
Das katholisch-konservative Establishment marschiert gegen straffreien Schwangerschaftsabbruch und wünscht sich die guten alten Zeiten zurück.
Bei «Ja zum Leben Oberwallis» sind übrigens vier von fünf Vorstandsmitgliedern männlichen Geschlechts. Glücklicherweise ist es traditionell bei solchen Interessengruppen nicht üblich, eine hohe Frauenquote anzustreben. Genau wie bei Fragen der Verhütung, Familienplanung oder auch allgemein bezüglich Sexualität sind die besten Fachleute hier selbstredend Fachmänner. Es ist ja bekannt: Die besten Ratschläge, wie man in Liebesdingen sein Leben zu führen habe, erhält man von katholischen Männern. Am besten von ordinierten Priestern, die - falls sie denn geneigt sind, die Regeln einhalten - in keiner sexuellen oder sonstig allzu emotional nahen Beziehung mit anderen Menschen aus Fleisch und Blut stehen.
Aber es geht ja in solchen Dingen eigentlich nicht wirklich darum, dass man angemessene Ratschläge gibt. Es geht um Kontrolle, es wird versucht, möglichst detailliert vorzuschreiben, wie man sein Leben zu führen habe, bis ins Schlafzimmer hinein, und am besten mit Androhung von Bestrafungen im Jenseits. Es ist ein interessanter Gott, der seinen Sprachrohren mitteilt, was er diesbezüglich gerne sieht und was er verabscheut. Ein Gott, der in die Zimmer der Menschen blickt, und nachsieht, ob denn auch niemand masturbiert oder sonstigen unkeuschen Spass hat. George Carlin hat es einmal treffend ausgedrückt: «Wenn Gott nicht gewollt hätte, dass wir onanieren, dann hätte er ja unsere Arme kürzer machen können.»
Zwei Jahre wurde diese Prozession bzw. Demonstration ohne Gegendemonstration durchgeführt. Dieses Jahr haben sich Leute aus dem Umfeld von Juso, Unia Jugend und Piratenpartei dazu entschlossen, nicht taten- und wortlos zu bleiben, und standen den Frauenrechtsgegnern bei ihrem Zug durch die Stadt Spalier und liessen ein lautes «Ja zu Frauenrechten!» erklingen. Ich persönlich fand es ein kleines Bisschen schade, dass es auch Buhrufe gab und Sprüche skandiert wurden, die von den Katholiken wohl als einigermassen beleidigend aufgefasst wurden.
Das führt dann wohl dazu, dass die guten Katholiken uns Progressive als ungezogene Bengelinnen und Bengel betrachten und es fällt ihnen umso leichter, keinen Gedanken daran zu verschwenden, ob sie den richtig (und nicht nur rechts) liegen mit ihrer Verweigerung von Verhütung und Schwangerschaftsabbruch. Eine Diskussion darüber, ob ein Fötus schon ein Mensch oder ein Kind ist, kann da schlecht in Gang kommen. Vielleicht wäre mit vielen dieser «Lebensbejaher» doch zu diskutieren und es liessen sich vielleicht Kompromisse erzielen. Ich möchte aber zu Bedenken geben, dass beispielsweise Militärbischof Overbeck - den ich zu den etwas konsequenteren Katholiken zähle - sich ja unlängst sogar so geäussert hat, dass selbst Erwachsene keine richtigen Menschen seien, falls sie nicht an Gott glauben würden... Wenn also Katholiken mit dem Begriff «Mensch» operieren, werde ich immer hellhörig und skeptisch.
Es wird für meinen Geschmack immer etwas zu rasch vergessen, dass die katholische Kirche vor nicht allzu langer Zeit noch gegen die Abschaffung der Prügelstrafe war, Meinungs- und Pressefreiheit als Irrtümer bezeichnete, ihre Kleriker den Anti-Modernisteneid schwören liess und generell nicht allzu scharf darauf war, Frauen gleiche (oder auch nur ähnliche) Rechte einzuräumen. Aber man braucht gar nicht in die Vergangenheit zu gehen. Es ist ja noch aktuelle Politik, sich die Frau an den Herd zu wünschen, Verhütungsmittel unerlaubt zu halten, Frauen das Priesteramt vorzuenthalten.
Die drei grossen «K» der katholischen Frau bleiben aktuell: Kirche - Küche - Koitus/Kinder. So soll es sein. Es ist wichtig, dass wir nicht vergessen: Es sind freilich bei weitem nicht alle Katholiken derart rückwärts gewandt. Aber nicht wenige Katholiken und andere religiöse Fundamentalisten sind es jedoch, und es bleibt wichtig, dagegen anzukämpfen, wenn diese Gruppierungen sich auf der politischen Bühne allzu breit machen. Mit Argumenten, mit Leserbriefen, vielleicht auch mit Kirchenaustritten von Moderaten. Ich habe von einer älteren Dame erfahren, die es jedenfalls nicht gut fand, dass hier der Eindruck erweckt werde, die Abtreibungsgegner würden für alle Mitglieder der Pfarrei Brig sprechen.
Über einen Klub, der schreibt: «Zehn Jahre Fristenlösung haben dem Schweizer Volk grossen Schaden gebracht.» darf ich wohl ähnlich differenziert und niveauvoll behaupten: «Die wollen tatsächlich wieder zurück ins Mittelalter.»
(Valentin Abgottspon/news.ch)
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