Journalistische Verrohung?
publiziert: Montag, 5. Jul 2004 / 10:22 Uhr

Die EURO 2004 ist Vergangenheit. Ein sportliches und wirtschaftliches Fazit wird gezogen. Aber im Hintergrund brodelt es gewaltig, denn die massive Mediatisierung und die fast lückenlose Abdeckung jeden einzelnen Schrittes der Stars, die zu "öffentlichen Personen" werden, hat auch andere Begleiterscheinungen gebracht.

Der Schweizer Trainer Köbi Kuhn erkennt eine Verrohung der Medien.
Der Schweizer Trainer Köbi Kuhn erkennt eine Verrohung der Medien.
Bis an die Grenzen des Erträglichen wurden an den abgelaufenen Europameisterschaften die Trainer von den Medien gefordert: Medienschelte und offenes Visier im Berichterstattungsstil haben so manchen Übungsleiter bis an die Grenze des Belastbaren getrieben.

Dick Advocaat, der "Bondscoach" Hollands, konnte nicht mehr: "Wollt ihr mich am Flughafen in Amsterdam erschiessen, wenn ich nach der EM lande?", fragte er seine Kritiker und spielte auf die offene Kritik der einheimischen Journalisten und vieler externer Experten (Cruyff, Rijkaard u.a.) an.

Auch Spaniens Cheftrainer Inaki Saez musste bei der Rückkehr nach Spanien feststellen, dass Fans und Medien nicht verzeihen, wenn eine sportliche Blamage sich zu einer nationalen Sporttragödie heraufspielen lässt.

In der Pressekonferenz einen Tag nach der Ankunft der Iberer in Madrid, wurde Saez so stark von Fans und Presse angegangen, dass er nur noch den Gedanken hatte, so schnell wie möglich sein Amt nieder zu legen. Man bedrohte ihn sogar physisch.

Englische Boulevard-Medien

Was in England indessen abging, entbehrt jeder Erklärung: Die Yellow Press, die Boulevardmedien, ist eh für ihre massive Vorgehensweise bekannt und gefürchtet.

Eine Nachfrage bei ehemaligen Nationaltrainern (es wurden auch schon nach Niederlagen ihre Köpfe auf Schweinekörper montiert) oder Fussballstars aber auch bei Schiedsrichter Urs Meier erübrigt sich wohl.

Um diesem vorzubeugen, trat indes Bulgariens Trainer Plamen Markov schon vorher von seinem Amt zurück.

Erspart blieb dies zwei Herren, die ebenfalls eine sportliche Blamage zu verantworten hatten, aber als "Grandmonsieurs" des Fussballs dennoch den Respekt bekamen, den sie verdienen: Rudi Völler trat freiwillig zurück wie auch Giovanni Trappatoni.

Es war ein offenes Geheimnis, dass der Italienische Verband nach dem neuerlichen Scheitern von „Trap“ als Nationaltrainer mit Marcello Lippi einen Nachfolger bereit hatte.

Härter, aber nicht anders

Viele EM-Nationaltrainer, auch Köbi Kuhn und seine Berufskollegen im Clubfussball, sprechen von einer dramatischen "Verrohung" der Medienlandschaft. Dabei sind diese Sitten keinesfalls neu: Legendär sind die Medienschelten der Engländer aber auch der Deutschen nach Euro- oder WM-Pleiten.

Ex-DFB-Nationaltrainer Erich Ribbeck musste vor vier Jahren zusehen, wie er und sein Team öffentlich demontiert wurden. Und der "Klassiker" war die "BILD"-Kampagne gegen Bertri Vogts 1994 nach dem Achtelfinal-Aus an den Weltmeisterschaften: Auf der Titelseite druckte das Boulevard-Blatt den vorgedruckten Demissionsbrief Berti Vogts’ ab mit der Aufzählung all seiner Fehler und ein roter Pfeil zeigte auf die fehlende Unterschrift mit der Legende: "Hier müssen Sie nur noch unterschreiben, Herr Vogts!".

Lohnchecks für Strapazen

Es gibt aber auch die Trainer, die nicht wehklagen und sich nur als Opfer sehen.

Sie stehen in einer grossen Verantwortung. Nur der Erfolg gibt ihnen recht. Das "Schmerzensgeld" ist demnach nicht gering in Form eines üppigen Lohnschecks.

Sven Göran Eriksson sagte nach der Penalty-Niederlage im Viertelfinal gegen Portugal auf die Frage, ob er sich denn jetzt vor der Rückkehr nach England fürchte, folgendes: "Wir wissen, wenn wir einen solchen Job antreten, was uns erwartet. Speziell als Nationaltrainer, muss man auch die Befindlichkeiten der Bürger miteinbeziehen, die in einem Sieg oder einer Niederlage auch einen persönlichen Aspekt sehen."

"Man enttäuscht oder begeistert ein ganzes Land. Nein, ich habe keine Angst, denn ich mache meine Arbeit korrekt und muss Kritik ertragen können. Auch wenn diese dem Betroffenen manchmal arg übertrieben scheint."

(Von Joel Wüthrich, Working Press Basel/fussball.ch)

 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Di Mi
Zürich 14°C 28°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig recht sonnig
Basel 16°C 29°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig recht sonnig
St. Gallen 15°C 26°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig Wolkenfelder, kaum Regen
Bern 13°C 27°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig recht sonnig
Luzern 15°C 28°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig Wolkenfelder, kaum Regen
Genf 16°C 28°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig Wolkenfelder, kaum Regen
Lugano 18°C 27°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig gewitterhaft
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten