Kapitalisten im «Frühstadium des Sozialismus»
publiziert: Dienstag, 22. Mai 2012 / 10:15 Uhr
Luxus-Autos in Shanghai: Mit einer Million Millionäre ein guter Markt
Luxus-Autos in Shanghai: Mit einer Million Millionäre ein guter Markt

Über eine Million Millionäre gibt es in China und nach neuesten Zahlen etwa 300 Milliardäre. Nicht etwa in der Volkswährung Yuan Renminbi sondern umgerechnet in harte Schweizer Fränkli.

Galerie Urs Meile Zeitgenössische Chinesische Kunst Luzern Schweiz Beijing China
1 Meldung im Zusammenhang
Es sind Privatunternehmer, die es in der «sozialistischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung» mit Sinn fürs Geschäft, Innovation und Risiko ganz nach oben geschafft haben. Mit andern Worten, es sind die Reichsten der Reichen im Reich der Mitte. Dazu kommt ein aufstrebender Mittelstand, der vor allem im industrialisierten, wohlhabenden Küstengürtel schnell wächst. Derzeit gibt es rund 200 Millionen Mittelständler, wenn man als Messlatte eine gute Ausbildung und ein jährliches Einkommen per capita von umgerechnet zehn- bis dreissigtausend Franken ansetzt.

In strategisch wichtigen Industrien wie Erdöl, Gas, Elektrizität, Atom, Banken oder Telecom hat, wenn auch in knallhartem Wettbewerb, noch immer der Staat das Sagen. Der Rückgang freilich ist eklatant. Gab es 1998 noch 65'000 Staatsbetriebe, waren es 2010 gerade noch 20'000. Der Ausstoss ging von 50 Prozent an der chinesischen Gesamtproduktion auf 27 Prozent zurück. Die Privatwirtschaft trägt nach 33 Reformjahren unterdessen Entscheidendes zur Volkswirtschaft bei. Allein die 7,5 Millionen Kleinen und Mittleren Betriebe (KMU) generieren knapp fünfzig Prozent des Brutto-Inlandsprodukts und haben über siebzig Prozent aller Arbeitsplätze geschaffen.

Was für ein Unterschied zur noch nicht so weit entfernten chinesischen Vergangenheit. Der Grosse Steuermann Mao Dsedong predigte einst den Klassenkampf und verurteilte während der Grossen Proletarischen Kulturrevolution (1966-76) Staatschef Liu Shaoqi und den Partei-Granden Deng Xiaoping als Kapitalist Nummer 1 und Nummer 2. Liu - strammer Kommunist und enger Weggefährte von Mao - bezahlte die politische Kampagne mit dem Leben. Deng wurde, obwohl zuvor ein treuer Gefolgsmann Maos, als gewöhnlicher Arbeiter in eine südliche Provinz verbannt.

Maos chinesisches Modell brachte zwar nationale Unabhängigkeit und Stolz, doch keinen Wohlstand. Erst als Deng Xiaoping nach Maos Tod ab 1979 kollektive Landwirschaft und Planwirtschaft aufgab, verbesserte sich das Los der Chinesinnen und Chinesen. Die Wirtschaft stand und steht im Mittelpunkt und nicht mehr politische Kampagnen. Dieses Wachstums-Modell sucht seinesgleichen in der Weltgeschichte.

Nur dreissig Jahre später wimmelt es im Reich der Mitte von Kapitalisten. Allerdings werden Kapitalisten nicht Kapitalisten genannt, denn schliesslich befindet sich China unter der Ägide der allmächtigen Kommunistischen Partei noch immer im «Frühstadium des Sozialismus». Aber Unternehmer, Millionär oder gar Milliardär, das darf man wohl sein und, seit einigen Jahren, gleichzeitig auch Parteimitglied. Kein Wunder, dass die Reichsten die Parteikarte ziehen, wenn es darauf ankommt, das Geschäft zu fördern und den Reichtum zu mehren. Networking ist im Dickicht der «sozialistischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung» noch wichtiger als anderswo. Guangxi, Beziehungen, haben eine lange Tradition.

Deng Xiaopings berühmtes Diktum zu Beginn der Reform, wonach reich sein eine gute Sache sei, ist heute politisch inkorrekt. Die Kluft nämlich zwischen Arm und Reich und Stadt und Land vergrössert sich. Nicht dass die Armen ärmer geworden wären. Im Gegenteil, auch sie haben profitiert. Allein die Reichen habe noch mehr gewonnen. Aber den Reichtum an die grosse Glocke zu hängen, wagen nicht allzuviele, es sei denn, es fliesse Geld für einen guten Zweck.

