Jeder vierte Angehörige ist nach Freitodbegleitung psychisch krank
publiziert: Donnerstag, 4. Okt 2012 / 10:39 Uhr
Die Forscher hatten 85 Familienmitglieder oder enge Freunde von Sterbewilligen befragt. (Symbolbild)
Die Forscher hatten 85 Familienmitglieder oder enge Freunde von Sterbewilligen befragt. (Symbolbild)

Zürich - Sterbewillige auf ihrem letzten Weg zu begleiten, stellt für Angehörige eine massive psychische Belastung dar: Jeder Vierte weist danach eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder eine Depression auf. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Universität Zürich.

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Damit treten solche psychischen Störungen nach der Freitodbegleitung häufiger auf als bei natürlichen Todesfällen, wie die Psychologin Birgit Wagner am Donnerstag im «Tages-Anzeiger» erklärte. Die Forscher hatten 85 Familienmitglieder oder enge Freunde von Sterbewilligen befragt, die ein bis zwei Jahre zuvor mit Hilfe der Sterbehilfeorganisation Exit aus dem Leben geschieden waren.

Zwanzig Prozent von ihnen litten an einer posttraumatischen Belastungsstörung, 16 Prozent an einer Depression und fünf Prozent immer noch unter besonders langer, intensiver Trauer, «komplizierte Trauer» genannt. Die Forscher stellen die Resultate in der Oktoberausgabe des Fachblatts «European Psychiatry» vor.

«Den unnatürlichen Tod einer nahestehenden Person zu erleben, scheint eine starke Belastung für die Trauernden zu sein und kann 14 bis 24 Monate später zu schwerwiegenden psychischen Problemen führen», schreiben die Forschenden.

Den direkten Vergleich zu natürlichen Trauerfällen haben die Psychologen gemäss «Tages-Anzeiger» in dieser Studie nicht durchgeführt. Sie verglichen jedoch ihre Resultate mit einer früheren Studie mit 65- bis 95-Jährigen in Zürich, die in der jüngeren Vergangenheit Todesfälle im nahen persönlichen Umfeld erlebt haben dürften.

Posttraumatische Störungen häufiger

Es stellte sich heraus, dass vor allem posttraumatische Störungen nach der Freitodbegleitung häufiger waren: In der Vergleichsgruppe litten viermal weniger Personen an der Störung (5 Prozent), in der vollen Ausprägung sogar 20-mal weniger (0,7 Prozent). Das Auftreten von komplizierter Trauer war etwa gleich häufig.

Bei einer holländischen Studie trat indes PTBS bei Begleitern eines freiwilligen Suizids nur halb so häufig auf wie bei Angehörigen von Krebspatienten, die eines natürlichen Todes starben (2,1 und 5,7 Prozent). Gemäss der Zürcher Forschenden ist der Anblick eines qualvollen Krebstodes ebenfalls ein sehr stressreiches Erlebnis.

Eine PTBS kann Wochen bis Monate nach einem erschütternden Erlebnis wie Todesfällen, Unfällen oder Gewalttaten auftreten. Gewisse Menschen leiden danach unter quälenden Erinnerungen, vermeiden Orte oder Personen, die sie an das Trauma erinnern und leiden an Reizbarkeit, Schlaf- und Konzentrationsstörungen.

Polizeiliche Untersuchung belastet

Gemäss der aktuellen Studie kommt es öfter zu einer PTBS, wenn das soziale Umfeld wenig Verständnis für den Freitod-Entscheid oder Unterstützung für die Betroffenen aufbringt. Auch die forensische Untersuchung durch die Polizei und das Rechtsmedizinische Institut, die zwingend auf jeden unnatürlichen Tod folgt, empfänden viele Betroffene als belastend.

Die Sterbehilfe ist ein wichtiger Aspekt des am Mittwoch neu lancierten Nationalen Forschungsschwerpunkts «Lebensende» (NFP 67). Es soll das Wissen für Politik und Gesellschaft erarbeiten, um das Sterben menschlicher zu gestalten. Dem NFP stehen 15 Millionen Franken zur Verfügung und es umfasst knapp 30 Forschungsprojekte. Zwei davon werden sich der Suizidhilfe widmen.

(knob/sda)

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Anthony Patt ist Professor für Mensch-Umwelt-Systeme an der ETH Zürich.
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