Gilliéron: «Einzig Hooligans sind schuld»
publiziert: Freitag, 12. Jun 2009 / 08:27 Uhr / aktualisiert: Freitag, 12. Jun 2009 / 08:43 Uhr

Seit 1993 ist der ausgebildete Jurist Peter Gilliéron (56) Generalsekretär beim Schweizerischen Fussballverband (SFV). Am Samstag möchte er seine Berufung für die Sache des Fussballs krönen und Nachfolger von Zentralpräsident Ralph Zloczower werden.

Peter Gilliéron: Verwalter oder Macher?
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Gilliéron, der einst Präsident des damaligen 3.-Liga-Vereins Minerva Bern war, wird als einer von zwei Kandidaten durch die Amateurliga, der grössten der drei SFV-Abteilungen, portiert.

Auch die 1. Liga hat ihm ihre Unterstützung zugesagt und eine Wahlempfehlung abgegeben. Wenn sämtliche Delegierten dieser beiden Kammern (73 von 101) ihre Stimmen Gilliéron geben, ist er bereits im ersten Wahlgang gewählt.

Peter Gilliéron, eigentlich könnte ich Ihnen jetzt schon zur erfolgreichen Wahl gratulieren. Oder sehen Sie das anders?

Gilliéron: «Wahltag ist am 13. Juni. Im Fussball ist das Spiel erst fertig, wenn abgepfiffen wird. Das gilt auch für diese Wahl.»

Die Spannung gegenüber der letzten Wahl 2001 ist jedoch deutlich kleiner. Von Wahlkampf ist praktisch nichts zu spüren.

Gilliéron: «Im Gegensatz zu damals, als vier Kandidaten zur Wahl standen, sind es jetzt nur zwei.»

Die wichtigste Liga in der Öffentlichkeitswahrnehmung, die Profiabteilung, steht nicht hinter Ihnen. Haben Sie damit Probleme?

Gilliéron: «Nein, habe ich nicht. Das ist ihr Recht. Es ist richtig, wenn jemand einen Gegenkandidaten aufstellt. So wie die anderen Abteilungen dieses Recht auch haben. Die Amateurabteilung hat in der Öffentlichkeit vielleicht nicht das grösste Gewicht. Fakt ist aber, dass 240'000 Fussballer und Fussballerinnen in dieser Abteilung daheim sind. Rund 1450 Vereine, das darf man nicht einfach so ausser Acht lassen. Es ist für mich absolut in Ordnung, dass jede Abteilung ihren Favoriten hat. Sollte ich gewählt werden, wäre das für mich aber Vergangenheit. Ich wäre ein Präsident für alle und für den ganzen Verband.»

Brauchte es für Sie viel Mut und Überlegung, bis sie sich dazu durchringen konnten, in die Fussstapfen von Ralph Zloczower treten zu wollen?

Gilliéron: «Sicherlich musste ich lange nachdenken, denn für mich ist es schon ein riesiger Schritt. Ein kleiner, weil ich im Fussball bleibe, aber ein grosser in der Funktion. Es ist natürlich richtig, dass der bisherige Präsident sehr erfolgreich gearbeitet hat. So soll es weitergehen. Es gibt viele Bereiche, in denen ich gerne etwas bewegen möchte. Dann reizt es mich auch, von der operativen auf die strategische Ebene zu wechseln. Ich traue mir diesen Wechsel zu.»

Einige Leute zweifeln, ob Sie aus dem langen Schatten von Ralph Zloczower heraustreten und sich selber in diesem Amt profilieren können.

Gilliéron: «Es ist sicher schwieriger, wenn man Nachfolger einer erfolgreichen Person werden will, aber es hat auch Vorteile. Klar wird man am Vorgänger gemessen, aber wenn man wie ich die Chance hatte, während langer Zeit gemeinsam mit dem Präsidenten an Projekten zu arbeiten, dann kann man den eingeschlagenen Weg auch nahtlos weiterführen. Das heisst nicht, dass alles genau gleich weitergehen wird. Es gibt Bereiche, in denen man etwas intensivieren oder zu bewegen versuchen kann.»

Ein Problem, das man dringend in Griff bekommen sollte, ist die Gewalt rund um den Fussball.

Gilliéron: «Die Gewaltproblematik begleitet uns schon länger. Es gibt keine Patentrezepte oder einfache Lösungen. Ich möchte nicht, dass jeder dem anderen den Schwarzen Peter zuschiebt zwischen Behörden, Vereinen und Verbänden. Vielmehr sollte man versuchen, das Problem gemeinsam in den Griff zu bekommen. Wir vom Verband können sehr viel machen in der Prävention. In der Arbeit mit den Jungen, den Vereinen und den Zuschauern soll der Fairplay-Gedanken verinnerlicht werden.

Es gibt aber auch die andere Seite. Personen, Fans ist ja in diesem Zusammenhang die falsche Bezeichnung, die Gewalt anwenden, haben im Fussball nichts zu suchen. Die muss man mit der Polizei zusammen hart anpacken. Es gibt verschiedene Ideen wie Schnellgerichte, eine saubere Deanonymisierung mit Video-Überwachung. Aber da braucht der Fussball die Hilfe der Behörden und der Polizei. Das ist leider nicht immer einfach. Es gibt Datenschutzgründe, auf die man Rücksicht nehmen muss. Aber es wäre wichtig, wenn wir nicht einfach Schuldzuweisungen machen. Schuld sind einzig die Hooligans, die Gewalt anwenden.»

In der Sicherheitsfrage geht die Tendenz dahin, dass man immer mehr Kosten dem Fussball und den Vereinen direkt aufbürden will. Das käme aber für die meisten Klubs dem finanziellen Untergang gleich.

Gilliéron: «Ja, das ist ein ganz schwieriges Problem. Die Systeme sind in der Schweiz leider ziemlich unterschiedlich. Jeder Verein kennt praktisch eine andere Praxis. Man kann bei den Behörden intervenieren, um eine einheitliche Lösung zu finden. Man muss aber auch sehen, dass das Verursacherprinzip in dieser Sache nicht einfach eins zu eins angewendet werden kann, weil der Fussball auch eine wichtige gesellschafts-politische Funktion ausübt. Wir stellen auch nicht für alles Rechnung, was wir für die Gesellschaft tun. Wenn wir in unseren Vereinen zu 130 000 Jugendlichen schauen, dann tun wir das auf eigene Kosten und stellen der Gesellschaft keine Rechnung dafür. Das müsste man schon mal in die Waagschale werfen, wenn über die Sicherheitskosten diskutiert wird.»

Zurück zu Ihrer Kandidatur. Es heisst vielenorts, Gilliéron sei ein Verwalter und Beamter, Gegenkandidat Benedikt Weibel dagegen ein Reformer und Macher.

Gilliéron: «Verwalter oder Reformer. Man kann immer jedem ein Etikett anhängen. Aber vielleicht entspricht es ja gar nicht der Wirklichkeit. Ich habe als Generalsekretär bisher eine ganz andere Funktion ausgeübt. Präsident ist wieder eine andere Tätigkeit. Wenn man die Funktion wechselt, kann man ja auch eine andere Seite von sich präsentieren. Bisher war das aber nicht meine Aufgabe.»

Wie sieht denn Ihr Programm aus?

Gilliéron: «Bevor man etwas ändert, muss man wissen, was als gut und schlecht angeschaut wird. Bei den Nationalmannschaften und in der Nachwuchsförderung wird hervorragend gearbeitet. Da sehe ich kein grosses Veränderungspotenzial oder keinen Bedarf. Hier werden wir bereits neue Impulse durch den neuen Technischen Direktor Peter Knäbel erhalten.

