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«Ich foutiere mich manchmal um die Fakten»
publiziert: Donnerstag, 8. Apr 2010 / 16:43 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 8. Apr 2010 / 17:03 Uhr

Geht man von Thun aus weiter die Aare rauf, landet man in einem beschaulichen Städtchen namens Olten. Dort wohnt der Schriftsteller Alex Capus mit seiner Familie. Tink.ch erzählt er, weshalb Autoren mitnichten vor Unwahrheiten gefeit sind und er verrät, wohin er in seinem nächsten Buch entführt.

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Alex Capus unweit seiner Heimatstadt Olten am Literaturfestival Literaare in Thun.
Alex Capus unweit seiner Heimatstadt Olten am Literaturfestival Literaare in Thun.

Klassische Frage: Was wollten Sie als Kind werden?

Alex Capus: Ich wollte von der ersten Klasse an Schriftsteller werden und Bücher schreiben. Aus den zwei guten Gründen, dass mir das Schreiben gefällt und dass ich es kann. Ich möchte den Lesern Spass bereiten und will niemanden belehren. Es gibt Dinge, die mich interessieren und von denen ich hoffe, das sie die Leute auch interessieren.

Könnten Sie sich vorstellen, einen anderen Beruf auszuüben?

Ich würde im Frieden etwas anderes machen. Ich wäre zum Beispiel auch gerne Zimmermann geworden oder würde hinter einem Tresen stehen und Kaffee machen.

Ihre Romane beginnen sehr verschieden: «Eine Frage der Zeit» startet gleich mit der Geschichte, in «Patriarchen» hat es ein Vorwort. Wie beginnen Sie einen Roman?

Das ist sehr schwierig, weil man am Anfang, wie in der Musik, die Tonart festlegt, die sich dann durch den Roman zieht. Ich beginne immer erst zu schreiben, wenn ich alle Recherchen gemacht habe und wirklich Bescheid weiss über den Stoff. Nach manchmal monatelangem Überlegen weiss ich dann plötzlich: «Ah! So», und dann fange ich an.

Schreiben Sie ein Buch chronologisch von Anfang bis Ende?

Ja, ich schreibe zuerst von Anfang bis Ende durch. Dann wird überarbeitet: in diesem Kapitel noch ein Fenster aufmachen, jener Figur noch eine Biographie geben.

Was ist der grosse Unterschied zwischen dem Schreiben einer Kurzgeschichte und dem eines Romans?

Beim Roman braucht man einen längeren Atem und hat Zeit, etwas zu entwickeln. Aber gleichzeitig ist eine Chance der Kurzgeschichte, dass man mit grösserer Intensität etwas beschreibt – der Vorhang geht auf und gleich wieder zu. Der begrenzte Platz der Kurzgeschichte macht das Schreiben aber handwerklich schwieriger. Eine Kurzgeschichte habe ich vielleicht nach zwei Wochen beendet und denke «schau an, da hast du was gemacht». Einen ganzen Roman geschrieben zu haben, ist aber natürlich schon reichhaltiger, es ist ein Ausdruck der eigenen Seele.

Wieviel Autobiographie steckt in Ihren historischen Romanen?

In einigen meiner Romane sind ganze Erzählstränge fiktional, die durch die Historie führen. Mit historischen Fakten spielen hat sehr viel mit der eigenen Person und Biographie zu tun, weil man die historischen Bausteine ja auswählt. Ein anderer Erzähler würde ganz woanders ansetzen.

Schenken Sie ihre Bücher Verwandten und Bekannten zu Weihnachten?

Um Gottes Willen, nie! Es gibt Autoren, die das machen, aber ich finde das peinlich.

In «Reisen im Licht der Sterne» geht es um den schottischen Autor Robert Louis Stevenson, der das berühmte Abenteuerbuch «Die Schatzinsel» («Treasure Island») verfasst hat. Haben Sie es als Bub gelesen?

Nein, ehrlich gesagt habe ich sie erst bei den Recherchen zu «Reisen im Licht der Sterne» gelesen.

Ist Recherchieren ähnlich wie Schatzsuchen?

Klar. Häufig suche ich sogar nach einem bestimmten Mosaiksteinchen in der Erzählung, weil es von der Logik der Geschichte her irgendwo sein muss. Dann suche und suche ich und finde es meistens auch. Zum Beispiel fragte ich mich bei Stevenson – falls tatsächlich Piratenschätze gefunden worden waren – wo das Geld der Erben sein könnte. Dann stiess ich darauf, dass die Erben plötzlich rätselhaft viel Geld gemacht haben an der amerikanischen Westküste, angeblich im Öl- und Immobilienhandel, was ja höchst spekulative Sachen sind. Sie haben also Geldwäscherei betrieben.

