Jetzt ist auch Georg W. Bush Fussballfan
publiziert: Dienstag, 18. Jun 2002 / 15:56 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 18. Jun 2002 / 16:34 Uhr

Washington - Fussball ist in den USA eine Nebensportart. Seit dem überraschenden Sieg gegen Mexiko und der Viertelfinalqualifikaiton gegen Deutschland hat sogar Amerika von der Fussball-WM Notiz genommen. Sogar Präsident Georg W. Bush soll laut US-Today gesagt haben: "Jetzt bin ich ein Fussballfan".

George W. Bush ein Fussballfan.
George W. Bush ein Fussballfan.
(Si) Unbegrenzt sind ihre Möglichkeiten zwar nicht, aber träumen dürfen die Amerikaner im WM-Viertelfinal gegen Deutschland. Und allein schon dies hätte vor wenigen Wochen niemand zu prognostizieren gewagt -- schon gar nicht in den USA. Brilliert haben die US-Boys beim völlig überraschenden 2:0-Sieg gegen Mexiko nicht, ihre Effizienz hingegen erinnerte an die Italiener besserer Tage. Das ungewöhnliche Resultat sorgte im Land der Azteken für bedeutend mehr Aufsehen als in den USA, wo sich die Leute um alles andere kümmern, nur nicht um den ihnen so fremden "Soccer".

Mexiko weinte

Während die Menschen auf den Plätzen in Mexico-City die Tränen literweise vergossen, verschlief die amerikanische Bevölkerung das historische Ereignis. Die in Südkorea ausgetragene Partie wurde in amerikanischer Zeit mitten in der Nacht vom Sportkanal ESPN live übertragen; nur ausgewanderte Mexikaner und ein paar handverlesene Fussball-Anhänger sassen vor den Bildschirmen.

Amis schliefen..

Nichts ist für einen Mexikaner schlimmer, als gegen den ungeliebten Nachbarn auszuscheiden. Der Stellenwert des Fussballs könnte unterschiedlicher gar nicht sein. In zweistelliger Millionenzahl leiden sie in Mexiko mit dem Nationalteam, lamentieren wochenlang über angebliche Fehlentscheide des Trainers Javier Aguirre. Bruce Arena, der Coach der Amerikaner, muss hingegen froh sein, wenn ein Bruchteil der Bevölkerung überhaupt seinen Namen kennt.

18 Millionen Lizenzierte

Nur den Sportredaktionen der grossen Tageszeitungen sind die respektablen Vorstellungen von Claudio Reyna und Co. offenkundig nicht (mehr) entgangen. Sowohl in der "USA Today" (World Cup Dream) als auch bei der seriösen "New York Times" tauchten die erfolgreichen US-Kicker in Bild und Text auf den Frontseiten auf. Die Reporter waren sich einig: Nie zuvor war ein Sieg im "Soccer" bedeutender.

Euphorie herrscht gleichwohl keine. Nach der WM-Endrunde im eigenen Land 1994 nahm das Interesse rasch wieder ab, der erhoffte Boom blieb aus. In der mächtigen Medienlandschaft spielte der Fussball in den vergangenen Jahren kaum eine Rolle. Und die durchschnittliche Major-Soccer-League lockte die Zuschauer nicht in erhoffter Zahl in die überdimensionierten Stadien.

Die gewaltige Zahl von nahezu 18 Millionen Lizenzierten verzerrt das Bild der Realität. Noch immer steckt der weltweit populärste Sport in den Vereinigten Staaten in den Kinderschuhen. Durchgesetzt hat sich der Fussball bislang erst auf dem High-School-Level. Dort legte der Lehrkörper die Zurückhaltung ab. Noch fehlt aber eine Brücke zum professionellen Soccer, noch sind die Perspektiven der Kids zu gering, mit ihrer Leidenschaft ausreichend Geld zu verdienen.
Interessanterweise ist die Frauen-Fussballbewegung von einem Teil dieser Einschätzungen auszuklammern. Die US-Girls sind zusammen mit den Chinesinnen und Norwegerinnen seit längerer Zeit tonangebend und gewannen 1999 den WM-Titel. Mia Hamm, ihre bekannteste Exponentin, scheffelt Millionen an Werbegeldern. Auf ihrem Zenit warb die attraktive Stürmerin an der Seite der Basketball-Ikone Michael Jordan und war jedem Mädchen ein Begriff.

Trendwende? Nun bietet sich am Freitag gegen Deutschland die Chance, eine Trendwende einzuleiten. "Auf dem Papier sind wir chancenlos, aber wir spielen ja nicht auf Papier", liess sich Arena zitieren. Wer ein vor kurzem noch hochgerühmtes Portugal schlagen kann, wer den heimstarken Südkoreanern ein Unentschieden abtrotzt, Mexiko ausschaltet, der muss sich auch vor den "Fussball-Handwerkern" aus Deutschland nicht mehr verstecken. Arenas Mixtur von durchschnittlichen Bundesliga-Profis (Sanneh, Reyna) einem im englischen Hinterland in Sunderland engagierten Regisseur (Reyna), einem guten "englischen" Goalie (Friedel) und und zahlreichen MLS-Profis strotzt vor Selbstvertrauen. Und wenn selbst Georg W. Bush, der mächtigste Staatsmann der Welt, den Dauem drückt, ist alles möglich. "Das Land ist stolz auf das Team", liess Bush nach Südkorea übermitteln. "President Bush, now a soccer fan" titelte der "USA Today". Auch wenn er eingestand, dass er gar nicht wisse, um was es an der WM eigentlich genau geht...

(sda)

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