Die Lektüre der Wirtschafts-, Börsen- und Immobilienseiten der Parteiblätter und der ausländischen Websites hat unter Mittelständlern, vor allem aber den Reichen und Reichsten Vorrang vor der Lektüre von Marx, Engels, Lenin, Stalin oder Mao. Die Elite zieht es, wie neueste Untersuchungen zeigen, immer mehr ins vornehmlich westliche Ausland. Einen Pass oder eine Green Card gibt es bei Investitionen ab einer Million amerikanische Dollar rund um die Welt. Beliebteste Destinationen sind - in dieser Reihenfolge - Kanada, Amerika, Singapur, Australien und Europa. Es ist schon fast ein Paradox, dass jene, die am meisten vom kommunistischen Kapitalismus profitiert haben, dem Land den Rücken kehren. Die Gründe sind ziemlich klar: Gesunde Luft, bessere Ausbildung für die Kinder, Rechtssicherheit, kurz Lebensqualität. Das alles kann selbst für Geld in China nicht erstanden werden.

Der Exodus der Reichen ist ein Phänomen, das auch in Taiwan oder Hong Kong bei etwa gleichem ökonomischen und politischem Entwicklungsstand in den 1970er Jahren zu beobachten war. Zudem ist auch in hohen und höchsten Parteikreisen ein kürzerer oder längerer Aufenthalt in Übersee nicht selten. Schon Deng Xiaoping schickte einen Sohn zum Studium nach Harvard, und der künftige Staats- und Parteichef Xi Jinping hat eine Tochter, die in Harvard studiert und eine Schwester, die in Kanada lebt. Auch das kürzlich gestürzte Politbüro-Mitglied Bo Xilai hat einen Sohn, der zunächst in Cambridge und jetzt in Harvard seinen Studien nachgeht; zudem soll Bos Frau versucht haben, beträchtliche Summen ins Ausland zu verschieben.

Wealth Management im Ausland hat also Vorrang vor dem Kommunistischen Manifest. Schliesslich leben Chinesinnen und Chinesen im globalisierten 21. Jahrhundert und nicht mehr in der Qing-Dynastie (1644-1911). Damals verfügten die kaiserlichen Behörden ein Verbot, sich im Ausland niederzulassen. Unter Androhung der Todesstrafe. Kopf ab.

(et/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Peking - Nirgendwo ist so viel und so schnell Geld zu machen wie in China. Vor einem Jahrzehnt gab es noch keinen einzigen ... mehr lesen
Shanghai, China. (Symbolbild)
Galerie Urs Meile Zeitgenössische Chinesische Kunst Luzern Schweiz Beijing China
Golfplatz in China: «Wo Geld gegen Macht gehandelt wird.»
Golfplatz in China: «Wo Geld gegen Macht ...
Der Golf-Sport florierte in China in den letzten Jahrzehnten wie nirgendwo auf der Welt. Jetzt ist fertig lustig. Das Spiel gilt wieder als bourgeoise, und KP-Mitglieder dürfen die Golfschläger, wenn überhaupt, nur noch vorsichtig schwingen. mehr lesen 
Die Chinesische Küche ist weltberühmt. Desgleichen die Thailändische Variante oder die Kochkünste der Inder. Die Vietnamesische Küche dagegen ist international, leider, fast unbekannt. Das gilt vor allem für das Reisnudelgericht Pho. mehr lesen
Pho Bo von Frau Lam: Die beste Nudelsuppe der Welt!
Der quirlige Swiss Taste Gastronom Peter Trösch und sein Küchenchef Alfred Krasser
Krasser SwissTaste China ist, wer will daran noch zweifeln, die Krone der Koch-Schöpfung. Trotz der weltweiten Präsenz von McD and KFC. Chinesinnen und Chinesen, kaum im ...
Der quirlige Swiss Taste Gastronom Peter Trösch und sein Küchenchef Alfred Krasser
China ist, wer will daran noch zweifeln, die Krone der Koch-Schöpfung. Trotz der weltweiten Präsenz von McD and KFC. Chinesinnen und Chinesen, kaum im Ausland, wollen aber weder ... mehr lesen  
Typisch Schweiz Letzter Kampf von Sherlock Holmes Meiringen BE - Seit genau 125 Jahren begeistert das Ende ...
Shopping Hard Boiled (Fullmovie) 307 Tote in 2 Stunden: Es muss schon ein verdammt guter Actionfilm sein, wenn er auf IMDB mit 7.9 Punkten bewertet ist Tatsächlich handelt es sich bei «Hard Boiled» um das ...
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Der Nationalrat - seit 2016 absolut schamlos.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
Therapiezimmer: Nicht mal hier sind die Verfolgten noch sicher!
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Golfplatz in China: «Wo Geld gegen Macht gehandelt wird.»
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Glaskinn und 'Meitschiblase': Köppels Freipass für die Leitung des medizinhistorischen Instituts.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
 
Wettbewerb
   
Mitmachen und gewinnen.  Rechtzeitig zum Release des siebten Teils der Star Wars-Serie («Das Erwachen der Macht») verlosen wir zwei DVDs.
Mitmachen und gewinnen.  Rechtzeitig zur Premiere von «The First Avenger: Civil War» verlosen wir zwei Fan-Pakete mit jeweils zwei Kinoeintritten.
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Do Fr
Zürich 3°C 14°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig sonnig
Basel 3°C 14°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig sonnig
St. Gallen 3°C 11°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig sonnig
Bern 1°C 14°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig sonnig
Luzern 4°C 13°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig sonnig
Genf 7°C 16°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig recht sonnig
Lugano 14°C 21°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten