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Heute machen wir Partisani
publiziert: Dienstag, 22. Nov 2011 / 13:19 Uhr
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Jugendliche passen ihre Sprechweise der Situation an.
Jugendliche passen ihre Sprechweise der Situation an.

Wie reden Jugendliche? Beherrschen sie überhaupt noch richtig Deutsch? Die Sorge ist unberechtigt: Kaum jemand geht so kreativ und unverkrampft mit Sprache um wie die Jugendlichen. Dabei wechseln sie problemlos zwischen verschiedenen Sprachstilen - und bereichern das Schweizerdeutsche mit einer Menge fantasievoller Ausdrücke.

1 Meldung im Zusammenhang
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Schweizer Wort des Jahres
Nebst dem «Wort des Jahres» prämierte die Jury unter anderem auch das «Unwort des Jahres» und den «Satz des Jahres».
www.chwort.ch

Hey Mann, was isch denn das für ne Schine*? - Am Kevin sini, dänk. - Boah, dä isch ja so en Dagobert! - Die chasch rauche, Mann. - Schliifts, ey? Hesch en Aff? - Egal, Alter. I hole üs no ne Russesaft. - Dasch bündig!

Wenn Jugendlichen miteinander sprechen, fällt es manch älterem Zuhörer schwer, dem Gespräch zu folgen - man meint, seine eigene Sprache nicht mehr zu kennen. Denn weit mehr als andere soziale Gruppen gehen Jugendliche sehr kreativ mit Sprache um: Sie erfinden neue Begriffe, verwenden Zitate aus Filmen, wandeln englische Wörter ab oder übernehmen Sprechgewohnheiten ihrer fremdsprachigen Kollegen.

Nicht selten bezeichnen kritische Stimmen die Sprache der Jugendlichen als niveaulos und als Vermischung von Mundart, Hochdeutsch und Englisch. Verlernen unsere Kinder unsere Sprache?

Dem widerspricht Esther Galliker, Sprachforscherin am Departement für Angewandte Linguistik der ZHAW in Winterthur. Jugendliche seien durchaus in der Lage, ihre Sprechweise der Situation anzupassen, so Galliker kürzlich zur «Obwalden-und-Nidwalden-Zeitung». Unter Kollegen würden sie sich ganz anders ausdrücken als gegenüber Lehrern, Eltern oder Arbeitgebern.

Sich abgrenzen

Galliker bezeichnet den jugendlichen Sprachgebrauch als Bereicherung und als Motor für die Sprachentwicklung der gesamten Gesellschaft. Denn kaum jemand geht so innovativ und unverkrampft mit der Sprache um. Folglich widerspiegelt die sogenannte Jugendsprache auch den gesellschaftlichen Wandel. Während früher beispielsweise Ausdrücke wie «dufte» oder «bingo» als in galten, sind es heute etwa «fresh» oder «porno». Dieser Wandel vollzieht sich sehr rasch. Ähnlich grosse Unterschiede finden sich auch von Ort zu Ort. Dies hat damit zu tun, dass Jugendliche ihre Sprache vor allem nutzen, um sich mit ihrer Gruppe zu identifizieren und sich von anderen abzugrenzen, die ihre Begriffe und Sprechweisen nicht verstehen.

Wie Kleidung und Musikgeschmack schafft auch die gemeinsame Sprache ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. «Die anderen» sind andere Jugendgruppen und meistens auch die Erwachsenen. Wer sich selber aber als «junggeblieben» sieht, neigt nicht selten dazu, sich beim Wortschatz der Jugend zu bedienen. So werden Begriffe wie «cool» oder «krass» mittlerweile quer durch Bevölkerung benutzt, ebenso die von den Medien breitgetretenen «Jugendwörtern des Jahres» wie «hobbylos» (2010) oder «s beschte wos je hets gits» (2009). Bei der Jugend verlieren diese Wörter indes ihren Reiz - um sich weiterhin abzugrenzen, schaffen sie sich einfach wieder neue.

