Warum die Schweiz keine ständige Vertretung in Rom braucht
«Heilige Stühle» sind «heilige Kühe»
publiziert: Donnerstag, 11. Okt 2012 / 10:39 Uhr
Doris Fiala fordert eine eigene Vertretung der Schweiz beim Vatikan.
Doris Fiala fordert eine eigene Vertretung der Schweiz beim Vatikan.

In der Sonntagspresse fordert Doris Fiala eine eigene Vertretung der Schweiz beim «heiligen Stuhl» - so wie es viele andere (traditionell katholische) Staaten haben. Die Schweizer Geschäfte mit dem «heiligen Stuhl» würden derzeit nebenher erledigt, was nicht mehr genüge. Warum?

1 Meldung im Zusammenhang
Weil dies «unseren Interessen» und der «internationalen Courtoisie» widerspreche, weil sich der Papst in internationalen Organisationen engagiere und insbesondere in Menschenrechtsfragen, eine immer wichtigere Rolle spiele.

Einspruch: Im Völkerrecht ist der Papst die einzige natürliche Person, die von einer Mehrheit als Völkerrechtssubjekt anerkannt wird - ein Privileg, ein Relikt aus dem absolutistischen Mittelalter -, und die Schweiz sollte sicher nicht zur Zementierung dieses überlebten Zopfs beitragen. Der «heilige Stuhl» als diplomatische Vertretung des Vatikans ist auch kein Mitglied des Europarates, weil der Vatikan die europäische Menschenrechtskonvention nicht unterzeichnet hat. Zudem erlaubt sich der Papst offenbar, Diplomaten aufgrund der katholischen Sexualmoral abzulehnen: keine Geschiedene, keine Homosexuelle etc. ... und in seinen Reden bezieht er sich zwar regelmässig auf die Menschenrechte, aber sehr selektiv - wie andere Religionsführer auch -, nämlich immer dann, wenn es um seine katholische Interessen geht.

Doris Fiala meint weiter, jedermann könne sehen, dass die Religion in der internationalen Politik eine immer wichtigere Rolle spiele, dass der Papst darin eine gewichtige Stimme sei.

Einspruch: Religion wird von muslimischen und christlichen Fanatikern in die UN-Gremien hineingetragen mit dem erklärten Ziel, im Namen der «Religionsfreiheit» Menschenrechte und Grundfreiheiten zu relativieren und zu beschneiden. Der Papst strebt zudem eine Re-Evangelisierung Europas an und sollte schon deshalb von der offiziellen Schweiz nicht diplomatisch hofiert werden, denn die Interessen des Papstes sind nicht die Interessen der SchweizerInnen - auch nicht jene der offiziell rund 30% KatholikInnen in der Schweiz, die sich mehrheitlich vom Papst und seinen absolutistischen Ansprüchen distanzieren. Schlimm genug, dass im 21. Jahrhundert ein weiterer Anachronismus weiterlebt, die sogenannten «Schweizergarde», die eigentlich die päpstliche Privatarmee ist und in der junge Schweizer als Söldner die Leibwache eines religiösen Führers im Ausland stellen, obwohl seit 1859 das Anwerben von Söldnern in der Schweiz verboten ist (heute im Art. 94 des Militärstrafgesetzes geregelt).

Doris Fiala findet, die Schweiz, die wegen ihrer Verdienste auf dem Gebiet der Menschenrechte, des humanitären Völkerrechts und der menschlichen Sicherheit in Europa sehr geschätzt werde, müsse sich im Vatikan einbringen, weil dort die intensivsten Diskussionen stattfinden würden.

Einspruch: Der Papst ist einer der aktiven Agitatoren der «Achse der Religiösen», welche sich gegen die derzeit stark wachsende Minderheit der Konfessionsfreien formiert. Die Schweiz soll sich aus diesem Gerangel des «interreligiösen Dialogs», aus diesen strategischen religiösen Seilschaften raushalten und sich auf säkulare Projekte konzentrieren. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, dass die katholische Kirche in der Schweiz und in Europa ihre Autorität verloren hat und auch generell die Religiosität in der Schweiz und in Europa abnimmt.

