
Es ist ein Drama, bei dem ALLE verlieren. Die Ex, die womöglich Rache für ihre Demütigung übte, die Staatsanwälte, die sich profilieren wollen an Kachelmanns B-Prominenz und der Wetterfrosch, der nun den Preis für sein absurdes Ego-Polstern mit Freundinnen all-überall zahlt. Ein Stück, das nur Antagonisten hat... irgendwie merkwürdig, dass es bisher trotzdem ein medialer Erfolg war.
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Verkachelte Männer gab es immer schon. Ebenso wie – meiner Meinung nach – viel zu viele Frauen mit komplexer Vaterbeziehung, viel zu viele Frauen, die statt den Weg der Freiheit immer den der Anpassung gehen, viel zu viele Frauen, die, nur um wenigstens einmal gehört und gesehen werden, für einen Männerkrüppel jede Entwürdigung ihrer selbst in Kauf nehmen.
Klar. Ungerechte Machtverteilung, undemokratische Politik, ökonomisches Ungleichgewicht, kulturelle Verknechtungsmuster gestalten diese (oft weiblichen) Beziehungshöllen mit.* Und leider vererben sich emanzipatorische Erfahrungen nicht, die muss jede und jeder selber machen. Doch was wir momentan an verkachelter sadistischer Medienlust in allem Detail vernehmen, lesen und auch noch analysieren müssen, geht hart an die Schmerzensgrenze. Da zeigt eine junge Frau die Vergewaltigung durch einen bekannten Moderator bei der Polizei an und was passiert? Der Moderator verschwindet lächelnd zum Putzdienst hinter Gittern und es entrollt sich ein Prozess, in welchem jedes Protokoll, jedes Gutachten, der detaillierte Lebenslauf des Opfers und die Wohltaten des Täters den Weg in die Medien finden. Ethik ist in Zeiten medialer Grosswährung wohl auch einigen Medienanwälten schon längst zum Wegwerfartikel geworden.
Die Journalistinnen (!) von Spiegel und Zeit werfen sich sofort für den bekannten Fernsehmann in die Bresche und huldigen den Täter während Die Bunte und auch die Süddeutsche und letzten Sonntag auch die FAZaSO eher die Opferperspektive einnehmen.
Aus den guten alten Zeiten eines feministischen und vor allem politischen Diskurses stammt das Werk «Mittäterschaft» von Christina Thürmer-Rohr. Die Autorin ging davon aus, dass Frauen in einer patriarchalen Kultur Werkzeuge entwickeln und sich zu Werkzeugen machen lassen, mit denen sie das System stützen und zu dessen unentbehrlichen Bestandteil werden können. Dieser Mittäterschaft haben seit einigen Jahren nun Kultfiguren à la Madonna sowie Serien à la «Sex and the City» verschrieben. Da wird die Entwürdigung der Frauen, die Tyrannei der weiblichen Intimität, die Idiotisierung von Männern, das, jeglicher Politik entleerte, Leben mit exklusivem Lebensziel «shopping and fucking» zelebriert. Diese menschenentwürdigende Kultmaschine, die sich in fast jeder prominenten Frauenfigur und immer mehr eben auch in solch verkachelten Männern manifestiert, macht nun den Kachelmannprozess zu dem, was er seit Monaten ist: Eine unendliche menschliche Entblödung, Entblössung und Entwürdigung. Und zwar aller Beteiligter.
Die Details der destruktiv-unappetitlichen Beziehungsstruktur des Wettermannes mit seinen Frauen verstärken somit einen Zeitgeist, der «Feminismus» oder «Emanzipation», wenn überhaupt, auf die freie Wahl des Sexualpartners oder die freie Wahl der geilsten Schuhe reduziert. Das ist das Skandalon in der causa Kachelmann: Diese Medienberichterstattung mit dem Charme eines Pariser Pissoirs.
Ist Kachelmann ein Opfer, ist er Täter? Ist das Opfer rachesüchtig oder vergewaltigt? Who cares? Die unsäglichen «who is afraid of Virginia Wolf»-Beziehungsgitter zwischen Wetterfrosch und sehnsüchtigen Prinzessinnen könnten ruhig unter «Panorama» entsorgt werden. Sie sollten auch als Einzelfälle behandelt werden.
Denn Männer, die sich wie Schweine benehmen, gab es schon immer. Frauen, die von weiblichem Selbsthass getriebene Leben führen, auch. Daraus aber mediale Archetypen für politisches und rechtliches Handeln zu konstruieren, ist regelrecht zum Kotzen. Denn es geht nicht an, so wie es jetzt passiert, Kachelmann als Individuum zu behandeln, während sein Opfer in einer klassisch frauenhasserischen Kategorie von Rachsucht und narzisstischer Störung entsorgt wird. Das geht besonders nicht an, wenn dies Frauen anderen Frauen antun. Doch wie meinte einmal Simone de Beauvoir nüchtern? «Da ich nicht denke, dass die Frau von Natur aus dem Manne unterlegen ist, denke ich auch nicht, dass sie ihm von Natur aus überlegen ist.»
*Eine der grossartigst beschriebenen männlichen Beziehungshöllen stammt aus der Feder von Philip Roth (Mein Leben als Mann, NY 1971).
(von Regula Stämpfli/news.ch)
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