Internet-Gesellschaft wird immer anfälliger
publiziert: Donnerstag, 9. Okt 2003 / 07:42 Uhr

Bern - Die Panne bei der Schweizer Post und der Ausfall der Strassenbeleuchtung in Wien sind nur die jüngsten Beispiele. Längst ist die Internet-Gesellschaft von immer komplexeren Computer-Systemen und -Netzwerken abhängig.

Die Internet-Gesellschaft bewegt sich auf unsicherem Grund.
Die Internet-Gesellschaft bewegt sich auf unsicherem Grund.
"Die vernetzte Gesellschaft ist verletzbar", resümiert der freie Technologiepublizist Matthias Zehnder.

Drei Hauptgründe führt er für die immer häufigeren Störungen von Computersystemen an: die Vernetzung, die Komplexität des Gesamtsystems - und den Spardruck.

Trete an einem Ort eines Informatiksystems ein Fehler auf, so habe die Vernetzung zur Folge, dass das ganze System lahmgelegt werde. Die Komplexität des Gesamtsystems sei wiederum so hoch geworden, dass ein Einzelner dieses gar nicht mehr überblicken könne.

"Zudem mussten in diesem Jahr alle sparen, was zur Folge hatte, dass vielerorts der Computersupport reduziert wurde", sagt Zehnder weiter. Auf diese Weise gehe aber der Überblick über die getroffenen Sicherheitsvorkehrungen verloren.

Risikoanalyse machen

Auch Hanspeter Lingg, Geschäftsleiter des Schweizerischen Informatik- und Telekommunikationsverbands SICTA, konstatiert eine immer grössere Abhängigkeit von Computern und Informatiksystemen. Er fordert deshalb von den Unternehmen Eigeninitiative.

"Die Firmen müssen ihre Kernprozesse auf die Abhängigkeit von Computersystemen hin analysieren und danach eine Risikoanalyse machen", fordert Lingg. Danach könnten Szenarien ausgearbeitet und Massnahmen vorbereitet werden.

"Die Betreiber von Computersystemen können selber massgeblich zu deren Gesundheit beitragen", pflichtet Zehnder bei. Problematisch sei aber, dass in der aktuellen Krise genau daran gespart werde.

Jüngste Angriffe nicht sehr clever

Zehnder geht sogar noch einen Schritt weiter: Die jüngsten Viren-Angriffe auf Computersysteme seien gar nicht sehr clever gewesen. Vom "Blaster"-Virus etwa seien nur Betriebe betroffen gewesen, die nicht über das entsprechende Sicherheits-Patch verfügt oder die keine Firewall installiert hätten.

"Die Hacker müssen heutzutage gar keinen grossen Aufwand betreiben", sagt Zehnder weiter. Eine Menge von Computersystemen seien ungeschützt oder nur halbwegs geschützt und so dem Angriff von Viren mehr oder weniger ausgesetzt.

"Monokultur" bietet zahlreiche Ziele

Eine weitere Ursache für die Anfälligkeit der Computersysteme sieht Lingg in der "Monokultur", die in der Informatik vorherrscht. Durch die enorme Verbreitung des Microsoft-Betriebssystems gebe es hunderte von Millionen möglicher Ziele. "Apple oder Linux sind nicht unbedingt weniger anfällig, als Ziel aber einfach nicht so sexy."

Lingg ist auch Mitglied in der Stiftung "InfoSurance", die sich im Kampf gegen die Risiken der IT-Technologien für die Unternehmen engangiert. Zu diesem Zweck organisiert sie unter anderem runde Tische mit den Vertretern der Branchen.

"Schadenfreude gegenüber der Konkurrenz ist in solchen Fällen nicht angebracht", sagt Lingg. Seiner Ansicht nach müssten die Unternehmen zusammenarbeiten, um gemeinsam den Wirtschaftstandort Schweiz vor Computerattacken zu schützen.

Dabei geraten aber gerade kleinere und mittlere Unternehmen unter Kostendruck, wie Claudio Frigerio, Pressesprecher des Bundesamtes für Informatik und Telekommunikation, betont. Zudem sei Informatiksicherheit ohne unmittelbaren Nutzen, weil sie zu einem wichtigeren Teil aus Prävention bestehe.

(Gerhard Tubandt/sda)

 
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