Doris Fialas fordert, es sei - als Konsequenz der neuen Bundesverfassung, aus der die Überbleibsel aus dem «Kulturkampf» getilgt worden sind - diese «Anomalie» der diplomatischen Beziehungen mit dem «heiligen Stuhl» zu beheben.

Einspruch: «Heilige Stühle» sind «heilige Kühe», überkommene religiöse Institutionen, denen im 21. Jahrhundert nicht weiter gehuldigt werden soll. Die Schweiz muss ihre Beziehungen mit anderen Völkern und ihren verfassten Staaten pflegen und nicht mit religiösen Führern.

(bert/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Zürich - Doris Fiala räumt ein, offenbar sei sie mit gewissen Quellenangaben «schludrig umgegangen». Eine Betrügerin sei ... mehr lesen
Die Zürcher FDP-Nationalrätin Doris Fiala sieht sich mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert.
Obwohl die Niederlande eines der säkularisiertesten Länder sind, ist die Trennung von Kirche und Staat immer noch nur Illusion
Obwohl die Niederlande eines der ...
In den Niederlanden ist - wie in vielen europäischen Ländern - die Trennung von Staat und Kirche ein Mythos. Entgegen der herrschenden Meinung steht in den niederländischen Verfassung kein Wort davon, dass der Staat neutral zu sein habe in Bezug auf Weltanschauungen. Eine Petition von FreidenkerInnen will das nun ändern. mehr lesen 
Religion und Nation sind einander strukturell ähnliche Mythen, welche die Politik bestimmen und oft genug den gesellschaftlichen Frieden bedrohen. Wie mit diesen Mythen umgegangen wird, wird die ... mehr lesen 1
Wo Religion scheinbar noch über dem Staat steht: USA und «IN GOD WE TRUST» über dem Kapitol
Dublin, kurz vor dem Referendum: Die grosse Mehrheit sagte «Ja» zu den Menschenrechten gegen den Widerstand der Kirche.
Irland hat's vorgemacht: Gegen den massiven Widerstand der katholischen Kirche haben sich die allgemeinen Menschenrechte in einer Volksabstimmung durchgesetzt. Ein weiterer Beleg dafür, dass die christlichen Kirchen ... mehr lesen  
In vitro befruchteter menschlicher Embryo: Legalisierung von PID beugt «Schwangerschaften auf Probe» vor.
Abstimmung vom 14. Juni: Ja zur Legalisierung der Präimplantationsdiagnostik Die Schweiz gehört zu den wenigen westlichen Ländern, in denen die Präimplantationsdiagnostik ...
Typisch Schweiz Der Dominik Dachs Trauma oder Kindheitserinnerung? Kaum ein Kind der 70er Jahre, das nicht ...
Shopping King of Cartoons Tex Averys Comicfiguren waren durchgeknallte Loosers, Taugenichtse und Antihelden wie zum Beispiel «Schweinchen Dick», «Daffy Duck» oder «Droopy». Dabei kam es oft vor, dass den ...
Ein Raver, viele Fragen.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Rassenschande durch Algorithmus: Googles Autocomplete-Funktion.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
Blutbild bei Sichelzellenanämie: Diskriminierte Krankheit.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Börse in Schangai: Ersatzcasino für Klein- und Kleinstverdiener
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Bischof Vitus Huonder: Weder Rücktritt noch Absetzung zu erwarten.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
Wettbewerb
Unvergessliche Momente auf der OCHSNER SPORT CLUB Fanbank.
Hautnah dabei  OCHSNER SPORT CLUB bringt dich hautnah an die Stars der Super League.
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
MO DI MI DO FR SA
Zürich 19°C 27°C sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos
Basel 17°C 28°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos
St.Gallen 23°C 29°C sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos
Bern 18°C 31°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos
Luzern 19°C 32°C sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos
Genf 18°C 31°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos
Lugano 20°C 31°C sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos
mehr Wetter von über 6000 Orten