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Google ist eine «Bedrohung der Menschheit»
publiziert: Donnerstag, 3. Jan 2008 / 07:15 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 3. Jan 2008 / 07:58 Uhr

Graz - Ein von Grazer Forschern veröffentlichter Bericht bezeichnete Google unlängst als «grösste und mächtigste Detektei der Welt».

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Maurer: «Bis jetzt war es den meisten Menschen gar nicht bewusst, dass hier ein Problem vorliegt.»
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Durch Data Mining - dem systematischen Durchsuchen von User-Datenbanken nach verwertbaren Informationen - habe das Unternehmen in unerhörter Art und Weise Macht angehäuft und sei deshalb zu einer «Bedrohung der Menschheit» geworden.

pressetext sprach mit dem Autor des Berichts, Professor Hermann Maurer, über die Problematik des Google-Monopols und die damit verbundenen Gefahren.

Herr Prof. Maurer, Ausgangspunkt Ihres Forschungsberichtes waren eigentlich «schwere Bedenken über Plagiate durch die Nutzung von Google». Am Ende warnen Sie aber sogar vor der «Bedrohung der Menschheit» durch Google. Wovor müssen wir uns fürchten?

Hermann Maurer: «Das wichtigste ist zu verstehen, dass es nicht um die Suchmaschine Google alleine geht, sondern um das Imperium Google. Es ist die Kombination der verschiedenen Unternehmungen von Google wie YouTube, GoogleEarth, GoogleMail etc. die im Komglomerat die gesammelten Informationen untereinander austauschen, bewusst koordinieren und verschmelzen. Das macht die Situation so gefährlich.»

Gibt es nicht auch andere Unternehmen, die eine ähnliche Bedrohung darstellen?

Maurer: «Es ist sicherlich so, dass meine Bestrebungen nicht allein gegen Google gerichtet sind, sondern gegen gewisse Aspekte des Data Mining im Allgemeinen. Das trifft sicher auf andere Firmen auch zu. Nach Google im Moment vielleicht am meisten auf Yahoo, aber auch Microsoft könnte hier genannt werden. Die Firma, die das zur Zeit im grössten Ausmass betreibt, ist jedoch sicherlich Google. Sie ist ein Repräsentant für eine neue Art der Nutzung des Internets, mit der man nicht gerechnet hat und die man in irgendeiner Art und Weise wird regeln müssen.»

Inwiefern ist die Monopolstellung Googles problematisch und wie soll mit ihr umgegangen werden?

Maurer: «Die Problematik ist zunächst die, dass Google als grösste und mächtigste Detektei, die es jemals gab, über jede wichtige Person und Organisation ein sehr genaues Dossier mit Informationen hat. Das alleine ist natürlich schon gefährlich. Für Privatpersonen deshalb, weil dadurch unsere Privatsphäre zutiefst gefährdet wird und Informationen auch fallweise gegen uns benutzt werden können. Es wäre durchaus denkbar, dass, wenn jemand so viele Informationen über Personen hat, er diese unter Umständen an andere verkauft und zu seinen Gunsten ausnützt. Ich will Google nicht beschuldigen, dass so etwas schon getan wird. Eine gewisse Versuchung muss es allerdings schon sein, wenn jemand eine grössere Summe bietet, um Informationen über eine bestimmte Gruppe von Menschen zu kriegen. Was aber vielleicht noch wichtiger ist, ist die Tatsache, dass Google auch viel über Firmen, Unternehmungen und ökonomische Strömungen in der Welt weiss. In gewissen Bereichen kann das Unternehmen so recht gute Prognosen der Zukunft abgeben. Natürlich ist da die Versuchung für eine Firma gross, das auch beispielsweise am Aktienmarkt auszunützen.»

Muss man nicht schon heute stärker auf die Problematik des Data Mining hinweisen?

