Jugend - voll fett!
publiziert: Montag, 20. Aug 2012 / 12:45 Uhr / aktualisiert: Montag, 20. Aug 2012 / 17:47 Uhr
Inaktiv, dick und bald schon krank: Übergewichtige Kinder.
Inaktiv, dick und bald schon krank: Übergewichtige Kinder.

Es war eine Meldung im Regionalteil der Zeitung. Im Rahmen von Budgeteinsparungen wird eine Ostschweizer Gemeinde den Schwimmunterricht für seine Schüler streichen. Solche und ähnliche Meldungen sind zur Alltäglichkeit geworden. Denn... was bringen denn schon fitte Kinder in der heutigen Wissensgesellschaft? Da muss man sparen, wo es geht und nicht schadet. Oder?

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Früher waren die dicken Kinder die designierten Opfer in einer Schulklasse. Sie wurden gehänselt und getriezt, von ihren fitten Gspänli, denn sie konnten diese ja nicht einholen, da sie ausser Atem kamen, wenn die anderen schon um die übernächste Ecke gezischt waren. Tempi passati. Heute hat es in den Schulen so viele Dicke, dass es leichtsinnig wäre, sich mit diesem Fettwall anzulegen egal wie fit. So dürfte das wohl die einzige positive Entwicklung an der ganzen Sache sein.

Denn dicke Kinder sind bereits Opfer bevor sie es noch wissen. Und zwar Opfer ihrer Körper, die bereits in jüngsten Jahren auf Kamikaze-Kurs sind. Die Probleme werden vielfältig sein, da dick sein nicht nur mit der Körpermasse, sondern meist auch mit Bewegungsmangel und motorischen Defiziten einhergeht.

So sind Purzelbäume unterdessen zur echten Herausforderung geworden und ein 60 Meter Lauf kann von manchen Kindern nicht mehr unfallfrei gemacht werden, weil ihr Körper nie gelernt hat, richtig zu rennen; das Überqueren eines breiten Baumstammes artet zur auf allen Vieren absolvierten Tortur sowohl für das Kind als auch die Zuschauer aus.

In verschiedenen Kantonen wurden die klassischen Veloprüfungen abgeschafft... weil sie zu gefährlich seien. Nein, nicht der Verkehr ist auf den Prüfungsstrecken riskanter geworden, die Kinder schaffen es nicht mehr, vor dem Abbiegen zurück zu blicken und Zeichen zu geben, ohne sich dabei durch drohenden Verlust des Gleichgewichts in Gefahr zu bringen.

Die Ursachen sind dabei vielfältig: Körperlich inaktive Eltern machen meist den Anfang, der in vielen Fällen seine Fortsetzung im überbehüteten Kokon-Dasein erfährt, bei dem die Kinder mit dem Mami-Taxi von und zu Kindergarten und Schule chauffiert werden und in der Freizeit von hysterischen Eltern am Klettern und Toben gehindert werden, denn ihr Kleines könnte sich dabei ja womöglich weh tun... ein aufgeschlagenes Knie ist ja heute eine veritable Katastrophe.

Doch Umfallen gehört zum Kindsein wie das Atmen und die Turn- und Schwimmstunden sind für viele Kiddies die letzten Gelegenheiten, bei denen sie sich bewegen MÜSSEN. Wenn nun auch noch diese, Scheibchen um Scheibchen aus dem Schulalltag entfernt werden, weil zu teuer und beim Pisa-Test eh nicht berücksichtigt, dann verlieren die Kinder - und die Erwachsenen, die sie dereinst sein werden - noch viel mehr.

Die Kindheit geht vorbei - motorische Defizite bleiben für's Leben. Erwachsene, die sich als Kinder wenig bewegt haben, sind allfälliger für Unfälle, da sie mehr stolpern und umfallen. Je höher das Alter, desto extremer die Folgen.

Zudem zeigt sich schon jetzt eine bedenkliche Tendenz, dass die Typ 2 Diabetes, auch «Altersdiabetes» genannt, bei immer mehr jungen Menschen zuschlägt. Ursache: Übergewicht und Bewegungsmangel. Resultat: Medikamentenabhängigkeit und diverse Gesundheitsprobleme, die weit über die eigentliche Krankheit hinaus gehen. Doch dicke Kinder leiden als erwachsene noch an vielen anderen Dingen: grosser Gelenkverschleiss mit daraus resultierender Arthrose und Arthritis, Herz- und Kreislaufprobleme, Bluthochdruck, ein erhöhtes Risiko für manche Krebsarten und vieles mehr.

