Ideologischer Mehltau
publiziert: Mittwoch, 9. Mrz 2016 / 08:31 Uhr
Werbung für Kinder-Schönheits-Konkurrenz-Anlässe: Strippen für den Kapitalismus erfüllt ähnliche Fuktionen wie die Hitlerjugend für den Führer.
Werbung für Kinder-Schönheits-Konkurrenz-Anlässe: Strippen für den Kapitalismus erfüllt ähnliche Fuktionen wie die Hitlerjugend für den Führer.

Am 13. Februar sprachen Lukas Bärfuss und Slavoij Zizek in der Gessnerallee zum Thema «Freiheit.» Unsere #1968kritik hatte dabei die Möglichkeit, kurz mit Lukas Bärfuss über Zizek zu sprechen und musste mit Entsetzen feststellen: Der linke Vorzeigeintellektuelle der Schweiz kann weder mit Zizek noch mit Varoufakis oder gar etwas mit Kritik, die dieses Wort verdient, anfangen.

6 Meldungen im Zusammenhang
Weiterführende Links zur Meldung:

Springer Verlag
Das im Text erwähnte Buch, «Was ist und wozu betreiben wir Kritik in der Sozialen Arbeit?» auf der Seite des Verlages.
springer.com

Auf Varoufakis angesprochen, meinte Bärfuss sogar, dass dieser selbstverliebte «Intellektuelle» (bitte mit Verachtung auszusprechen) die Griechenlandkrise verschärft hätte und alles hätte daran setzen müssen, eine Lösung der «Schuldenfrage» anzustreben. Auf meinen Einwand hin, dass dies gar nicht im Sinne von Schäuble&Co gewesen wäre, da an Griechenland ein ideologisches Exempel statuiert wurde, um künftig alle Linksregierungen in Europa zu verhindern, meinte Bärfuss nur: «Verschwörungstheorie» und verliess unseren Tisch.

Nach diesem Erlebnis wurde mir klar, weshalb die neoliberale Gehirnwäsche auch bei selbsternannten Anti-SVP-Positionierern und sogenannten neoliberalen Kritikern funktioniert. Kritik ist in der Postdemokratie nur noch erlaubt, wenn sie sich als Pose, als Inszenierung gut verkaufen lässt. Kritik, die auf die wunden Stellen hinweist, auf Zusammenhänge und Unerklärbares, auf Leerstellen, auf den Mangel aller Argumente, wird unter «Verschwörungstheorie» abgekanzelt. Dies bedeutet: Kritik ist unerwünscht. Vor allem bei denen, die vorgeben, Kritiker zu sein. Kritik ist also eigentlich unmöglich geworden.

Woher kommt das?

In den letzten Jahrzehnten wurde gründlich mit Kritik aufgeräumt. Kritisches Denken, das Aufzeigen von Alternativen ist vor allem in der Wissenschaft unerwünscht - siehe die Verlautbarungen der amtierenden Rektorin an der Universität Basel, dass Geisteswissenschaften nur noch notwendig sind, um die Gesellschaft auf die Life-Sciences vorzubereiten oder der Elitediskurs an der ETH, dessen Bibliothekar Bibliotheken grundsätzlich unnötig findet. Kritik und Kreditpunktesystem gehen eben nicht zusammen. Echte Kritik wird sofort diffamiert mit dem Hinweis auf die Ist-Zustände und die Doofheit, respektive das historische Scheitern von Utopien. Diese Haltung korrespondiert mit den technischen Errungenschaften beispielsweise in der Medizin: Leben wird so verstanden dass es dem gegenwärtigen technischen IST-Zustand entsprechen muss: Es wird angepasst, geplant, normiert und selektioniert. Polemisch formuliert: Wer Embryonen nach Handicap sortiert, verbietet sich jede Kritik.

Wer dies dennoch wagt, wird im Klima der «symbolischen Gewalt» (Bourdieu) mit Kritik-Gruppen identifiziert, die nichts mit dem grundsätzlichen Hinterfragen, dafür alles mit demselben ideologischen Mehltau der Herrschenden zu tun haben. In einem solchen Klima der «symbolischen Gewalt» dürfen gewisse Fragen oder gar Kritiken gar nicht mehr geäussert werden. Oder sie werden im Vorfeld ihrer allfälligen Äusserung schon ironisiert und lächerlich gemacht. Beispiel gefällig? «Sind Striptease-Kurse gut für Fünfjährige oder schlecht?» Darauf gibt es keine Antwort, ausser «selbstverständlich schlecht» (dann die Frage: Weshalb? Es geht doch nur um Gymnastik und die Sexualisierung liegt doch im Blick, aber nicht bei den Kindern...etc). Dabei geht es in dieser Frage gar nicht um Pro-oder Kontra Strip, sondern darum, wie Babies und Kleinkinder für die Warengesellschaft inklusive Fetischisierung getrimmt werden - Strippen für den Kapitalismus erfüllt ähnliche Funktionen wie die Hitlerjugend für den Führer. Deshalb sind auch die «Sexarbeiterinnen»-Diskussionen kritiklos, da die dahinterliegende Struktur, nämlich das grundsätzliche Ja zum Kauf von Menschen, nie diskutiert werden kann, darf und wird.

Das Lieblingsargument gegen Kritik ist übrigens meistens: «Das ist doch nicht neu» oder «Das war doch immer schon so.» Nicht neu ist ein Warenargument und besagt überhaupt nichts und das «immer schon so» legitimiert alles: Sklaverei, Frauenunterdrückung, Ungleichheit etc.

