Karikaturen als willkommener Vorwand?
publiziert: Montag, 6. Feb 2006 / 11:07 Uhr / aktualisiert: Montag, 6. Feb 2006 / 11:29 Uhr

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Botschaften brannten, Steine flogen und Flaggen – scheinbar war auch eine Schweizerische dabei – wurden angezündet. Und es wurden Kommentare geschrieben, die von nachdenklich bis grenzdebil reichten (Verschwörung dänischer Karikaturisten gegen Islamisten!).

Doch worum geht es hier eigentlich? Im momentanen Trubel ist es wirklich schwer auszumachen, was eigentlich Sache ist und auch der Autor kann hier nur seinen persönlichen Eindruck wiedergeben.

In der muslimischen Welt haben sich Extremisten auf die Karikaturen wie ein Verhungernder auf ein Sandwich gestürzt. Die Aufblähung dieser Sache auf absurde Proportionen dient nur einem: dem Ziel, die Gesellschaft zu radikalisieren und nach Möglichkeit jeder Säkularisierung entgegen zu wirken.

Diverse autokratische Regierungen im arabischen Raum nahmen diese Proteste gegen Presse- und Meinungsfreiheit mit Genugtuung wahr. Die Verunglimpfung demokratischer Grundwerte ist Musik in den Ohren der Regierungen, die sich auf Grund manipulierter Wahlen und brutaler Unterdrückung an der Macht halten können. Dass diese Musik von Gruppen angestimmt wird, die auch sie aus der Macht vertreiben wollen, scheint sie nicht gross zu stören.

Schliesslich herrscht bei Vielen auch echte Empörung über eine Verunglimpfung ihres Glaubens, der unter lausigen Lebensbedingungen das Einzige ist, an dem sie sich festhalten. In einer weltanschaulichen Monokultur ist eine solche Beleidigung und der durch Geistliche geforderte Kampf dagegen geradezu katharsisch, sich entladend in aufgepeischter Gruppengewalt und blinder Zerstörung. Mithin eine normale menschliche Gruppendynamik, die so auch um Fussballstadien herum ausgelebt wird.

Doch auch Europa und der Westen hat einige Probleme gezeigt. Vor allem sind gewisse Ausbrüche der Xenophilie bedenklich, die im Namen der Multikulturalität alles rechtfertigen, solange es nur fremd ist.

Wenn die Forderung nach Meinungs- und Pressefreiheit im Nahen Osten als 'Kulturimperialismus' bezeichnet, jene nach Einhaltung der Menschenrechte als 'Versuch der Verwestlichung' gebrandmarkt wird, muss man sich fragen, wo hier die Empathie mit den Unterdrückten geblieben ist.

Diese 'kritischen Stimmen' die jetzt auch ihre Kommentare abgeben, sagen damit, dass Folter, willkürliche Festnahmen, Redeverbote und unmenschliche Strafen ganz in Ordnung sind, da sie Teil der jeweiligen Kultur sind. Doch solche Strafen waren auch hier einmal Usus. Wir überwanden sie. In Revolutionen und Kriegen, in Jahrhunderten des Kampfes. Wie sehr sie zu unserer Kultur gehörten, zeigte die Rückkehr des Barbarismus während des 3. Reiches, im Jugoslawien-Konflikt und der immer noch praktizierten Todesstrafe in den USA.

Beim Kampf gegen die Folter und für die Denkfreiheit geht es nicht um kulturelle Kolonisation. Es geht um die Opfer. Folter und Hinrichtungen sind schrecklich für jene, denen sie widerfahren. Körperliche Qualen und Unterdrückung sind grausam, egal in welcher Kultur. Genau dies sind Mittel, die in 'Gottesstaaten', wie von den Islamisten angestrebt, grosszügig zur Anwendung kommen.

Worum geht es also? Es ist kein Krieg zwischen den Religionen. Es ist der Kampf der Religiösen gegen die Trennung von Religion und Gesetz. Angetrieben dadurch, dass eine islamische Aufklärung verhindert werden muss. Dass auch der Vatikan und fundamentale Christen auf der Seite der Cartoon-Kritiker sind, wundert da auch nicht mehr... Die Karikaturen waren womöglich nur ein zufälliger aber willkommener Vorwand.

(von Patrik Etschmayer/news.ch)

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