Die Gewalt haben wir schon angesprochen. Die ist auf meinem Programm, ganz klar. Ich möchte zudem den knapp 1450 Klubs zusammen mit den Regionalverbänden mit Rat und Tat zur Seite stehen, ihnen Hilfe anbieten. Vereine sind heute ein komplexes Gebilde, die eine grosse Organisation benötigen. Die vielen ehrenamtlich arbeitenden Helfer sind zum Teil auf professionelle Hilfe angewiesen.

Ich möchte zudem, dass diese Ehrenamtlichkeit besser anerkannt wird. Dabei denke ich nicht an eine finanzielle Entlöhnung. Der Fussball kann nur funktionieren, wenn sehr viele Leute ihre Freizeit dafür opfern, vom Teekochen in der Pause bis zum Rasenmähen und dem Betreuen der Junioren. Ohne sie geht es nicht, und die Gesellschaft sollte dies mehr anerkennen. Swiss Olympic propagiert, für solche Leute Diplome zu schaffen, die man praktisch als Leistungsausweis vorweisen kann.

Dann gibt es Bereiche, in denen wir als Verband noch enger mit der Politik zusammenarbeiten müssen, auf allen Stufen. Bei der EURO 2008 konnten wir gewisse Beziehungen knüpfen, die man aufrecht erhalten sollte. Auf internationaler Ebene gilt es zu berücksichtigen, dass wir die FIFA und die UEFA in der Schweiz haben. Auch hier ist es wichtig, die Bekanntschaften und Beziehungen zu nutzen.»

Ein Problem im Fussball ist auch, dass immer mehr Geld umgesetzt wird. Das erzeugt Kritik, wenn FIFA oder UEFA Millionen oder gar Millarden umsetzen und die Spieler immer mehr verdienen.

Gilliéron: «Bezüglich FIFA und UEFA spricht man nur von den vielen Einnahmen, aber nie davon, was mit dem Geld passiert. Wie die Gelder investiert werden, wie viele Projekte damit realisiert werden. Viele Millionen gehen an Länder, die wenig Geld zur Verfügung haben und damit ihre Infrastruktur und die Nachwuchsarbeit verbessern können. Die grossen Verbände beweisen Solidarität mit den kleinen, die man mehr erwähnen müsste.»

Es geht im SFV zukünftig auch darum, mehr Geld zu generieren. Benedikt Weibel hat bereits gesagt, dass er mehr Geld aus den Übertragungsrechten, die 2012 neu ausgehandelt werden, herausholen möchte. Gleich grosse Länder wie Dänemark oder Österreich würden damit wesentlich mehr einnehmen.

Gilliéron: «Vergleiche mit anderen Ländern sollte man relativieren und nicht Birnen mit Äpfeln vergleichen. In anderen Ländern besteht eine viel grössere Konkurrenz zwischen den TV-Anstalten. Es kommt auch immer darauf an, was alles in den Rechtepaketen enthalten ist. Wir sind ein dreisprachiges Land, das macht es bei den Übertragungen auch nicht einfacher. Ich bin aber überzeugt, dass man mehr herausholen kann. Wir haben das auch der Vergangenheit auch schon gemacht. Bei jedem neuen Vertrag wurden die Einnahmen für uns grösser. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass wir in der Schweiz eine Monopolstellung beim TV haben. Das erschwert alles. Wenn wir jedoch mit der Liga zusammen vorgehen und das auch so vorbereiten, kann man sicherlich mehr herausholen.

Punkto Einnahmen ist aber auch zu erwähnen, dass die Marketingsituation, als ich 1993 als Generalsekretär anfing, praktisch inexistent war in unserem Verband. Heute haben wir die Einnahmen deutlich gesteigert. Wir haben Sponsoren evaluiert und Sponsoring-Pakete erarbeitet. Wir haben ausserdem eine eigene Marketingabteilung ins Leben gerufen.»

(René Baumann, Bern/Si)

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