Ins Mark getroffen, aber nicht tot: Die ETA hat viele Leben
publiziert: Mittwoch, 21. Mai 2008 / 16:03 Uhr

Madrid/Bordeaux - Kurz vor Mitternacht schlugen die Spezialeinheiten zu. Ihr Ziel war eine schäbige Wohnung im zweiten Stock der Rue Cours de la Marne in Bordeaux, nahe dem Hauptbahnhof.

Die ETA wurde schon öfters tot gesagt.
Die ETA wurde schon öfters tot gesagt.
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Alles ging so schnell, dass die vier an einem Tisch sitzenden Gestalten erst gar nicht dazu kamen, sich zu erheben, geschweige denn, ihre Pistolen zu ziehen. «Sie haben sich widerstandslos festnehmen lassen», hiess es später von spanischen Antiterrorkräften.

Als die vier abgeführt wurden, skandierten sie noch «Gora ETA!» («Es lebe die ETA»), allen voran Francisco Javier López Peña alias «Thierry». Mit der Ergreifung des mutmasslichen obersten Anführers der baskischen Untergrundorganisation ist der Polizei einer der schwersten Schläge gegen die ETA seit Jahren gelungen.

Schon mehrfach totgesagt

Die Organisation gilt damit zwar als enthauptet. Niemand in Spanien wagt aber zu behaupten, dass die ETA damit auch besiegt wäre. Die grössten Optimisten sprachen am Mittwoch von «einem möglicherweise entscheidenden Schlag».

Denn die Terrororganisation ist seit dem Beginn ihres bewaffneten Kampfes für einen unabhängigen Baskenstaat vor fast 40 Jahren schon mehrfach totgesagt worden - allein seit 1986 ein halbes Dutzend Mal.

Ähnlich wie ihr Symbol - eine Schlange, die sich um eine Axt windet - ist die ETA eine Hydra mit mehreren Köpfen. Im Baskenland warten hunderte junger Fanatiker auf die Chance, sich dem Untergrundkampf anzuschliessen. Ausserdem fehlt jede Spur von Garikoitz Aspiazu alias «Txeroki», dem gefürchteten Anführer der ETA-Terrorkommandos.

Im Mark getroffen

Dass die Festnahmen die Organisation ins Mark treffen, daran gibt es keinen Zweifel. Für die ETA hätte der Polizeischlag zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen können.

Sie steckt gerade mitten in einer neuen Terroroffensive, mit der sie den spanischen Staat nach dem gescheiterten Friedensprozess in die Knie zwingen will. Seit Ende 2006 hat die ETA bei Anschlägen sechs Menschen getötet, zwei davon allein in den vergangenen zehn Wochen.

Zudem ist die spanische Polizei überzeugt, dass die Terroristen aufgerüstet haben und erneut über eine Bombenfabrik in Südfrankreich verfügen.

Politisch geschwächt

Politisch ist die ETA ohnehin geschwächt. Ihr politischer Arm, die radikale Baskenpartei Batasuna (Einheit), ist seit 2003 verboten, deren gesamte Führungsspitze sitzt im Gefängnis. Auch die Nachfolgeparteien wurden verbannt.

Die im Baskenland regierenden Nationalisten (PNV) graben der ETA das Wasser mit separatistischen Forderungen ab, zu denen ein Referendum über das Recht auf Selbstbestimmung der Basken zählt. Es soll am 25. Oktober stattfinden. Die Regierung in Madrid hat aber bereits gewarnt, sie werde es nicht zulassen.

( Jörg Vogelsänger, dpa/sda)

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