Einfluss der Migrantensprachen

Als Inspiration dienen immer häufiger die modernen Medien und Kommunikationsmittel wie Internet, SMS, Filme oder Computerspiele. Die Jugendlichen bedienen sich etwa bei Werbesprüchen, Filmzitaten oder Songtexten, verfremden sie und stellen sie in einen neuen Kontext. Wörter und Phrasen aus dem Englischen oder dem Hochdeutschen werden zu neuen eigenen Wortkreationen eingedeutscht, etwa «chillen».

Seit ein paar Jahren steigt auch der Einfluss der Migrantensprachen: Neben einzelnen Wörtern («brate»: serbokroatisch für Bruder) übernehmen die Jugendliche auch die spezielle Sprechweise der Secondos - eine Art Ethnodialekt oder «Balkanslang». In SMS, Chats oder sozialen Netzwerken kommunizieren Jugendliche häufiger als Erwachsene in Mundart. Dazu kommen in der geschriebenen Sprache auch Abkürzungen. («lol», «n1», «hdl») und bewusste Verstösse gegen die Rechtschreiberegeln («kuul», «geshtr», «wie geiz?»).

Weitere Besonderheiten der SMS-Kommunikation untersuchen derzeit die Germanistin Christa Dürscheid und die Romanistin Elisabeth Stark von der Universität Zürich. Knapp 24'000 SMS haben sie gesammelt - erste Ergebnisse sind für dieses Jahr geplant.

Wortkreationen und Grammatikverstösse

Im Spiel mit der Sprache kreieren Jugendliche zahlreiche neue Begriffe. Meist unbewusst orientieren sie sich dabei an bestimmten Mechanismen, die man in verschiedenen Sprachen antrifft. Gemäss Jannis Androutsopoulos von Institut für Germanistik der Universität Hamburg gehören dazu die folgenden: Typisch ist die Verkürzung («Studi», «Fascho») oder Erweiterung von Begriffen («ab-hängen», «rum-motzen») sowie sogenannte Gesprächspartikel («ey», «boah», «wow») und intensivierende Ausdrücke («hammer», «mega», «fett»).

Während sich die bekannten Jugendlexika von Pons und Langenscheidt auf Wortkreationen und «Jugendwörter des Jahres» konzentrieren, wird jedoch oft übersehen, dass die Sprachkreation weit über Wortkreationen hinausgeht: Ebenso charakteristisch sind Phrasen («ke plan», «bisch pickt?» oder harmlos-beschimpfende Anreden («hey Alter», «hey Mann»). Das Ethnodeutsch verstösst teilweise auch bewusst gegen grammatische Regeln («gömmer Migros?»).

Dialektwörter wiederbelebt

Im Gegensatz zu Deutschland wird Mundart in der Schweiz auf allen sozialen Stufen gesprochen. Das Schweizerdeutsche ist also weit davon entfernt auszusterben - gerade auch dank der Jugend. Nur eine Sprache, die sich laufend der Gesellschaft anpasst, bleibt lebendig und bestehen. Dazu gehört auch, dass sich Dialekte vermischen, was von der vermehrten Mobilität zusätzlich begünstigt wird. Während in gewissen Gegenden deshalb eine Art Mittellandmischung auf dem Vormarsch ist - ein undefinierbarer Dialekt irgendwo zwischen Zürcher-, Luzerner- und Aargauerdeutsch - klaubt die Jugend auch immer wieder verstaubte Ausdrücke aus dem Wortschatz ihrer Grosseltern hervor. Und so könnte es in der S-Bahn demnächst auch so klingen:

Alter, hesch eis gchäppelet? - Seich! Hesch mir Zigarette? - Tue nid gäng guene! - Du bisch ömu ou es Röckli. - Sälber Sissi. I zupfe's. - Aber hantli!

*Lexikon:
Partisani: Party
Schine: Schnecke
Dagobert: Glückspilz
en Aff ha: betrunken sein
Russesaft: Wodka
fresh: super
porno: super
hobbylos: langweilig
n1: nice one
hdl: hab dich lieb
guene: betteln
Röckli/Sissi: Feigling
hantli: schnell

 

 

(Annette Ryser, CH-Forschung/pd)

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