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Gold-Britannien vor dem Ritterschlag
publiziert: Montag, 6. Aug 2012 / 17:07 Uhr

Hot Britannia! Die Leidenschaft für die olympischen Ringe glüht mehr denn je. Mit ihrem «Super Saturday» lösten die Olympia-Gastgeber einen historischen Schub der Begeisterung aus. Die Medaillenflut schwemmte uralte Komplexe innerhalb von wenigen Stunden weg.
«So, wie war Ihr Weekend?» Die «Times» befragte ihre Leser mit einem genüsslichen Unterton und bildete die Helden des sporthistorischen Wochenendes gleich einzeln im Grossformat auf den ersten Seiten ab. Achtmal standen die unschlagbaren Ruderer, die brillanten Segler, die entfesselten Leichtathleten, die bahnbrechenden Velofahrer und der ergriffene Tennis-Prinz Andy Murray am süssen Ende zuoberst auf dem Podium.
Öfters wurde der «Union Jack» innert 24 Stunden an Olympia letztmals vor 104 Jahren gehisst. «Der Super Saturday hat den britischen Sport für immer verändert», jubelte der «Daily Telegraph» in seinem Leitartikel. Die Erfolge tun der Seele der UK-Sportler-Szene gut. Sie organisieren nicht (mehr) nur alles, sie gewinnen in mehreren prestigeträchtigen Disziplinen auch fast alles. Während Jahrzehnten nahezu eingebrannte Komplexe lösten sich über Nacht in Luft auf - das Wimbledon-Trauma ist keines mehr.
Sportler «on fire»
Timing ist alles. Vier Jahre lang hat sich Grossbritannien auf den global wichtigsten Sportanlass vorbereitet. Auf den Punkt genau läuft «GB» nun zur ganz grossen Form auf. Das massenhafte Interesse löste keine Verkrampfung aus, sondern eine Ekstase. Die olympische Flamme lodert nicht, sie brennt überall. Die Sportler sind «on fire». Murray verkörperte diesen Spirit am Sonntag an der «Church Road» speziell eindrücklich, als er den 17-fachen Grand-Slam-Sieger Roger Federer gnadenlos deklassierte.
Nicht nur Murray verwandelte sich vom ewigen Verlierer im besten Moment seiner Karriere zum von Schottland bis Wales verehrten Sieger. Greg Rutherford setzte der 48-jährigen britischen Leidenszeit im Weitsprung ausgerechnet vor eigenem Publikum ein Ende. Der Effekt der «Heimsommerspiele» ist bemerkenswert. Die nahezu greifbare Energie der Fans hat die Hauptdarsteller vom ersten Tag der impulsiven Eröffnungfeier an inspiriert. Schon jetzt gilt: «Well Londone!»
Auch Zeit für Verlierer
Dem legendären Song der Rock-Band «Queen» huldigten sie alle: «We are the Champions!» Aber in London bleibt auch Zeit für Verlierer. Als Mark Hunter und Zac Purchase vom Leichtgewichts-Zweier auf den letzten Zentimetern gegen Dänemark der Sieg entglitt, glühten die über 30'000 fanatischen Anhänger am Lake Dorney gleichwohl vor Stolz. Das hoch kompetente BBC-Team demonstrierte beim Interview mit dem kurz vor dem Kollaps stehenden Duo, wie vorzüglich die Kommentatoren eben auch auf die Kehrseite der Medaille vorbereitet waren.
Selbst die Handballer, als masslos überforderte Dauerverlierer der eigentliche Kontrastpunkt zu den übrigen Winner-Typen, kamen auch am letzten Tag der Vorrunde in den Genuss von tausendfacher Unterstützung. Viele Familien besuchten die Spiele der «Exoten» aus purer Neugier. Jeder will ein bisschen Olympia konsumieren. Die vernichtend hohen Niederlagen nahm niemand persönlich, andererseits behielten die Briten auch in ihrem olympischen Ausnahmezustand am vergangenen Samstag das Augenmass.
Mit ihrem feinen Humor und dem ausgeprägten Sinn für sportliche Höchstleistungen haben sich die Gastgeber auch ausserhalb der Wettkampfplätze für eine Topklassierung beworben. Die entschlossene, aber immer freundliche und tolerante Haltung der multikulturellen Nation wird haften bleiben. Der flächendeckende Enthusiasmus für ihre «Games» erinnert immer wieder an die epische Atmosphäre der Jahrtausend-Spiele in Sydney.
Das goldene Konzept der «Aussies» haben sie in UK 1:1 zu übernommen. Die Lotterie-Gesellschaft pumpte auf Anweisung des früheren Premier-Ministers John Major gegen neun Milliarden in die britische Sportförderung. Der enorme Aufwand hat sich gelohnt. Die Sportler zeigten auf, welche herausragenden Ergebnisse mit einem seriösen Aufbau innerhalb von vier olympischen Perioden zu erreichen sind. Die verheerende Bilanz von Atlanta 1996 (einmal Gold) ist nur noch ein Mahnmal. Solche (Olympia)-Zahlen tun auch einer angeschlagenen Finanz-Metropole gut.
(fest/Si)
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