Kann Potter noch zaubern?
publiziert: Freitag, 15. Jul 2005 / 09:45 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 19. Jul 2005 / 09:03 Uhr

Harry Potter ist kein kleiner Junge, sondern ein logistisches Monstrum. Das Schweizer Buchzentrum steht ab heute Nacht vor seiner grössten Auslieferung. Doch Harry ist bei Händlern längst nicht mehr Mamas Liebling.

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Ein Besuch auf der Site, die übrigens auch auf Deutsch angeboten wird, lohnt sich. Viele kleine Extras in einer originellen Multimedia-Umgebung.
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In der Nacht von Freitag auf Samstag darf der sechste Potter-Band verkauft werden, keine Minute vorher. Und einmal mehr wird wie ein Staatsgeheimnis gehütet, was zwischen den zwei Buchdeckeln steckt.

Lange war nicht einmal ein deutscher Titel für "Harry Potter and the Half-Blood Prince" bekannt; in der Branche spricht man schlicht von Harry Potter Sechs. Die deutsche Ausgabe erscheint am 1. Oktober.

Das Brimborium beginnt aber schon bei der Lancierung der englischen Fassung. Diesen magischen 16. Juli hat sich längst angekreuzt, wer als Buchhändler sein Salz wert ist. Wenn 21 Millionen Exemplare der ersten fünf in Deutsch erschienenen Bände und weltweit 260 Millionen verkauft wurden, wäre es ein sträflicher Mangel an Geschäftssinn, sich dem Phänomen Potter zu verschliessen.

Bücher unter Bewachung

Rund 30 000 englische Potter sind vorbestellt. Potter in Deutsch wird auf einen Schlag 120 000 Mal ausgeliefert. "Dieses Mal ist das Buch dünner, darum braucht es entsprechend weniger Platz", kann Ernst Imfeld vom Schweizer Buchzentrum aufatmen.

Auch so nimmt Harry Potter noch 480 Pallette ein, 100 Tonnen, die in 15 Camions verfrachtet werden. Durch die Geheimniskrämerei wird der Band auf den letztmöglichen Termin in die Schweiz geliefert – 10 Tage vor Veröffentlichung. "Das ist eng und setzt gute Planung voraus", weiss Imfeld nach fünf Potter-Abenteuern aus Erfahrung.

Aus Platzgründen muss eine Lokalität bei einer Transportfirma gemietet werden, wo Potter bis zum Starttermin eingelagert bleibt – unter Bewachung. Nur eine von mehreren scharfen Vorschriften, und zu Recht, wie die Praxis zeigt: Die britische Polizei hat sechs Wochen vor dem Start zwei Personen festgenommen, die der Presse zwei gestohlene Exemplare zum Vorabdruck verkaufen wollten. Bei einem früheren Band wurde in Tschechien ein Ring von Buchfälschern aufgedeckt: Potter wurde in der gleichen Aufmachung nachgedruckt und für 1 Euro verkauft.

Buchhandel muss mitspielen

Übers Internet würden sich die Geheimnisse des "Half-Blood Prince" wie im Flug verbreiten, und den Lesern nicht nur die Überraschung verderben, sondern, noch schlimmer, dem Verlag das Geschäft.

Zähneknirschend unterzeichnen Buchhändler eine Vereinbarung, die sie an Bedingungen bindet: Zum Beispiel, dass auch sie das Buch nicht vor Mitternacht lesen dürfen. Der Potter darf nur in nicht zugänglichen Räumen gelagert werden. Für Händler, die das Gesetz beugen, ist eine Konventionalstrafe vorgesehen, berechnet in Prozenten der bezogenen Bücher.

Die Menge macht’s

Auch die Autorin J. K. Rowling versteht es, die Spannung zu erhalten, indem sie den Tod einer Hauptperson ankündigt. Die Buchhändler selbst sind freilich mehr am realen Überleben interessiert. Sie fühlen sich durch eine Liberalisierung bedroht.

Rund ein Drittel geht (gemäss einer Studie der Universität St.Gallen im Auftrag des Buchhändler-Verbandes) davon aus, dass ihr Geschäft in einigen Jahren nicht mehr existiert, wenn der Markt vollständig liberalisiert wird. "Die kleinen Buchläden werden einfach eingehen", bringt die streitbare St.Galler Buchhändlerin Vera Dillier ihr eigenes Schicksal unumwunden auf den Punkt, und macht dafür die wenigen Monopolisten verantwortlich.

Tatsächlich ist auch Harry Potter ein Zankapfel und vorzügliches Rechenbeispiel für die Misere der "Kleinen": Der vom Verlag empfohlene Ladenpreis beträgt 26,30 Euro oder 44.50 Franken. Trotzdem muss diverse Lockvogelangebote unterbieten können, wer mit der Konkurrenz gleichziehen will. Doch wie soll ein Detaillist mit dem Internet-Riesen Amazon mithalten, der 35 Prozent unter diesem Preis liegt und den Potter für 15,80 Euro anbietet – am Erscheinungstag kostenlos geliefert?

Das Ende ist absehbar

Während also Kinder und erwachsene Fans global der Veröffentlichung entgegenfiebern, gilt Harry für den Handel schon als entzaubert. Kurioserweise haben die Fans selbst Potter vom Geheimtipp zum Welt-Event gemacht. Denn spätestens als der Goldesel in über 60 Sprachen übersetzt wurde, hat man ihn ans Halfter genommen.

Nun ist Harry längst kein charmanter kleiner Selbstläufer mehr, sondern hat alle Begleiterscheinungen einer weltumspannenden Marketing-Operation. Das Schweizer Buchzentrum jedenfalls hat aus Lieferschwierigkeiten der Vorjahre gelernt und ist für den Ansturm gerüstet. Einmal noch, dann läuft die Erfolgsserie ohnehin aus. Die Autorin hat ihr Epos auf sieben Bände angelegt. Ob Harry Potter dannzumal noch ein Lächeln aufs Gesicht des Buchhändlers zaubert, muss sich zeigen.

(Roland Schäfli/news.ch)

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