Hier treffen sich Ist-Legitimationen mit historischer Naturalisierung, deren Zweck immer ist: Kritik verboten. Mangels Kern-Kritik, mangels echter Kritik, gewinnen eben immer die IST-Zustände - (ISST-Zustände würde auch passen, doch hier zu weit führen...)

Was also zeigte Bärfuss oder andere, die sich gerne mit «Kritik» oder «intellektuell» schmücken?

Die Kritik ist keine Kritik (vor allem weil sie auch nie Selbstkritik ist), sondern sie ist eine Pose, ja eine Posse gar, ein Widerspruch einzig und allein mit dem Zweck des Wi(e)dersprechens, also des ständigen Wiederkäuens eines unwidersprochenen Ist-Zustandes. Das gleiche Menü, etwas anders gewürzt. Die hegemoniale Wahrheitspos(s)e gewinnt also fast immer. Zeit, dies zu ändern, weitere Versuche folgen hier...und ja: Sie haben grad was Kritisches gelesen - nun kommt es drauf an, die Welt zu verändern...

PS: Dank an #1968kritik, die aber an diesem Text völlig unschuldig sind - den muss ich allein verantworten. Dies ist mehr, als was die meisten Verantwortlichen tun.

Empfohlener Text: Andrea Maihofer, Virginia Woolf - Zur Prekarität feministischer Kritik, in: B. Hünersdorf, J. Hartmann (Hg): Was ist und wozu betreiben wir Kritik in der Sozialen Arbeit?, DOI 10.1007/978-531-18962-8-15, Springer Fachmedien Wiesbaden 2013

(Regula Stämpfli/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Kommentieren Sie jetzt diese news.ch - Meldung.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Berlin - Der frühere griechische Finanzminister Gianis Varoufakis hat mit ... mehr lesen
Dschungelbuch Mit einem «Plan B für Europa» will Yanis Varoufakis die EU verändern. Was heisst hier die EU? Inzwischen revolutionieren überall auf der Welt Menschen, die die Nase vom Ewiggestrigen voll haben. Ein Besuch bei einer Veranstaltung mit Yannis Varoufakis in der Muffathalle in München, die unter dem Namen «underconstruction:europe» lief. mehr lesen 
 
Tor des Monats Der Schriftsteller Lukas Bärfuss hat mit einem Essay in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Feuilleton-Debatte ausgelöst, in deren Folge alles, was von links bis rechts schreiben kann, eine Diagnose zum Zustand des ... mehr lesen
Athen - Nachdem die konservative Nea Dimokratia mit dem Versuch einer Regierungsbildung gescheitert ist, ... mehr lesen
Schwierige Regierungsbildung in Athen. Bild: Parlamentsgebäude.
Weitere Artikel im Zusammenhang
Hannover - Der vom Land Niedersachsen für herausragende literarische Werke vergebene Nicolas-Born-Preis geht in diesem ... mehr lesen
In seinem Werk vor schreckt Bärfuss vor Drastik und Provokation nicht zurück und macht sich sämtliche literarische Spielarten zunutze.
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 17
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: Alles könnte anders sein, aber nichts ändert sich.
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: ...
«Männer stimmten für Hofer, Frauen für Van der Bellen» titelte die FAZ nach dem Wahlkrimi in Österreich. «Warum wählen junge Männer so gern rechts?» fragte jetzt.de einen Soziologen. «Duh» war meine erste Reaktion, hier ein paar weitere. mehr lesen 
Gewinnorientierte Unternehmen wie der ORS machen aus der Flüchtlingshilfe ein Geschäft. Das Rote Kreuz und die Caritas, die gemeinnützig sind und seit Jahren über grosse Erfahrung ... mehr lesen  
Flüchtlinge (hier in Mazedonien): Mit Gewinnziel zu verwaltende Konkursmasse oder doch Menschen?
Die Marine-Mission soll Schlepper stoppen. (Sybolbild)
EU-Aussenminister wollen Marine-Mission vor Libyen ausweiten Brüssel - Die EU-Aussenminister beschliessen bei ihrem Treffen am Montag die Ausweitung der Marine-Mission ...
Typisch Schweiz Der Bernina Express Natürlich gibt es schnellere Bahnverbindungen in den Süden, aber wohl ...
Der Umsatz mit fair gehandelten Produkten hat zugenommen.
Shopping 62 Franken pro Kopf für fair gehandelte Produkte Zürich - Schweizerinnen und Schweizer haben 2015 für 520 Millionen Franken fair gehandelte Produkte mit dem Label Max Havelaar eingekauft. Den ...
Erstaunliche Pfingstrose.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: Alles könnte anders sein, aber nichts ändert sich.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Obama in Hanoi mit der Präsidentin der Nationalversammlung, Nguyen Thi Kim Ngan auf einer Besichtigungstour: Willkommenes Gegengewicht zu China.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Recep Tayyp Erdogan: Liefert Anstoss, Strafgesetzbücher zu entschlacken.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Sa So
Zürich 18°C 27°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter gewitterhaft
Basel 17°C 28°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig vereinzelte Gewitter
St. Gallen 17°C 25°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig gewitterhaft
Bern 16°C 27°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig gewitterhaft
Luzern 18°C 27°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig gewitterhaft
Genf 14°C 29°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig gewitterhaft
Lugano 19°C 29°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig gewitterhaft
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten