Ist Jesus Deutscher oder Italiener?
publiziert: Donnerstag, 28. Jun 2012 / 09:00 Uhr
Heiligs Schühle: Detail an den evangelikalen Fussballschuhen von Kakà.
Heiligs Schühle: Detail an den evangelikalen Fussballschuhen von Kakà.

Ein paar rationale Erwägungen zu religiösen Delirationen den Fussball betreffend

Er ist vielleicht noch in Erinnerung: Ricardo Izecson dos Santos Leite, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Kaká, der anlässlich verschiedener fussballerischer Triumphe sein Trikot auszog und darunter ein Unterhemd offenbarte, auf dem «I belong to Jesus» stand. Der brasilianische Fussballspieler Kaká ist evangelikaler Christ, gehört also einer Strömung an, welche auch in Südamerika immer mehr an Terrain gewinnt. Derartige penetrante Zurschaustellung religiöser Überzeugungen hat man an der Euro 2012 in Polen und in der Ukraine noch nicht sehen müssen. Trotzdem blicken immer mal wieder Spieler gen Himmel, wenn denn etwas danebenging oder etwas gelungen ist und bekreuzen sich bei allerhand Gelegenheiten.

Z.B. hat der Cristiano Ronaldo gestern Abend ziemlich zermürbt ins Firmament hinauf geblickt. Er fand es ungerecht, dass er und seine Mannschaft verloren haben. Aber bei den Spaniern spielte halt ein gewisser Jesús Navas und bei einem solchen Namen war halt nicht einmal als Cristiano dagegen anzukommen. Es kommt übrigens nicht vor, dass ein atheistischer Fussballer im Torjubel einfach mal ein Unterhemd offen legt, auf dem steht: «Es gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Gott. Das Tor habe ich selber geschossen. Dank diszipliniertem Training und glücklichem Zufall in der Gen-Lotterie.» Wäre ja wohl auch zu viel Text für ein Shirt.

Im Netz findet sich allerhand Kurioses zum Thema Fussball-Euro und Religion. Z.B. Fussballpredigten zur EM oder Texte darüber, dass die Mannschaft oder der Sport vielen Fans heilig und das Stadion ihre Kultstätte sei. Aber auch enthusiastisches «Jesus ist der zwölfte Mann»-Geschwafel lässt sich finden. Sogar ein Kardinal - nämlich Kardinal Woelki - liess verlautbaren, dass ein Fussballspiel zwar nach Riten funktioniere, die denen einer Religion ähnelten, «... doch Fussball ist keine Religion [...] den tieferen Sinn des Spiels erklären weder Sportkommentatoren noch die Fifa, das Jenseits wird nicht verheissen.» Also ich finde es definitiv jenseitig, wie da auf Biegen und Brechen Religiosität in ein allgemein-kulturelles Phänomen hineingelesen wird.

Aber lassen wir das mit den Fussballgöttern und den schrägen Analogien der pseudojugendlichen Fussballseelsorger. Für mich ist es immer wieder erstaunlich, dass die religiösen Gesten und Bräuche des öffentlichen Bittens und Dankens überhaupt noch existieren. Wieso wird immer wieder flehentlich zum Himmel hinauf geblickt? Die meisten Fussballer, die das tun, sind ja Christen. Und der christliche Gott hat ja einen Plan und ist den meisten theologischen Auslegungen gemäss ziemlich allwissend und allmächtig. Was soll also das Flehen? «Lieber Gott, wenn es dir nichts ausmacht, lass doch bitte mich gewinnen und die anderen verlieren. Das ist vielleicht in deinem Plan nicht vorgesehen, aber ich bitte dich: Ändere mir zuliebe doch bitte den Plan und die Flugbahn des Balles.»

Mit der korrekten Zuteilung des Danks ist es auch so eine Sache: Es wird immer wieder mal Jesus oder Gott gedankt, dass da jetzt etwas geklappt hat. Aber wer verliert, der schiebt die Schuld dafür eigentlich nie einem dieser Beiden in die Schuhe (oder gar dem heiligen Geist). Eventuell denken sich einfach gestrickte Fussballer dann: «Vielleicht hat ja jemand aus der gegnerischen Mannschaft auch für den Sieg gebetet. Oder ein Fan der gegnerischen Mannschaft. Und dieser Jemand hatte den Sieg halt nötiger und man soll da den weisen Ratschluss der Gottheit nicht hinterfragen...» Ich halte dieses Danken und Bitten für ziemlich infantil, selbst bei einigermassen aufgeklärten, liberalen Gläubigen, die nicht für konkrete Dinge oder Sportanlässe und deren Resultate beten. Dergleichen passiert ja beispielsweise auch in Operationssälen von Krankenhäusern. Da bemüht sich ein Team von Chirurgen und Operationsassistenten in einer Not-Operation vielleicht zehn Stunden darum, das Leben eines schwer verletzten Unfallopfers zu retten. Gelingt die Rettung bei einem übermässig religiösen Menschen dann, so gilt dessen Dank dann später nicht primär der modernen Medizin und dem professionellen Personal -- nein! Da hat Gott eingegriffen und man wird zum Dank dann eine Wallfahrt nach Lourdes oder anderswohin absolvieren und eine Spende in eine Kirchenkasse leisten.

Aber zurück zum Thema: Wer wird denn nun neben den Spaniern noch in den Final der Euro einziehen? Der Papst ist ja ein Deutscher. Naja, kein richtiger Deutscher, sondern ein Bayer, aber wir wollen da jetzt mal nicht allzu pingelig sein. Es spielen ja auch viele Bayern in der deutschen Nationalmannschaft. Ein gutes Wort des Papstes sollte da also schon einiges Gewicht tragen. Und da Italien jetzt dazu übergehen will, dass der Vatikan auf seine kommerziellen Besitztümer im italienischen Ausland auch Steuern bezahlen soll, so wie jeder andere Grossgrundbesitzer auch, wird es dem Papst angesichts dieser Infamie nicht schwer fallen, gute Argumente gegen ein Weiterkommen der Italiener zu finden.

Allerdings sind die traditionellen Bande des katholischen Gottes zu Italien dann halt eben doch noch sehr eng. Er hat den Italienern viel zu verdanken. Und Deutschland ist ja auch das Land der falschgläubigen Protestanten und anderer Atheisten. Und in deren Nationalmannschaft spielen sogar Muslime mit. Zudem werden der Nationaltrainer der Italiener, Cesare Prandelli, und sein Trainer-Team bei einem Sieg wohl wieder nachts und zu Fuss zu einem Kloster vor den Toren Krakaus pilgern. Eine schwierige Entscheidung für den katholischen Gott. Aber vielleicht ist ja für den zweiten Halbfinal dieser Euro Quetzalcoatl, Allah, Cthulhu oder Zeus zuständig?

(Valentin Abgottspon/news.ch)

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