
Über 70 Millionen Chinesinnen und Chinesen wurden neulich lange nach Mitternacht Zeuge eines überwältigenden Erfolgs. Sie verfolgten auf dem chinesischen Sportkanal CCTV5 das Endspiel des Grand-Slam-Turniers Roland Garros in Paris. Auf dem Court Philippe Chartier ging nach einer Stunde und 48 Minuten Li Na mit Tränen in den Augen zu Boden.
Eine Nation stand Kopf. Ein neuer Superstar war geboren. Ungleich andern Nationen aber - z.B. Roger Federer in der Schweiz - wurde die «grosse Schwester» JieJie Li Na, wie sie mit ihrem Spitznamen im Reich der Mitte gerufen wird, sogleich vom Staat als Volksheldin zum höheren Ruhm des Vaterlandes vereinnahmt. «Wir haben uns einmal mehr in die Geschichtsbücher eingetragen», diktierte ein Chinese nach dem Sieg einem Reporterteam der «Los Angeles Times» ins Notizbuch und fügte hinzu: «Wir übernehmen Schritt für Schritt die Welt und keiner kann uns stoppen». Das ist derzeit wie in andern Bereichen auch eine durchaus typische Aussage in einem von der allmächtigen Partei geförderten Klima des Patriotismus und Nationalismus.
In den chinesischen Internet-Chat-rooms und den Mini-Bloggs gehen die Wellen hoch. Li Na wird als «strahlendste aller chinesischen Sportler» bezeichnet. Ein grosses Kompliment fürwahr, standen doch bislang der in Amerikas NBA spielende Basketballer Yao Ming und der 110m-Hürden-Weltrekordler, Olympiasieger und Weltmeister Liu Xiang ganz oben auf dem Podest der zu Volkshelden mutierten Spitzensportler. Mittlerweile ist Tennis nach Basketball und Fussball die beliebteste Fernsehsportart geworden, lange vor Ping-Pong oder Federball. Der Federball-Nationaltrainer Li Yongbo konnte es sich, politisch natürlich völlig inkorrekt, dennoch nicht verkneifen, den Grand-Slam-Sieg Li Nas herunterzumachen: «Sie ist nicht Olympia-Siegerin, im übrigen ist ja Tennis eher eine westliche Sportart und Roland Garros nicht wirklich ein internationaler Wettbewerb».
Dass ein staatlicher Funktionär sich derart despektierlich und fremd jeder Sachkenntnis äussert, ist im Zusammenhang mit Li Na nicht erstaunlich. Sie gilt als Rebellin und trägt - horribile dictu - ein Tatoo. Dennoch hat sie wie viele Sportler und Sportlerinnen Chinas ihre Karriere systemkonform angefangen. Mit sechs Jahren kam sie in eine Sport-Internat. Drakonische Disziplin, härtestes Training. Lange Zeit wurde sie auf Badminton getrimmt.
Erst spät wechselte sie zum damals in China eher als Randsportart betriebenen Tennis. Seit 1999 ist die heute 29 Jahre alte Li Na auf der WTA-Tour unterwegs, anfangs unter den Fittichen des chinesischen Verbandes. 2002 hatte sie vom staatlichen Gängelband genug und begann zu studieren. An der Universität Huazhong schloss sie als ... Journalistin ab. Der Verband holte sie zurück. 2004 gewann sie als erste Chinesin überhaupt ein WTA-Turnier, und zwei Jahre später zog sie in Wimbledon als erste Chinesin in einen Viertelfinal eines Grand-Slam-Turniers ein. Im vergangenen Jahr dann der Sprung in die Top-Ten der Weltrangliste.
Das laufende Jahr begann für Li Na vielversprechend. In Sydney gewann sie das WTA-Turnier und erreichte das Finale des Australien Open in Melbourne. Dann ging es steil bergab. Zwei Monate lang gewann sie kein einziges Spiel mehr. Sie entliess ihren langjährigen Trainer - ihren Mann Shan Jiang. Fortan wurde Li vom Dänen Michael Martensen trainiert. Mit Wohlwollen konnte danach Shan Jiang von der Tribüne aus mitverfolgen, wie Ehefrau Li langsam die Form wiederfand und siegte. In Madrid und Rom erreichte sie das Halbfinal, auf Sand ausgerechnet, wo sie meinte, ihre Stärken nicht richtig ausspielen zu können. Dann der ganz grosse Triumpf am Open in Paris.
Li Na hatte sich zu diesem Zeitpunkt, dank neuer Reglemente, längst vom Verband gelöst und selbständig gemacht. Fortan muss sie nur noch 12 Prozent anstatt 65 Prozent ihrer Preisgelder an den Staat abführen. Die Chefin des chinesischen Verbandes, Sun Jinfang, befand ein solches Verhalten damals als «unverantwortlich, unethisch und merkantil». Solche Vorwürfe sind jetzt angesichts des durchschlagenden Erfolgs natürlich verstummt. Überdies ist inzwischen auch der Sport in der «chinesischen Marktwirtschaft mit chinesischen Besonderheiten» angekommen. Medaillen und Vaterland, gewiss. Doch Geld, viel Geld ist mittlerweile im Spiel, und alle, die Sportfunktionäre eingeschlossen, akzeptieren das.
Unterdessen ist Tennis auch keine Randsportart mehr. Rund 15 Millionen Chinesinnen und Chinesen schwingen die Rackets auf 35'000 Tennisplätzen um die Wette. Neben Li Na findet sich derzeit noch Peng Shuai in den Top-20 und zwei weitere Spielerinnen in den Top-100. Bei den Männern wird die Aufholjagd wohl noch länger dauern. Der bestplatzierte Spieler Bai Yan wird im ATP-Ranking auf Platz 348 geführt.
Mit Wimbledon schauen nun nicht nur die Tennis-Fans sondern metaphorisch gesprochen die ganze Nation dank Direktübertragungen spät abends oder mitten in der Nacht erneut Richtung Europa. Wird es die «grosse Schwester» Li Na zum höheren Wohl der Nation richten? Wer kann sie noch stoppen? Vor fünf Jahren schaffte sie in Wimbledon mit einem Viertelfinale den Durchbruch und erreichte danach zweimal den Halbfinale. Für die mittlerweile in der WTA-Rangliste als Nummer 4 geführte Tennisspielerin scheint alles möglich, zumal sie stärker auf Gras als auf Sand aufspielt. Doch Li Na bleibt bescheiden: «Wenn ich in Wimbledon nicht gut spiele, könnten mich die Leute schnell wieder vergessen.»
(Peter G. Achten/news.ch)
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