Globales Vorbild: Argentinische Mütter und Grossmütter
publiziert: Mittwoch, 6. Aug 2014 / 15:28 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 6. Aug 2014 / 16:57 Uhr
Wille, selbst im hohen Alter gegen das Vergessen zu kämpfen: Mütter des Plaza de Mayo.
Wille, selbst im hohen Alter gegen das Vergessen zu kämpfen: Mütter des Plaza de Mayo.

Am 31. Juli 2014 meldete Argentinien die Zahlungsunfähigkeit des Landes. Diese steht in direktem Zusammenhang mit dem totalen Zahlungsausfall von 2001. Ein Desaster, das sich wirtschaftlich und finanziell direkt mit der Herrschaft der Militärs in Zusammenhang bringen lässt. Höchste Zeit, Finanzen und Folter in eine gemeinsame Erzählung zu fassen.

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Zwei amerikanische Hedge-Fonds kauften 2001 Staatspapiere mit einem Nominalwert von 1.3 Mrd Dollar für ein paar Peanuts. Die «Geier-Fonds» (Diktion der argentinischen Präsidentin Kirchner) beharren nun via New Yorker Gerichte auf vollständige Auszahlung inklusive Boni in Millionenhöhe plus Zinsen. Argentinien weigert sich und deklariert partielle Zahlungsunfähigkeit.

Ein paar Tage nach Bekanntwerden der partiellen Zahlungsunfähigkeit des Landes, kommt Argentinien wiederum in die internationalen Schlagzeilen. Estela Bernes de Carlotto, die Präsidentin der Asociación Civil Abuelas de Plaza de Mayo, hat nach 36 Jahren (!) politischer Proteste und unermüdlicher Suche ihren Enkel ausfindig gemacht. Es ist das 114. verlorene Kind (von mutmasslichen 500), das die Grossmütter der Plaza de Mayo identifiziert haben. Estela Bernes de Carlotto ist die Mutter von Laura, die im dritten Monat schwanger von den argentinischen Militärs entführt und zwei Monate nach der Geburt ihres Sohnes ermordet wurde. 36 Jahre lang blieb unklar, was mit Carlottos Enkel passiert war.

Es ist nur dem grossen politischen Engagement der Mütter und Grossmütter der Plaza de Mayo, ihrer Zivilcourage und ihrem Willen, selbst in hohem Alter nie die Suche und das Benennen von Gerechtigkeit, aufzugeben, zu verdanken, dass die Folterpolitik der Militärjunta in Argentinien nie vergessen wird. Es ist der Mut vieler jüngerer Argentinier, sich unbequemen Fragen in der eigenen Familie zu stellen. So hat sich auch der Enkel von Estela Bernes de Carlotto freiwillig einem Gentest unterzogen, weil er Unklarheiten punkto Familienzughörigkeit feststellte. Stellen Sie sich das vor! Sie wachsen, meist gut behütet, geliebt und wohlbehalten in einer Familie auf, von der sich später herausstellt, dass sie entweder direkt oder indirekt an der Folter und Ermordung ihrer biologischen Eltern beteiligt waren. Viele Argentinierinnen und Argentinier um die 30-40 Jahre haben sich also freiwillig einem Gentest unterzogen, weil sie Fragen zu stellen begannen. Unbequeme Fragen an Eltern, die sie nie anders kannten als Mama und Papa, an ein Umfeld, das jede linke Politik auch Jahrzehnte nach der Junta-Herrschaft immer noch als «subversiv» oder «militant» diskreditiert. Es gibt immer noch mehrere Hunderte von Menschen, die sich aus vielen Gründen weigern, dies zu tun. Die Grossmütter und Mütter lassen aber nicht locker.

Dass nun Enkel und Grossmutter zusammenfinden, um vielleicht auch gemeinsam die Ermordung der eigenen Mutter und der eigenen Tochter betrauern zu dürfen, ist nur möglich, weil Argentinien 2003 das Amnestiegesetz für die während der Diktatur begangenen Verbrechen aufgehoben hat. Hätte die damalige Bundesrepublik Deutschland sich 1965 ähnlich wie Argentinien 2003 der juristischen Neuorientierung der Verbrechen im Nationalsozialismus gestellt, wäre die Geschichte Deutschlands und der Europäischen Union ganz anders verlaufen. Es wären zudem ganz andere politische Akteure zum Zug gekommen als jene, die unsere Politik bis heute dominieren.