Lesen Sie auch privat? Recherchen benötigen immerhin viel Zeit.

Es bleibt mir tatsächlich wenig Zeit, um Romane von Kollegen zu lesen und trotzdem gehört es dazu. Erstens um etwas zu lernen und zweitens zum privaten Vergnügen.

Sie bringen den Menschen mit Ihren Romanen die Geschichte näher und auch den Mensch selbst, mit all seinen Macken. Inwiefern sind Sie beim Schreiben auch Historiker und Ethnologe?

Zum Recherchieren und Quellen Finden brauche ich das historische Handwerk. Ich erzähle Geschichte aber auf eine extrem unwissenschaftliche Art und foutiere mich auch gelegentlich um gewisse Fakten. Für mich zählt die Geschichte des Romans, ob alles stimmt oder nicht, ist mir gar nicht so wichtig. Die Geschichtsprofessoren an der Uni, wo ich ab und zu Vorträge halte, sind manchmal etwas neidisch, weil Storytelling ja immer auch Interpretation ist. Sie als strenge Historiker reihen nur Fakten aneinander, was schnell einmal langweilig und trocken wirkt.

Der Geschichte schreiben Sie dennoch eine grosse Bedeutung zu.

Sicher, mich interessiert ja, wie der Mensch lebt und gelebt hat und weshalb er so lebt, wie er lebt. Ich will schliesslich Dinge erzählen und Fragen stellen, die ich wichtig finde.

Ihr nächster Roman wird eine Familiengeschichte. Wohin entführen Sie uns dieses Mal?

Er handelt vom französischen Teil meiner Familie und wird deshalb hauptsächlich in Paris spielen. Und wir gehen wieder ein bisschen nach Afrika.

Sie haben viel über Heldinnen und Helden des 19. Jahrhunderts geschrieben. Wer sind Ihre heutigen Heldinnen und Helden?

Das ist schwierig, da man als Erzähler einen gewissen Abstand halten muss, auch einen zeitlichen. «Geschichten müssen vergangen sein. Je vergangener, desto besser», steht in Thomas Manns «Zauberberg» auf Seite eins. Wenn wir heute Zeitung lesen, fragen wir uns: «Was ist jetzt mit Libyen und der Türkei?», das ist ja alles sehr unübersichtlich. Erst nach zehn Jahren wird die Geschichte greifbar.

Derzeit sind Sie Präsident der SP Olten. Vertreten Sie, wie früher die Gruppe Olten, (Anm. d. Red.: ein Zusammenschluss Schweizer Schriftsteller) die Ansicht, dass Autoren sich politisch äussern sollten?

Nein, ich will niemandem vorschreiben, was er zu tun hat. Ich äussere mich als Mensch zur Politik, nicht als Schriftsteller. Ich halte mich in der Politik auch nicht für klüger als andere, nur weil ich Schriftsteller bin. Das Künstlersein sollte einem eigentlich nicht von Mensch- und Bürgersein entheben. Ich bin froh um meine reichhaltige Lebensform. Es fällt mir schwer, jene Sorte Künstler zu achten, die sagen, sie interessierten sich nur für sich und ihre Kunst und sie wollten weder von der Gesellschaft noch von einer Frau oder Kindern etwas wissen.

Ihnen als Schriftsteller vertrauen die Leute aber mehr als einem Politiker. Das bringt viel Verantwortung mit sich.

Das stimmt schon. Man hat dann auch die Pflicht etwas zu sagen und vorher vielleicht genauer als andere zu überlegen, was man sagen will. In der Vergangenheit haben jedoch viele Autoren Dummheiten gesagt, wenn es um Politik ging. Gerade in der Gruppe Olten oder in der deutschen Gruppe 47, unter anderem mit Günther Grass. Die Gruppe 47 hat zum Beispiel den Stalinismus noch verteidigt, als er längst am Bröckeln war. Autoren sind mitnichten davor gefeit, Dummheiten zu erzählen.

Zur Person


Alex Capus, geboren 1961 als Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin, ist freier Schriftsteller, Redaktor und Übersetzer. Seine historischen Romane wie «Reisen im Licht der Sterne» (2005) und seine Kurzgeschichten wie «Der König von Olten» (2009) wurden in viele Sprachen übersetzt, für seine schriftstellerische Arbeit erhielt Alex Capus zahlreiche Auszeichnungen. Er studierte Geschichte, Philosophie und Ethnologie in Basel. Heute lebt Alex Capus mit seiner Familie in Olten, wo er auch zur Schule gegangen ist.

(Eva Hirschi und Céline Graf / Tink.ch/)

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