Maurer: «Davon bin ich überzeugt. Das ist ja mitunter auch der Grund, warum ich diesen Bericht geschrieben habe. Es gibt einfach Bereiche in unserer Gesellschaft, wo unabhängig von Regierungsform und politischer Orientierung der Staat eingreift. Wir haben eine solche Situation beispielsweise in jedem Land der Welt bei der Zulassung von Medikamenten. Ich glaube, dass das Internet inzwischen einen so grossen Stellenwert bekommen hat, dass auch hier die öffentliche Hand eingreifen muss. Den Regierungen ist generell noch zu wenig bewusst, dass dies ein neues Phänomen ist, das man mit gewissen Regelwerken in den Griff bekommen kann.»

Was kann konkret dagegen getan werden?

Maurer: «Konkret sollte man sich erstens überlegen, ob grosse Firmen wie Google nicht in mehrere Firmenteile zerlegt werden sollen. Der eine Teil könnte zum Beispiel die Suchmaschine betreiben und der andere würde dann die übrigen Dienste, die Google anbietet, beinhalten. Die beiden Teile dürften aber keine Daten untereinander austauschen. Das würde die Situation schon dramatisch entschärfen. Zweitens sollte man die Entwicklung von Spezialsuchmaschinen unterstützen. Diese Suchmaschinen, die jeweils in bestimmten Themenbereichen eingesetzt werden würden, könnten von gemeinnützigen Einrichtungen wie Universitäten betrieben werden.»

Es gibt ja einige Theorien über das Zusammenspiel von Google und Wikipedia. In Ihrem Bericht wollen Sie einige Anzeichen für eine solche Zusammenarbeit gefunden haben. Was haben Sie entdeckt?

Maurer: «Die Verwendung des Internets hat bereits begonnen zu einer Wissensverflachung zu führen. Ich habe da vor allem Wikipedia vor mir, das wir alle benutzen und das ich eigentlich für eine gute Geschichte halte. Wichtig ist aber zu wissen, dass Wikipedia als Quelle von Informationen mit Vorsicht zu geniessen ist, denn viele dort gesammelte Artikel sind mit einer bestimmten Absicht geschrieben oder enthalten eine persönliche Meinung, die nicht unbedingt den eigentlichen Tatsachen entspricht. Was das Verhältnis von Google und Wikipedia betrifft, bestreiten beide nicht ausdrücklich eine Zusammenarbeit. Es ist aber doch auffällig, dass vor allem in der deutschsprachigen Version von Google die Einträge von Wikipedia bei Suchanfragen viel höher gereiht werden als bei anderen Suchmaschinen. Man könnte jetzt sagen, das liege an der Art wie Google die Rankings von Suchergebnissen vornimmt. Ich glaube aber, dass da mehr dahinter steckt. So konnten wir mittels statistischem Vergleich deutlich nachweisen, dass Wikipedia-Einträge bei Google signifikant besser abschneiden als bei anderen Suchmaschinenanbietern.»

Müssen wir uns mit dem Verlust unserer Privatsphäre nicht einfach abfinden? Ist das der Preis für die «Segnung Internet»?

Maurer: «Ich hoffe das zwar nicht. Die Befürchtung, dass dem so ist, könnte man allerdings schon haben. Einige Leute argumentieren damit, dass es so etwas wie Privatsphäre früher ja auch nicht gegeben habe. Wenn man zum Beispiel in einem kleinen Dorf wohnt, wissen auch alle über einen Bescheid. Erst durch die steigende Bevölkerungsdichte und den voranschreitenden Prozess der Urbanisierung habe sich so etwas wie Privatsphäre herausbilden können. Ich persönlich glaube schon, dass Privatsphäre etwas Wichtiges ist. Wie weit wir sie von Bedrohungen wie dem Data Mining bewahren können, hängt auch davon ab, wie bewusst es den Menschen wird, dass es gefährlich ist, wenn sie zu exhibitionistisch im Internet kommunizieren.»

Inwiefern müssen sich Privatpersonen im Netz in Acht nehmen?

Maurer: «Wenn Anwender bereit sind, intime Informationen über sich ins Internet zu stellen, dann können sie später unter Umständen eine böse Überraschung erleben. Als besonders problematisch empfinde ich hier den Umstand, dass Suchmaschinenbetreiber die gesammelten Userinformationen so lange aufheben dürfen. So brüstet sich Google ja sogar damit, dass sie noch über Informationen aus dem Usenet des Jahres 1981 verfügen. In letzter Zeit wird aber auch bei Google bereits öfter laut darüber nachgedacht, entsprechende Daten etwa nach einem Zeitraum von 18 Monaten zu löschen.»

Welche Konsequenzen soll man als normaler Internetuser aus Ihren Forschungsergebnissen ziehen? Ist etwas mehr Misstrauen beim Surfen im Netz angebracht?

Maurer: «Bis jetzt war es den meisten Menschen gar nicht bewusst, dass hier ein Problem vorliegt. Darum sind sie auch in ihrem Umgang mit dem Internet sehr leichtsinnig vorgegangen. Man sollte aus den Erfahrungen lernen, dass eine gewisse Balance zwischen moderner und traditioneller Informationsverbreitung sinnvoll ist. Es muss klar sein, dass weder das eine noch das andere das Gelbe vom Ei ist. Mehr Misstrauen ist beim Surfen im Internet sicherlich generell angebracht. Was immer an Information gefunden wird, sollte man versuchen anhand des Originals oder alternativer Quellen zu überprüfen. Neben dem gesunden Misstrauen gegenüber den Informationen, die man im Netz findet, sollte man aber auch lernen, beim Veröffentlichen persönlicher Informationen mehr Vorsicht walten zu lassen.»

Sie sind ja auch Sci-Fi-Autor. In Ihrer Roman-Reihe «Xperten» geht es um Menschen mit aussergewöhnlichen und «übersinnlichen» Fähigkeiten, die diese in vielen Situationen zum Wohle der Menschheit einsetzen. Mehrere Ihrer Roman-Helden sind dabei Wissenschaftler und Techniker, die sehr aktiv den positiven Einsatz heutiger und künftiger Technologien forcieren und gegen mächtige Personen und Systeme kämpfen, die Technik für schändliche Zwecke missbrauchen. Sehen Sie sich auch in dieser Rolle?

Maurer: «Nein, das würde ich so nicht sagen. Es ist natürlich so, dass man als Techniker oder Wissenschaftler sehr viele Labors und Forschungsstätten in der Welt besucht und dort einige Dinge zu Gesicht bekommt, die man kaum für möglich hält und die eigentlich noch Science Fiction sind. Da ist man oft auch als Wissenschaftler sehr verblüfft darüber, wie weit die Entwicklungen in den Labors schon gediehen sind. Daher erklärt sich auch meine persönliche Tendenz, mich mit solchen Themen zu beschäftigen. Mit der Romanserie habe ich eigentlich vor zu zeigen, dass alle übersinnlichen Fähigkeiten letztendlich auch durch Technik simulierbar sind. Ich habe schön öfters auch Vorträge zum Thema »Wunder und Technik« gehalten. Hier zeige ich auf, wie Sachen, die vor 200 Jahren noch als Wunder betrachtet worden sind, heute als ganz normal wahrgenommen werden. Genauso bin ich davon überzeugt, dass Phänomene wie Telepathie oder Telekinese, die man heute noch für Wunder hält, irgendwann einmal technisch eingeholt werden. Gleichzeitig will ich mit meinen Büchern aber auch auf die Gefahren der Technik hinweisen.»

Welche Gefahren der Technik sind Ihrer Meinung nach besonders aktuell?

Maurer: «Besonders die Überwachungsproblematik erscheint mir derzeit ein wichtiger Punkt. Hier hinkt der Gesetzgeber hinter den Gegebenheiten deutlich hinterher. Wir brauchen dringend Gesetze, die unsere Privatsphäre stärker vor Eingriffen schützen. Um das zu schaffen, ist es notwendig, genügend öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. Entscheidungsträger sollen einsehen, dass da was getan werden muss. Der Druck auf die Politik ist derzeit noch viel zu gering, dass solche Fragen ernsthaft angepackt werden.»

(bert/pte)

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