20 Jahre sind eine kurze Zeit. Die Täter leben direkt unter ihren Opfern und geniessen teilweise hohe gesellschaftliche und politische Positionen. Sich dies für 1965 in Deutschland vorzustellen, hätte wahrhaftig eine deutsche Revolution gebracht! Argentinien wagte 2003 aber genau diesen Schritt. Dank einer unermüdlich aktiven Zivilgesellschaft von einer weiblichen Minderheit, die nie aufhörte, die Menschen um sich herum an die Menschlichkeit zu erinnern. Seit 2003 verschreibt sich Argentinien einer Zivilgesellschaft, die für eine Geschichtsschreibung und eine Justiz einsteht, die der Gerechtigkeit und nicht einfach dem verjährenden Unrecht dienen soll. Die Aufhebung des Amnestiegesetzes war eine ganz persönliche Angelegenheit - hier liegt der grosse Unterschied zu Deutschland, das sich gerne einer Kollektivschuld verpflichtet, aber jede persönliche Schuld soweit als möglich zugeschüttet hat (siehe Eichmann-Prozess).

Dass die Verantwortlichen der Militärjunta in Argentinien seit 2003 für ihre Verbrechen geradestehen müssen, war wohl auch nur möglich, weil 2001 der Staatsbankrott ausgerufen werden musste. Inmitten des Bankrotts war klar, nicht alles zu verlieren, was das grosse Land in der Vergangenheit auch gross gemacht hat. 2001 wurde die Koppelung des Peso an den US-Dollar aufgehoben. Die argentinische Regierung weigerte sich, die privaten Gläubiger zu bezahlen und schaffte dennoch einen IWF-Kredit. Diese Unabhängigkeit durch die unendlich grosse Finanzkrise machte es Argentinien erst möglich, sich auch eine Unabhängigkeit in Bezug auf die eigene Geschichte zu leisten und dies mit der Aufhebung der Amnestie voranzutreiben. Eine kontrafaktische Geschichtsschreibung könnte vielleicht dazu kommen, dass ohne Staatsbankrott Argentiniens auch die Amnestieaufhebung nie erfolgt wäre. Folter und Diktatur sind eben nicht nur politische, sondern höchst finanzielle Angelegenheiten. Dies erklärt auch, weshalb 1983 Argentinien demokratische Wahlen ausrufen konnte. Ohne schmachvolle Niederlage gegen Grossbritannien im Falkland-Krieg wäre die Militärjunta bis 2000 an der Macht geblieben - so war es jedenfalls deren Plan. Was wiederum zeigt, dass Folter und Diktatur eben oft nicht nur mit Finanzen zusammenhängen, sondern nur durch Waffen beseitigt werden können.

Doch eigentlich zeigt Argentinien noch viel mehr, nämlich dass es eine weibliche Zivilgesellschaft jahrzehntelang schafft - trotz Demütigungen, üblen Nachreden, Anfeindungen, Schmähungen und unendlichem Leid, dem Unrecht und dem Recht ein Gesicht zu geben und nicht locker lässt bis die Menschen sich ihrer ganz eigenen und persönlichen Verantwortung stellen oder die Rechtssysteme dies befördern. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass auch den «Geier-Fonds» früher oder später die Stunde schlagen wird. Wie wäre es eigentlich mit einer Sammelklage gegen all jene Unternehmen, die zur Zeit der Militärdiktatur in Argentinien aktiv mit den Folteren (Listen von Gewerkschaftern u.a.) zusammengearbeitet haben?

Die Entschädigunssumme sollte locker reichen, die Staatsschulden, die zudem auch auf die Zeit der Militärdiktatur zurückzuführen sind und die verfehlte Politik des IWF in den Jahrzehnten darauf, zu begleichen... Argentinien lehrt uns viel, aber vor allem: Ohne engagierten Menschen gibt es keine Geschichte, die der Wahrheit und der Gerechtigkeit entspricht. Und: Geschichte ist nicht eine von entkörperlichten Prozessen, sondern eine von ganz bestimmten Menschen und bennenbaren Personen gemachte. Menschen, die zu Lebzeiten für ihr Handeln zur Verantwortung gezogen werden sollten.

(Regula Stämpfli/news.ch)

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