Doch schon als Kind leiden die kleinen Klopse: Sie werden ständig mit ihrer Unfähigkeit konfrontiert, Dinge zu machen, die für andere einfach, ja selbstverständlich sind. Diese Frustration führt zu einem weiteren Rückzug von körperlichen Aktivitäten, ein Teufelskreis. Und etwas weiteres sollte man nicht vergessen: Kinder, die rumtoben und sich bewegen, sind meist glücklich und klüger als passive Kinder: Wichtige Hirnareale werden beim körperlich aktiven Spiel entwickelt und gestärkt.

Natürlich, ein paar Stunden Turnen jede Woche können da nicht viel, aber durchaus etwas Positives ausrichten. Werden diese wenigen Stunden nun auch noch gekürzt, so hat dies nicht nur eine negative direkte Auswirkung auf die Schüler, es ist auch noch ein Signal dafür, dass es scheinbar in Ordnung ist, Kindern von Bewegung und körperlicher Aktivität fern zu halten.

Diese Entwicklung darf durchaus als katastrophal bezeichnet werden. Für die Einzelperson wegen der körperlichen Leiden, die viele erfahren müssen, für die Gesellschaft wegen der Krankheitskosten, welche die ohnehin strapazierten Gesundheits- und Sozialkosten explodieren lassen werden.

Es sind alle gefordert, vor allem auch die Eltern - doch diese sind vielfach ahnungslos und/oder Opfer ihrer eigenen übertriebenen Ängste. Doch die Bildungsdirektionen müssen dabei gestärkt werden, an den Schulen den Turnunterricht bei zu behalten, ja womöglich sogar auszubauen - wobei die Finanzen dafür durchaus auch aus dem Gesundheitsbereich kommen könnten - als eine wirklich lohnende Präventivmassnahme mit jahrzehntelangen Renditen.

Ausserdem wären weitere Massnahmen durchaus interessant: Das Verbot von Mami-Taxis, um auch den Schulweg zum Ort der Aktivität zu machen, das Anheben der Relevanz der Turn-Noten in den Zeugnissen und ein generelles Überdenken des Unterrichts, in den - durchaus auch im Sinne des Lernens - zusätzliche körperliche Aktivität eingebunden werden sollte (mehr Naturkunde im Wald? Physik an konkreten Beispielen, die von den Schülern selbst aufgebaut werden...), welche ein ganzheitliches Erfahren des Stoffes möglich macht. Nicht zuletzt gehört auch Ernährungskunde in den Unterricht, in denen die Industriefood-Gemästeten Rundlinge davon erfahren, was sie so alles in sich rein stecken (ein Fach, dem auch viele Eltern beiwohnen sollten).

Nein, die Jungen sind weder faul noch blöd noch unwillig - aber sie werden von unserer entkörperlichten Gesellschaft krank, ungelenk und weniger klug gemacht, als sie sein könnten. Und jede Turnstunde, die gestrichen wird, ist ein weiterer Schritt in Richtung einer Vollfett-Jugend, die niemand wirklich will.

 

(Patrik Etschmayer/news.ch)

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Weiter so!
Tja Keinschaf, da haben Sie in vielem vollkommen recht. Mal abgesehen vom Sarkasmus bei Ihnen und im Artikel.

Bei den Sandkasten, Grasmosen, etc. ist das übrigens die gleiche Sorte Spinner die gegen Raucher draussen oder im Fumoirs vorgehen. Am liebsten Ganzkörperkondom und literweise Antibakteriell-Spray damit wir ja alle fette Allergiker grossziehen. Wer zum Beispiel beim Autofahren mit Schweizer Tempolimiten nicht Telefonieren und die Fussnägel schneiden kann, sollte keinen Fahrausweis erhalten.

Die Gleichen auch, die für jede Dummheit und Faulheit von Einzelnen neue Gesetze und Bestimmungen fordern. Neben "Augenkrebs" verursachen die Überfetten bereits jetzt schon weitaus grössere Gesundheitskosten international als Raucher. Ohne einen speziellen Steuerbeitrag.

Die Formel ist meist einfach: falsch ernährte und fette Eltern = dicke Kinder. Im "Sandkasten sozialisieren" wie Sie es schreiben, würde heissen dass mein Kind auch noch mit Balkandeutsch nach Hause kommt, nachdem es für seine neuen Turnschuhe "die Fresse poliert" erhalten hat.

