Kasino-Journalismus
publiziert: Mittwoch, 24. Okt 2012 / 09:30 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 24. Okt 2012 / 10:47 Uhr
Eingang zur Redaktion von «El Pais» in Barcelona: «nicht bereit fürs Digitale Zeitalter»?
Eingang zur Redaktion von «El Pais» in Barcelona: «nicht bereit fürs Digitale Zeitalter»?

In den vergangenen Jahrhunderten bestand die Aufgabe der Philosophinnen oft darin, weiter zu denken als das, was uns als «Welt» entgegenstarrt. Es war ein «über die Welt hinausdenken». Heutzutage sehe ich die Notwendigkeit, die Wirklichkeit in die Welt zurückzuholen. In unserer Zeit, in welcher sich die Grenzen zwischen Mensch und Ding auflösen, lohnt es sich daran zu erinnern, was «wirklich» ist.

Weiterführende Links zur Meldung:

Bericht in der FAZ zur El Pais
Hintergrundbericht in der FAZ über die Entlassungen
faz.net

Wir erfahren die Welt mehr und mehr als Inszenierung. Obama und Romney liefern sich in einer Fernsehdebatte eine inszenierte Wirklichkeit, die nach einem Skript abzulaufen scheint. Merkel und Co. inszenieren europäische Gipfel, welche die Irrealität der Finanzmärkte, der Zahlenkonstruktionen der Finanzwirtschaft auf uns Menschen überstülpen.

Viele meiner selbständigen Freundinnen und Freunde erfahren dann die diversen Sparprogramme, die seltsame Zinspolitik, die völlig verwirrende Kreditpunkteakkumulation in unseren Bildungssystemen als wirkliche Arbeitslosigkeit oder Verminderung ihres bisherigen Auftragsvolumens.

In Deutschland und der Schweiz ist dies nur punktuell spürbar, doch in Grossbritannien, in Frankreich, in Spanien, Portugal und Italien ist dies mittlerweile Wirklichkeit. Die Manipulation des vermeintlich Wirklichen zeigt sich exemplarisch in den Medien. Gestern brachte die FAZ einen bemerkenswerten Artikel über El Pais. Dieses traditionelle Leitmedium, welches dank Qualitätsjournalismus in «Wirklichkeit» noch Gewinne einfährt, weil reale Menschen sich für Haltungen, Einschätzungen und hohe Information nicht nur interessieren, sondern dafür auch Geld bezahlen, wird in diesen Tagen zerstört.

«So gut können wir nicht mehr leben» sagt Juan Louis Cébrian, seines Zeichens Oberzyniker und CEO der Prisa Gruppe, zu der auch El Pais gehört. Ein Mann, der sich 2011 inklusive Bonuszahlungen 13 (!) Millionen Euro Jahressalär gönnt und ab sofort fast 150 Qualitätsredakteure entlassen will. «Redakteure jenseits der fünfzig Jahre seien zu alt für El Pais, nicht gerüstet für das digitale Zeitalter» meint derselbe Mann, der Ende des Monat 68jährig wird.

El Pais wird totgeschrumpft, weil die anderen Bereiche des Finanzkonglomerats rote Zahlen schreiben. Wie abartig ist denn das? Da wird eine Zeitung in den Boden gefahren, weil die Kasinokapitalisten sich mit anderen iditotischen Medien-Zukäufen verzockt haben und nun El Pais zahlen lassen. Das ist die Wirklichkeit! Genauso wie auch wir normale Menschen für die Pokerspiele der Banken unsere Vermögen opfern.und uns dies als «alternativlos» verkaufen lassen.

Da soll das Schaf noch Verständnis dafür haben, dass es zur Schlachtbank geführt wird. Diese Perversion, diese Nicht-Wirklichkeit, ist unfassbar. Im Fall von El Pais ist es übrigens nur das Internet, welches allenfalls die Zeitung retten könnte. Denn die Wahrheit über die Machenschaften der Prisa-Gruppe kam nur dank dem Netzjournalismus ans Tageslicht. Es ist ausgerechnet das Netz, das mit seinen Gratisinformationen den Qualitätsjournalismus noch nicht wirklich bezahlbar gemacht hat, aber das eine Bresche für «wahrhaftige und wirkliche» Recherche schlägt. Es ist das Netz, das die Hintergründe über El Pais veröffentlicht, was sich kein spanischen Printjournal wagen würde. Darin sehen wir, dass die digitale Potenz in ihrer Virtulalität entgegen den kulturpessimistischen Warnungen zum eigentlichen Gralshüter journalistischer Wahrheit mutieren kann.

