«Hundeterror» in Moskau
publiziert: Samstag, 29. Dez 2007 / 21:00 Uhr

Moskau - Sie greifen Kinder an, beissen Passanten und stellen sich einem kläffend in den Weg: Moskaus verwilderte Hunde - darunter tausende Kampfhunde - werden zunehmend zu einer gefährlichen Plage in der russischen Metropole.

In Moskau leben nach ungefähren Schätzungen 30'000 ausgesetzte Hunde.
In Moskau leben nach ungefähren Schätzungen 30'000 ausgesetzte Hunde.
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Mehr als 15'700 Menschen wurden russischen Medienberichten zufolge allein im vergangenen Jahr gebissen. Mitunter sterben die Attackierten an den Bisswunden, weil sie verbluten oder mit Krankheiten infiziert werden. Tierärzte stellen immer häufiger Tollwut fest.

Moskaus Bürger beklagen, dass die Behörden trotz tausender Beschwerden tatenlos zusehen. Viele fordern die Stadtverwaltung auf, sich an der deutschen Hundesteuer, Kampfhundeverordnung und den Tierheimen ein Beispiel zu nehmen.

Im Moskauer Stadtteil Jugo-Sapadnaja belagern die Tiere die Häuser. «Oft sind bis zu zehn Hunde in einem Rudel, sie lauern knurrend an Hauseingängen, so dass man sich nicht mehr nach Hause traut - sie terrorisieren uns», sagt die 19-jährige Anna Dubowa.

30'000 ausgesetzte Hunde

Jeden Tag werden in der Stadt mit geschätzten 30'000 ausgesetzten Hunden dutzende Menschen gebissen, wie die Tageszeitung «Nowyje Iswestija» berichtet. Die ausgemergelten Tiere suchen in den Mülltüten der Moskauer Wohnviertel nach Essensresten.

Der Verbraucherschützer Dmitri Janin kritisiert, dass es den Tierhaltern in Russland zu leicht gemacht werde - die Verantwortung für die Tiere sei auf ein Minimum reduziert. Es sei leicht, niedliche Welpen auf der Strasse zu kaufen und - wenn sie gross sind - einfach auszusetzen.

So macht sich der Mangel an Gesetzen zur Kontrolle des Bestandes in allen russischen Grossstädten bemerkbar. Nahe Nischni Nowgorod an der Wolga etwa bissen Hunde im November eine 21-Jährige zu Tode. In Moskau verblutete eine Achtjährige 2006 nach einer Kampfhundeattacke.

Als Lammfleisch auf dem Tisch

Doch auch in Russland ist die Lobby der Tierschützer stark. Sie geben den Haltern, die ihre Hunde achtlos aussetzen, die Schuld an der unkontrollierten Vermehrung. Als im August dutzende Hunde in Moskau verschwanden, erstatteten sie aus Sorge Anzeige.

Wie sich herausstellte, hatte eine Chinarestaurant-Kette die meist kranken Tiere geschlachtet und Gästen als Lammfleisch vorgesetzt. «Chinesische Köche schlachteten Hunde im Restaurant und bereiteten das Fleisch wie eine Delikatesse zu», sagt der Sprecher der Lebensmittelkontrolle, Philipp Solotnizki.

Ausser Kontrolle

Die Stadt Moskau räumt ein, der Lage nicht Herr zu werden. «Wir erhalten täglich zu viele Anfragen und entfernen die Tiere nur auf dem Gelände von Kindergärten und dort, wo sie Eingänge verstellen», sagt Michail Kuskow von der zuständigen Behörde.

Der Zoologe Andrej Neuronow meint, dass die Situation ausser Kontrolle geraten sei. «Hunderte Hunde leben inzwischen schon im unterirdischen Netz der Metro», zitiert das Boulevardblatt «Komsomolskaja Prawda» Neuronow.

Das Problem mit Moskaus «Hundeterror» hat sich verschärft, seit Bürgermeister Juri Luschkow vor fünf Jahren das Abschiessen aus Tierschutzgründen verbot. Nur besonders aggressive und kranke Tiere werden von Experten eingefangen.

Nach ihrer Sterilisierung würden die gesunden Vierbeiner aber wieder ausgesetzt, berichtet das Internetportal expert.ru. Nur Hunde, die in der Nähe von Schulen, Spielplätzen und Spitälern leben, würden in Tierheime gebracht. In einem ersten Schritt will Moskaus Stadtverwaltung im kommenden Jahr 15 neue Heime bauen.

(von Ulf Mauder, dpa/sda)

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