Mami-Taxis haben ihre Berechtigung, weil unsere Gesellschaft, Justiz und Polizei nicht mehr fähig sind unsere Kinder vor Gewalt und Sexualstraftätern zu schützen.
Verbot von Mami-Taxis
Ja, lieber Herr Etschmayer, da schreiben Sie wohl so manchem direkt aus dem Herzen!

Aber ich glaube, mit Ihren Vorschlägen haben Sie grossenteils die Rechnung ohne die Wirte gemacht. Beim Vorschlag, Mami-Taxis zu verbieten, musste ich schmunzeln und stellte mir gerade vor dem geistigen Auge vor, auf welche Weise und mit welchen Ausreden dieses Verbot dann umgangen würde. Heutige selbstsüchtige Helikopter-Eltern sind sehr erfinderisch, wenn es darum geht, ihre Neurosen auszuleben. Da wird dann einfach hinter der nächsten Ecke angehalten oder die Ausrede vorgebracht, der Heimweg dauere sonst zu lange, man habe nicht genügend Mittagszeit... etc. pepe...

Höhere Gewichtung der Turnnoten.... finde ich jetzt eine eigenartige Lösung, die kaum Erfolg haben würde, da sie ja die Fettklopse erst recht benachteiligt. Können Sie sich die armen Turnlehrer vorstellen, die mit Klagen dicker Eltern dicker Kinder eingedeckt werden?

Ausnahmsweise bin ich auch nicht bereit, die Gesellschaft als ursächlich schuldig anzusehen - obwohl ich dies in vielem tue. Für diese Entwicklung sind alleine die selbstsüchtigen Eltern verantwortlich, die mit jeder kleinsten Aufgabe bereits an ihre intellektuellen Grenzen gelangen. Kinder lässt man nicht mehr draussen spielen; sie könnten Streit bekommen, sich verletzen oder auch nur "Grasmosen" an den Hosen nach Hause bringen. Etwas, worüber sich schon unsere Mütter geärgert hatten, aber sie wären deswegen nicht auf die Idee gekommen, uns das Spielen auf der Wiese oder im Dreck zu verbieten.

Angefangen hat doch die ganze Misere vor rund 15-20 Jahren. Ich erinnere mich, wie der gute alte Sandkasten aus allen Vorgärten entfernt werden musste. Besorgte und belesene Eltern klärten mich auf, wie "ungesund" das Spielen darin sei - unhygienisch, weil da Katzen reinkacken - da könnte man krank von werden! Hunderttausende, ja Millionen von Kindern sind im Sandkasten mit Nachbarskindern sozialisiert worden und - was Wunder - haben es überlebt!
Desinfektionsmittel in Wohnungen, in denen Kleinkinder herumkrabbeln, damit Bubi ja nicht mit Mikroorganismen in Berührung kommt.
Spielzeug, das Generationen von Kindern begeistert hatte, musste "pädagogisch Wertvollem" weichen.... uff, was erinnert mich das an endlose Diskussionen mit werdenden und gewordenen Eltern im Bekanntenkreis, die ich plötzlich nicht mehr wiedererkannt hatte, als hätte man sie hirngewaschen.
Plötzlich schien da etwas zum Vorschein gekommen zu sein, das in diesen Leuten geschlummert hatte. Ihre Defizite, die sie, wie wir alle hatten, mussten an Bubi wiedergutgemacht werden. Jede und jeder wollte ein "Super-Elter" sein, keiner hätte sich getraut, dem anderen zu erklären, dass er seinen Spross nach altbekannter Manier "erziehen" würde. Ja, sogar die Nennung des Wortes "Erziehung" hätte schon einen nicht mehr loszuwerdenden Verdacht auf ihn geworfen, seinem Spross nicht den gebührenden Respekt und Freiraum, die gebührende Sorgfalt und Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Exakt zeitgleich mit dieser Spinner-Welle richtiggehend durchgeknallter Eltern hat auch das Zeitalter der Beendigung der elterlichen Erziehung und der Einzug des elterlichen "Kokons", wie Sie es nennen, gehalten.

Sie können noch so viele und noch so gute Vorschläge bringen, es wird alles überhaupt nichts nützen. Denn die Schuldigen sind die Erzeuger dieser Kinder, diese selbstsüchtigen Eltern, die es gerade noch schaffen, Kinder zu zeugen, um sich selbst einen Lebenssinn zu geben oder um ein "Gspänli" zu haben. Das aber ist nicht die Haltung verantwortungsvoller Eltern, die fähig wären, gesunde Kinder grosszuziehen. Völlig unmöglich, da kann auch noch so viel staatliche Intervention nichts ändern.

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