Im Fall von El Pais ginge es realiter also nur darum, das Firmenkonglomerat zu zerschlagen. Oder eben solchen Firmen den Zugriff auf Medienprodukte zu verwehren, da diese massgeblich unsere Wirklichkeit prägen. Da passt eben der alte Spruch vom Bock, der zum Gärtner gemacht wird.

Information darf nicht zur schlichten Ware verkommen und beliebig an der Börse handelbar sein.

Mittlerweile sind eben nicht nur die Philosophen aufgerufen, der Wirklichkeit wieder Anerkennung zu verschaffen, sondern auch die Journalisten. Doch es passiert leider das Gegenteil, denn die vierte Macht im Staat ist, wie El Pais zeigt, zu einer Wegwerfware mutiert, die je nach virtuellem Börsenkurs auf dem Altar des Finanzkapitalismus geopfert wird und dabei eine völlige irreale Wirklichkeit erschafft.

(Regula Stämpfli/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Verstehen viel vom Theater - wenig vom demokratischen Handeln: Papst Franziskus, Jean-Claude Juncker
Verstehen viel vom Theater - wenig vom ...
Das europäische Parlament schaufelt in diesen Tagen neue Grabstätten auf dem Friedhof der europäischen Demokratie. Franziskus und Jean-Claude Juncker durften deshalb folgerichtig zur neuen Session in Strassburg den Tanz der Vampire mit medial inszenierter Unschuld eröffnen. mehr lesen 
Papst fordert Rückbesinnung auf die Werte Europas Strassburg - Papst Franziskus hat im EU-Parlament in Strassburg zu einer ...
Juncker erhält viel Beistand Strassburg - Der Misstrauensantrag gegen die EU-Kommission von Jean-Claude Juncker ist von ...
Nächste Woche beginnen die 16 Tage-Kampagnentage gegen die Gewalt an Frauen. Die feministische Friedensorganisation cdf erinnert mit einem eindrücklichen Gedicht des unübertroffenen Poeten Erich Fried:«Gewalt fängt nicht an, wenn einer ... mehr lesen 3
Gewalt wird nicht immer so leicht erkannt - vor allem nicht, wenn sie durch die Gesellschaft akzeptiert ist.
Vom Apple zum Ei Apple und Facebook machen es vor: Sie zahlen Mitarbeiterinnen bis zu 20 000 Dollar, wenn sie ihre Eizellen einfrieren lassen. Dies ist ...
Eizelle: «An Egg Freezing Babies ist nichts auffällig» - mit Ausnahme der Indsutrieproduktion des Menschen.
Ein Fall für das Fürsorgeamt: Tell und Sohn.
Typisch Schweiz Wilhelm Tell - Public Enemy No 1 Das vielleicht seltsamste an der Schweiz ist der ...
Sparen um der Büchse willen.
Shopping BlueQ Retro-Spardose Die Spar-Zinsen auf der Bank sind heute so tief, dass es sich nicht mehr lohnt das Geld auf die Bank zu bringen. Umso mehr lohnt sich das Geld zuhause in einer stylischen Blechdose ...
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Verstehen viel vom Theater - wenig vom demokratischen Handeln: Papst Franziskus, Jean-Claude Juncker
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
Protest in New York gegen die Grand Jury Entscheidung: Protest gegen institutionalisierte Unterdrückung.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Es hat sich viel geändert in Myanmar: Zeitungen der freien Presse - vor drei Jahren noch undenkbar.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Ungeliebt beim Gemüsefachmann U.M.: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
Seite3.ch
wetter.ch
DO FR SA SO MO DI
Zürich 5°C 7°C leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt
Basel 5°C 7°C leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig
St.Gallen 5°C 6°C leicht bewölkt nebelig nebelig nebelig nebelig nebelig
Bern 6°C 8°C leicht bewölkt, wenig Regen stark bewölkt stark bewölkt stark bewölkt stark bewölkt stark bewölkt
Luzern 6°C 9°C leicht bewölkt stark bewölkt stark bewölkt stark bewölkt stark bewölkt stark bewölkt
Genf 8°C 12°C leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt
Lugano 8°C 9°C bedeckt, wenig Regen bedeckt, wenig Regen bedeckt, wenig Regen bedeckt, wenig Regen bedeckt, wenig Regen
mehr Wetter von über 6000 Orten