt ist von gewalttätigen Geistern (und deren Apps...) nicht zu trennen. Gewalt fängt nicht an, wenn einer einen erwürgt. Gewalt fängt an, wenn einer mit einem «guten» Grund den anderen nicht erwürgt, sondern ihn dazu bringt, sich selber zu erwürgen.

16-Tage ist eine Aktions- und Kampagneplattform, die vielen Frauen Aufklärung und Unterstützung bietet. Sie verdient es, unterstützt zu werden. Und ich danke den Organisatorinnen der 16-Tage, die uns alle dazu bringt, länger, tiefer und nachhaltiger über Gewalt nachzudenken.

(Regula Stämpfli/news.ch)

Machen Sie auch mit! Diese news.ch - Meldung wurde von 3 Leserinnen und Lesern kommentiert.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Dschungelbuch Apple und Facebook machen es vor: Sie zahlen Mitarbeiterinnen bis zu 20 000 Dollar, wenn sie ihre Eizellen einfrieren lassen. Dies ... mehr lesen
Eizelle: «An Egg Freezing Babies ist nichts auffällig» - mit Ausnahme der Indsutrieproduktion des Menschen.
Auch ihr ging es um Rechte als Mensch und nicht um Priviligierung als Frau: Verhaftete Frauenrechtlerin in London vor genau 100 Jahren.
Dschungelbuch Der europäische Gerichtshof für ... mehr lesen
Dschungelbuch Jedes Jahr finden zwischen dem 25. ... mehr lesen
Neulich in der Redaktion: Königinnenkonkurrenz wird gnadenlos tot gestochen...
Naturwissenschaftler, den man Geschichte schreiben lässt: Steven Pinker.
Dschungelbuch Steven Pinker schreibt in seiner ... mehr lesen 5
Dschungelbuch In der Schweiz wurden letztes Jahr ... mehr lesen 1
Die Zombiefizierung unserer Gesellschaft schreitet voran.
Der Hauptberuf
der Schnabelsau...

Gewalt ist ein schönes Thema für unsere Frau Stampfli! Erinnere ich mich da richtig, unsere Medien oder der westlich Mainstream sind an allem schuld? Sie betreiben die Sache der westlichen Diktatoren und machen Putin oder auch die ISIS erst möglich. Frau Stämpfli und vielleicht noch ein paar andere sind die einzigen, die sich für wahre Demokratie starkmachen und den ganzen Mainstream umkehren! Die freien Menschen, welche sich die westlichen Diktatoren in freien Wahlen gewählt haben, sind alles Mainstreamverdummte, oder wie soll man diesen Unsinn verstehen? Und leider sind wieder einmal alle viel zu dumm, um die Zusammenhänge zu verstehen, die uns Frau Stämpfli hier in wahrer Selbstüberschätzung präsentiert.
Nun gut, sie erkennt an, dass die Demokratie von doch Putin mit Füssen getreten wird, zwar leider wegen des westlichen Mainstreams, aber doch wenigstens sieht sie das, auf der anderen Seite sollen die Ukrainer ohne fremde Hilfe den Weg in die Demokratie schaffen und dem Putin bitte sehr hoffieren. Russland ist ja wohl der gutwillige übermächtige Nachbar, der den Ukrainer die Demokratie schon noch beibringt, und sei es mit Gewalt?? Ja und die USA hat Interessen in der Ukraine? Das ist schon alles eine groteske Sichtweise.
Ich will aber nicht die hehren Absichten hinter diesem neuen Machwerk übersehen. Aber alle, die genau wissen, was wirkliche Freiheit und Demokratie ist, sind mir mindestens, wenn nicht sogar noch mehr suspekt, wie der westliche Mainstream mit allen seinen in freien Wahlen auserkorenen „Diktatoren“.
Ich glaube nicht, dass Frau Stämpfli Demokratie als die Freiheit des Anderen versteht, wohl als eher ihre eigene Freiheit. Die ist aber nichts wert, wenn sie nur ihr für sich selbst in Anspruch genommen wird und andere Meinungen einfach niederwalzt oder doch zumindest für dumm hällt.
So viel einmal zu dieser komischen Weltsicht unserer Frau Stämpfli.
Dass sie sich die Anliegen der Menschen zu Eigen macht, welche sich für eine gewaltfreie Gesellschaft einsetzen, ehrt sie eigentlich. Aber auch hier dominiert wieder allzu deutlich ihre besserwisserische und diktatorische Grundhaltung , welche andere Meinungen zwar zu unterstützen scheint, aber in Wirklichkeit alles besser wüsste, Deutlich wird das schon beim ersten Satz.
Erich Fried sagt: Gewalt fängt dort an, wo einer sagt: “Ich liebe dich, du gehörst mir.“
Frau Stämpfli weiss das natürlich viel besser, als Erich Fried. Denn Gewalt fängt für sie dort an, wenn einer den anderen besitzt. Der Besitzanspruch steht aber immer vor dem Besitz! Erich Fried scheint ein wenig früher aufgestanden zu sein, als unsere Frau Stämpfli! Entschuldigung, Frau Stämpfli, das ist Banalität in Vollendung, denn Besitz kann a priori nichts anderes sein, als Unfreiheit des Besitzes. Wo Besitz bereits stattfindet, kann kein Anfang liegen!
Natürlich teile ich ihre Meinung zu Gewalt an Frauen und allen Menschen, die vor dem Erwachsensein Gewalt angetan wird, sei es durch Indoktrination durch Religion (Jeder Religion ist Freiheitsberaubung!) oder körperliche Verstümmelungen kleiner Kinder, die noch nicht über ihren Körper frei entscheiden können. Jede Art von Gewalt ist abscheulich und inhuman. (Auch die von Putin!)

Dass Sie dem Erich Fried nicht das Wasser reichen können, soll Sie nicht abwerten, er war halt schon ziemlich gescheit und wie viele Gescheite auch humorvoll. Darum hier ein kleines Gedicht von ihm, das seinen Humor schön belegt und das mir immer dann einfällt, wenn jemand sich mit ihm vergleichen oder sich gar auf seine Ebene emporhieven möchte:

Erich Fried:

Zwiefache poetische Sendung

"Der Hauptberuf der Schnabelsau
ist dass sie reimt auf Kabeljau
Doch wenn sie ihren Zensch entschleimt
bleibt selbst der Mensch nicht ungereimt
So halten Dichter Nabelschau
in unserm Kain und Abelgau
den Menschen wie den Kabeljäuen
obliegts dann sich am Reim zu freuen."

Und der bigbrother liegt gar nicht daneben mit seiner Meinung!!
0
Facebook
SMS
SMS
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 21
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: Alles könnte anders sein, aber nichts ändert sich.
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: ...
«Männer stimmten für Hofer, Frauen für Van der Bellen» titelte die FAZ nach dem Wahlkrimi in Österreich. «Warum wählen junge Männer so gern rechts?» fragte jetzt.de einen Soziologen. «Duh» war meine erste Reaktion, hier ein paar weitere. mehr lesen 3
Gewinnorientierte Unternehmen wie der ORS machen aus der Flüchtlingshilfe ein Geschäft. Das Rote Kreuz und die Caritas, die gemeinnützig sind und seit Jahren über grosse Erfahrung ... mehr lesen  
Flüchtlinge (hier in Mazedonien): Mit Gewinnziel zu verwaltende Konkursmasse oder doch Menschen?
Korpskommandant André Blattmann wird von den Mainstreammedien der «Beleidigung» bezichtigt. Er nannte den Rundschau-Chef Sandro Brotz, «Sandro Kotz.» Wer meint, dies sei nur ein Sturm im Wasserglas, irrt. Blattmann manifestiert einmal mehr, dass er von Demokratie und Meinungsfreiheit nichts hält, auch wenn er sich unterdessen bei Brotz entschuldigt hat. mehr lesen   2
«Bist Du nicht willig, stimmen wir ab.» So lautet die Devise der unschweizerischen bürgerlichen Mehrheit seit den Wahlen im Herbst 2015. «Wie schamlos hätten Sie es denn gerne?» titelte klug (aber leider zu spät) der TagesAnzeiger. Zeit für eine Umfrage- und Medienschelte. mehr lesen   2
Typisch Schweiz Der Bernina Express Natürlich gibt es schnellere Bahnverbindungen in den Süden, aber wohl ...
Welche Modelle sagen mir zu?
Shopping Online Shop für Fitness - was bekommt man alles? Ein Fitness Online Shop bietet einem einfach alles, was das Herz begehrt. Heute ist es nicht selten, dass sich immer mehr Menschen in dem Bereich Fitness ...
Erstaunliche Pfingstrose.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: Alles könnte anders sein, aber nichts ändert sich.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Obama in Hanoi mit der Präsidentin der Nationalversammlung, Nguyen Thi Kim Ngan auf einer Besichtigungstour: Willkommenes Gegengewicht zu China.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Recep Tayyp Erdogan: Liefert Anstoss, Strafgesetzbücher zu entschlacken.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Do Fr
Zürich -4°C 2°C Schneeregenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig trüb und nass wechselnd bewölkt, Regen
Basel -1°C 4°C bedeckt, wenig Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig trüb und nass wechselnd bewölkt, Regen
St. Gallen -3°C 0°C bedeckt, etwas Schneeleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig trüb und nass wechselnd bewölkt, Regen
Bern -4°C 3°C Schneeregenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig trüb und nass wechselnd bewölkt, Regen
Luzern -2°C 2°C Schneeregenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig anhaltender Regen wechselnd bewölkt, Regen
Genf -1°C 4°C bedeckt, wenig Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig trüb und nass wechselnd bewölkt, Regen
Lugano 0°C 6°C wechselnd bewölktleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt sonnig
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten