Journalisten wechseln die Seite
publiziert: Donnerstag, 3. Apr 2003 / 09:20 Uhr

Bern - Medienhäuser bauen Stellen ab, doch das Interesse am Journalismus nimmt weiter zu. Immer mehr Journalisten müssen deshalb die Seite wechseln. Damit erhöht sich die Informationsflut und die Kontrollfunktion der Journalisten ist gefährdet.

Journalisten an der Arbeit.
Journalisten an der Arbeit.
Mehrere Schweizer Medienunternehmungen kündigten in den vergangenen Monaten den Abbau von Stellen und Entlassungen an wegen schwindenden Werbeeinnahmen und schlechten wirtschaftlichen Ergebnissen.

Von den 8 000 eingetragenen Journalisten sind 600 arbeitslos, schätzt der Zentralsekretär des Schweizer Verbandes der Journalistinnen und Journalisten (SVJ), Mathieu Fleury.

Nicht erstaunt über diese Entwicklung ist Serge Gnos, Zentralsekretär der Mediengewerkschaft Comedia: "Nach dem Stellenausbau während des Booms bis ins Jahr 2000, stehen die Leute nach dem konjunkturellen Einbruch auf der Strasse."

Gnos sieht trotzdem Perspektiven für Journalisten: Neue Berufschancen bieteten sich durch die Verwischung der Grenze zwischen Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit. "Für Leute mit medienwissenschaftlichem Hintergrund gibt es Plätze in Kommunikationsberufen", sagt Gnos weiter.

Ab in die Öffentlichkeitsarbeit

Laut Roger Blum, Professor am Institut für Medienwissenschaft der Univeristät Bern, geht etwa ein Drittel der Absolventen von Medienwissenschaften in den Journalismus. Die anderen setzen ihre Kommunikationskompetenz in der Öffentlichkeitsarbeit und anderen Berufen ein.

Blum sieht die Diskrepanz zwischen Stellenabbau und auf den Markt drängende Journalisten nicht so dramatisch. Bis 2002 hätten sich Schliessungen und Neuprojekte im Journalismus die Waage gehalten, sagt Blum. Er rechne auch damit, dass der jetzige Stellenabbau nicht dauerhaft bleibe: "Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung werden die Medienunternehmen ihre Projekte realisieren."

Alternative Berufe

Louis Bosshart, Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Freiburg, sieht in der breiten Ausbildung an der Universität einen Vorteil: "Die Absolventen von Medienwissenschaften haben Alternativen und können als Lehrer, in der Weiterbildung oder als Consultant arbeiten."

"Eher passen sich die Absolventen dem Arbeitsmarkt an, als sich beim Arbeitsamt zu melden", sagt Bosshart weiter. Dabei komme ihnen zu Gute, dass die Anforderungen im Journalismus und in der Öffentlichkeitsarbeit vergleichbar seien.

Enger Markt im Online Bereich

Auf eine enge Verbindung zwischen Ausbildung und Beruf setzt das Medienausbildungszentrum (MAZ) in Luzern. Alle 34 Absolventen der berufsbegleitende Diplomausbildung, die diesen Winter zu Ende ging, hätten eine Stelle, sagt MAZ-Studienleiter Heiner Käppeli. Er wertet die Praxisnähe des MAZ als grossen Vorteil auf dem Arbeitsmarkt.

Doch auch er sieht Problembereiche: "Im Online- und Fernsehjournalismus ist der Markt eng." Auch wenn der laufende Stellenabbau ein vorübergehendes Problem sei, sähe die nähere Zukunft nicht rosig aus. Trotzdem kämen wirklich gute Journalisten wieder in ihrem Metier unter, meint Käppeli. Die anderen müssten aber womöglich in die Unternehmenskommunikation wechseln.

Doch mit der zunehmenden Anzahl Leuten in der Öffentlichkeitsarbeit steigt die Informationsflut zusätzlich. SVJ-Zentralsekretär Fleury befürchtet deshalb, dass die Journalisten die nötige Kontrollfunktion nicht mehr befriedigend ausführen können.

(bsk/sda)

 
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