Katastrophen zwischen Fiktion und Realität
publiziert: Mittwoch, 5. Jan 2005 / 08:25 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 5. Jan 2005 / 08:51 Uhr

Rom - Katastrophen sind im Film schon hundertfach auf Leinwand gebannt worden - erfundene Geschichten, unwirkliche Apokalypsen. Diesmal ist die Katastrophe Wirklichkeit, und paradoxerweise ist sie vielleicht gerade deshalb so schwer zu fassen.

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Es sind Bilder des Schreckens, die in diesen Tagen über die Fernsehbildschirme flimmern. Manchmal ist das Grauen in Asien selbst für den Zuschauer kaum auszuhalten, die Aufnahmen der Leichenberge, der absoluten Zerstörung, der Verzweiflung und Trauer. Und dennoch ist da manchmal dieser Gedanke: "Das habe ich doch schon mal gesehen?!"

70 Jahre Katastrophenfilm

Einer der ersten Filme, die eine Naturkatastrophe thematisierten, war "San Francisco" (1936), in dem in den letzten 20 Minuten das grosse Erdbeben von 1906 über die Stadt hereinbricht. Aber erst in den 70er Jahren erlebte das Genre "Katastrophenfilme" einen wahren Boom, angefangen bei "Die Höllenfahrt der Poseidon" über "Flammendes Inferno" bis hin zur "Airport"-Reihe, die damals unglaubliche 45 Millionen Dollar einspielte.

Seither bannten Wirbelstürme ("Twister"), Vulkanausbrüche ("Dante's Peak"), Schiffsunglücke ("Titanic") und Überschwemmungen ("Hard Rain") ein Millionenpublikum vor die Kinoleinwände.

"Was wäre wenn"-Gedanken

Aber was fesselt die Menschen so an Zerstörung, Leid und Panik? "In jedem von uns steckt ein Voyeur und davon nehme ich mich nicht aus", versuchte Dennis Quaid, Protagonist aus dem Flut- und Eissturm-Epos "The day after tomorrow", das Phänomen einmal zu erklären. "Unglücksfälle - und Katastrophenfilme im Allgemeinen - scheinen menschliche Gefühle aufzuwühlen", sagt Quaid. "Ich glaube, die Leute spielen gerne mit dem "Was wäre wenn"-Gedanken."

Aber so oft sie auch mit ihm gespielt haben mögen - als der "Was wäre wenn"-Gedanke am zweiten Weihnachtstag plötzlich Realität wurde, war wohl niemand auf die erschreckenden Fernsehbilder vorbereitet.

Und selbst einem deutschen Feriengast, der in Thailand Zeuge der Tragödie wurde und seine Videokamera auf die hereinbrechenden Flutwellen hielt, entfuhr es spontan: "Das ist ja wie im Film!"

Aufregung und Angst

Einer der derzeit bekanntesten Produzenten von Katastrophenfilmen ist Roland Emmerich ("Godzilla", "Independence Day"). Erst kürzlich hat er mit "The day after tomorrow" eine Apokalypse verfilmt, die der Tsunami-Tragödie von Südostasien erschreckend ähnelt.

"Wenn die Welt untergeht, reflektiert man gezwungenermassen auch sein eigenes Leben", sagt er. "Das Publikum eines Katastrophenfilms weiss das. Automatisch stellt man sich Fragen über die eigene Existenz sowie über Vorlieben und Abneigungen. So etwas ist gleichzeitig aufregend und beängstigend", so Emmerich. Im Film gibt es zudem immer einen Helden - und der Zuschauer schlüpft eben gerne in die Rolle des bewunderten Weltretters.

Zynismus mit Musik

Aber angesichts der Fernsehbilder aus Asien fühlen sich die Menschen derzeit nur noch hilflos, der Held der Geschichte fehlt, und der Sieger ist die Natur selbst. Irgendetwas ist anders als im Kino. Aber was?

Wie viele andere weltweite TV-Kanäle schloss jetzt auch das italienische Fernsehen eine Sondersendung mit zehnminütigen, unkommentierten Bildern von Flutwellen, verbrannten Leichen, weinenden Kindern und purer Verwüstung in Südostasien - untermalt mit klassischen Arien und gefühlsbetonter Instrumentalmusik.

"Das ist ja fast, als würde man sich einen Emmerich-Film ansehen", sagt ein 35-jähriger Römer verstört. "Was würden wohl die Menschen in Asien sagen, wenn sie wüssten, dass ihr Drama hier mit Musik unterlegt wird?"

(Carola Frentzen/dpa)

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