Industrie mit Wahrnehmungsstörung
publiziert: Donnerstag, 19. Jun 2008 / 14:20 Uhr

Kognitive Dissonanz... tönt mächtig beeindruckend, nicht wahr? Aber dieser sperrige Ausdruck lässt sich sehr einfach erklären – an kognitiver Dissonanz leidet, wer etwas Blödes macht, obwohl er es eigentlich besser wissen sollte.

So zum Beispiel Raucher, die weiter qualmen, trotz des Wissens, dass sie damit sich selbst und anderen Schaden zufügen. Wer trotzdem weiter raucht, macht dies, obwohl alle ernst zu nehmenden Informationen dagegen sprechen. Stattdessen klammert er sich an die Geschichten von den paar Leuten, die trotz der Kippe 95 geworden sind und vom Abdecker zur Strecke gebracht werden mussten.

Ganz ähnlich scheint es mit vielen Schweizer Autokäufern zu gehen, die auch jetzt noch, in Zeiten explodierender Treibstoffpreise und einer dräuenden Rohstoffkrise immer noch fleissig zu SUV's greifen. Diese fast alle übergewichtigen, unökonomischen automobilen Auswüchse einer Marketing-geschürten Marlboro-Mentalität verkaufen sich immer noch bedenkenswert gut.

So schaffte es die Offroad-Verballhornung des VW Golf, ein von der Leserschaft einer Autozeitschrift debil «Tiguan» (eine Mischung aus Tiger und Leguan – bitte visualisieren und dann laut raus lachen) getaufter Off-Road-Bläh-Golf, obwohl die Auslieferung erst begann, im ersten Quartal dieses Jahres bereits ins oberste Viertel der Zulassungsstatistik. Im oberen Mittelfeld tummeln sich Dickschiffe wie BMW X-5, Mercedes ML und VW Touareg, alles Mitglieder der 2,5 Tonnen-Leergewichts-Klasse, bei denen schon ein einziger Tankvorgang jeder Kreditkarte Angstschauer den Magnetstreifen hinunter zu schicken vermag.

Was treibt die Konsumenten dazu, immer noch solche Trümmer zu kaufen, deren Alltagstauglichkeit mit jedem Rappen, um den die Sprit-Preise ansteigen, weiter in tiefste Abgründe sinkt? Ist es das – allerdings von immer weniger Spezialisten gegebene - Versprechen, dass das Benzin bald wieder billig ist? Oder ist es dieses immer noch fleissig verkaufte Image von Freiheit und Abenteuer, dass mit diesen Pseudo-Offroad-Schüsseln, die kaum jemals schlimmeres als eine gekieste Einfahrt sehen, einhergeht? Eigentlich egal – die SUV's scheinen vorerst zu bleiben. Denn auch die Autoindustrie leidet an einer ähnlichen kognitiven Dissonanz wie viele Konsumenten.

Anders lässt es sich nicht erklären, dass Langzeit-SUV-abstinente Firmen wie Citroën und Peugeot nun auch solche Autos auf den Markt schmeissen (beides allerdings nur verkleidete Mitsubishis). Audi will noch dieses Jahr eine kleinere Ergänzung zur visuellen Scheusslichkeit namens Q7, den Q5 lancieren, während BMW den X6, eine Schreckensmischung aus Sport- und Lastwagen bringt... beide mit grossen Hoffnungen auf Erfolg.

Scheinbar stecken aus vergangenen Jahren noch so viele Big-Mac-Autos in der Pipeline, dass die Autoindustrie hier noch gar nicht glauben will, dass diese zum Rohrkrepierer werden könnten. Dabei zeigt gerade eben der Pioniermarkt der SUV's, die USA, woher diese unselige Welle überhaupt erst zu uns rüber geschwappt ist, was passiert, wenn die kognitive Dissonanz zusammenbricht und die Realität das Wunschdenken der Konsumenten hinweg fegt.

So will GM die Off-Roader-Ikone Hummer loswerden, die SUV's bei den Händlern stehen auf Halde und plötzlich sind Kleinwagen in, welche die US-Hersteller, die lange Zeit total SUV-vernarrt waren, nicht liefern können (obwohl diese bei den weltweiten Tochterfirmen längst hergestellt werden). Die daraus erwachsenden Verluste sind gigantisch und es gibt keinen Grund zu glauben, dass der Markt für SUV's nicht auch in Europa eher früher als später einbrechen wird. Verblüffend ist dabei, dass die Industrie trotz eines klaren, abschreckenden Beispiels, nur sehr widerwillig, teils sogar widersprüchlich auf die Zeichen der Zeit reagiert.

Bedenkt man allerdings, dass auch Automobilbosse ganz normale Menschen sind, die an den gleichen Denkblockaden wie wir Verbraucher leiden, wird manches klarer. Der Gedanke, dass die vielen SUV's, die noch in der Entwicklung sind, Totgeburten sein könnten, muss so schrecklich sein, dass die Manager diesen Gedanken gar nicht zulassen. Erst wenn diese Rüben auf der Halde stehen, wird es wohl dämmern, dass die Zeiten dieser Säufer ihrem Ende zu gehen. Und die kognitive Dissonanz wird ein neues Opfer gefunden haben.

(von Patrik Etschmayer/news.ch)

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