Irak - ein auswegloser Pfusch?
publiziert: Freitag, 10. Mrz 2006 / 10:34 Uhr / aktualisiert: Freitag, 10. Mrz 2006 / 10:59 Uhr

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Es gab einen guten Grund, warum beim ersten Irak-Krieg Saddam nicht gestürzt wurde. Es war ein unmenschlicher Grund, ein opportunistischer Grund... aber einer, der gut genug war, um Bush senior von dem Schritt abzuhalten.

Es war nicht nur klar, dass ein weiteres Vorstossen alle arabischen Staaten sauer gemacht hätte. Ebenso war bekannt, dass der Irak ein ethnisches Pulverfass war, das nur durch die Gewaltherrschaft Saddams nicht explodierte. Kurden, Schiiten und Sunniten standen sich schon damals unversöhnlich gegenüber. Die beherrschenden Sunniten unterdrückten als Minderheit die Schiiten und die Kurden so stark es ging. Die Rohstoffe befanden sich vor allem in den von den unterdrückten Ethnien bewohnten Gebieten. Der Sturz Saddams hätte nach der damaligen Ansicht extreme Konflikte verursacht, wobei die Schiiten vom theokratischen Iran beeinflusst gewesen wären, während die Kurden die totale Autonomie, ja sogar eine Abspaltung gesucht hätten.

Ein Bürgerkrieg, oder – alternativ – die massive, langjährige Besatzung des Iraks durch US-Truppen wären die Konsequenz gewesen. Dieser Preis für das irakische Öl schien Bush senior aber doch zu hoch. Er überliess die unterdrückten Iraker weitgehend ihrem Schicksal.

Die Kurden errangen im UNO-Sanktionierten Nachkriegs-Irak sogar ihre faktische Autonomie. Sie entzogen sich Saddams Einfluss und rüsteten ihre Peshmerga-Widerstandskämpfer fast auf das Niveau einer regulären Armee auf. Die Schiiten hingegen waren weiterhin Saddams direkter, brutaler Unterdrückung ausgesetzt, von den Amerikanern im Stich gelassen, nachdem sie von diesen im Krieg zum Widerstand gegen Saddam aufgerufen worden waren. Ein Verrat, der nie vergessen wurde.

Dann kam der zweite Irak-Krieg. Es sollte das Beispiel eines «neuen» Krieges werden. Schnell rein, Regierung austauschen, Ölrechte sichern, wieder raus. Ein wunderbarer Plan, wenn er etwas mit der Realität zu tun gehabt hätte.

Um den Krieg billig zu halten, gingen nicht so viele Truppen rein, wie es bräuchte um das Land zu kontrollieren, sondern nur jene, die der militärische Sieg erforderte. In der Folge wurden die irakischen Truppen nicht entwaffnet, die Waffenlager nicht gesichert, die Grenzen nicht geschlossen, die Kontrolle über das Land nicht erreicht. Stammeskonflikte, ethnische Auseinandersetzungen, terroristische Milizen und Machtkämpfe erschüttern seither das Land.

Die Sicherheitskräfte, die ausgebildet werden, desertieren vielfach und schliessen sich mit dem neuen Know-how «ihren» Aufständischen an, während die US-Truppen andauernd auf der Jagd nach Terroristen sind, statt Zivilisten zu beschützen.

Der «billige» Krieg hat bisher ca. 250 Milliarden US$ und Tausende von Menschenleben gekostet. Ein Bürgerkrieg scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Irak-Spezialisten verschiedenster politischer Ausrichtungen sind sich einig, dass es mehr Truppen, ein anderes Vorgehen und langfristigere Ziele braucht, um den Irak zu stabilisieren.

Obwohl der Botschafter der USA im Irak bereits von einer Büchse der Pandora redet, die man hier geöffnet habe, will Rumsfeld, unbelehrbar wie immer, nichts davon wissen. Ziel sei es, die Truppen abzubauen und das Feld den irakischen Sicherheitskräften zu überlassen.

Falls dies wirklich so kommt dürften die schiitischen Gebiete eines Tages dem Iran in die Hände fallen, Syrien wird versuchen die Sunniten an sich zu binden und die Kurden werden ihren eigenen Staat ausrufen, was einen Konflikt mit der Türkei fast sicher nach sich ziehen würde.

Selbst die Wahlen – Hoffnungsschimmer für einige Momente – entpuppten sich als weitere Konfliktpunkte - eine Regierung gibt es immer noch nicht. Der Traum der US-Administration, dass Elemente, die eine Diktatur nur mit Brutalität zusammen halten konnte, mit einem Male friedlich zueinander finden würden, ist ausgeträumt. Die Schadensminimierung würde – sollte sie angegangen werden – eine völlige Umkehr der Politik und gigantische Aufwände an Truppen, Zeit und Finanzen erfordern. Es ist daher fraglich, ob diese US-Regierung für den von ihr angerichteten Pfusch gerade stehen wird.

(Patrik Etschmayer/news.ch)

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