Katholisches Mittelalterfestival im Wallis
publiziert: Donnerstag, 25. Okt 2012 / 10:57 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 25. Okt 2012 / 11:19 Uhr
Widerspruch zu Abtreibungsgenern: Gegendemonstration in Brig
Widerspruch zu Abtreibungsgenern: Gegendemonstration in Brig

Das katholisch-konservative Establishment marschiert gegen straffreien Schwangerschaftsabbruch und wünscht sich die guten alten Zeiten zurück.

3 Meldungen im Zusammenhang
Zum dritten Mal hat in Brig eine unbewilligte Kundgebung in Form einer Lichter-Prozession stattgefunden, durch welche die Vereinigung «Ja zum Leben Oberwallis» das «Unrecht der Abtreibung» in der Öffentlichkeit neu thematisieren will. In der Schweiz gilt seit 2002 die Fristenregelung, welche vom Schweizer Stimmvolk mit überwältigenden 72,2% angenommen wurde. Bis zur zwölften Schwangerschaftswoche bleibt der Abbruch grundsätzlich straffrei. Der Vatikanton Wallis hat (gemeinsam mit Appenzell Innerrhoden, also in gut-katholischer Gesellschaft) die Vorlage jedoch abgelehnt. Reichlich knapp freilich, nur mit 54.1% Neinsagern. Eine ähnliche Vorlage wurde 1977 schweizweit noch mit 51.7% Nein-Stimmen abgelehnt, im Wallis damals mit wuchtigen 82.4%. Der Katholizismus hat also auch im Wallis stark abgenommen. Aber es muss Religiöse freilich nicht kümmern, dass sie gegen den demokratischen Strom schwimmen.

Bei «Ja zum Leben Oberwallis» sind übrigens vier von fünf Vorstandsmitgliedern männlichen Geschlechts. Glücklicherweise ist es traditionell bei solchen Interessengruppen nicht üblich, eine hohe Frauenquote anzustreben. Genau wie bei Fragen der Verhütung, Familienplanung oder auch allgemein bezüglich Sexualität sind die besten Fachleute hier selbstredend Fachmänner. Es ist ja bekannt: Die besten Ratschläge, wie man in Liebesdingen sein Leben zu führen habe, erhält man von katholischen Männern. Am besten von ordinierten Priestern, die - falls sie denn geneigt sind, die Regeln einhalten - in keiner sexuellen oder sonstig allzu emotional nahen Beziehung mit anderen Menschen aus Fleisch und Blut stehen.

Aber es geht ja in solchen Dingen eigentlich nicht wirklich darum, dass man angemessene Ratschläge gibt. Es geht um Kontrolle, es wird versucht, möglichst detailliert vorzuschreiben, wie man sein Leben zu führen habe, bis ins Schlafzimmer hinein, und am besten mit Androhung von Bestrafungen im Jenseits. Es ist ein interessanter Gott, der seinen Sprachrohren mitteilt, was er diesbezüglich gerne sieht und was er verabscheut. Ein Gott, der in die Zimmer der Menschen blickt, und nachsieht, ob denn auch niemand masturbiert oder sonstigen unkeuschen Spass hat. George Carlin hat es einmal treffend ausgedrückt: «Wenn Gott nicht gewollt hätte, dass wir onanieren, dann hätte er ja unsere Arme kürzer machen können.»

Zwei Jahre wurde diese Prozession bzw. Demonstration ohne Gegendemonstration durchgeführt. Dieses Jahr haben sich Leute aus dem Umfeld von Juso, Unia Jugend und Piratenpartei dazu entschlossen, nicht taten- und wortlos zu bleiben, und standen den Frauenrechtsgegnern bei ihrem Zug durch die Stadt Spalier und liessen ein lautes «Ja zu Frauenrechten!» erklingen. Ich persönlich fand es ein kleines Bisschen schade, dass es auch Buhrufe gab und Sprüche skandiert wurden, die von den Katholiken wohl als einigermassen beleidigend aufgefasst wurden.

Das führt dann wohl dazu, dass die guten Katholiken uns Progressive als ungezogene Bengelinnen und Bengel betrachten und es fällt ihnen umso leichter, keinen Gedanken daran zu verschwenden, ob sie den richtig (und nicht nur rechts) liegen mit ihrer Verweigerung von Verhütung und Schwangerschaftsabbruch. Eine Diskussion darüber, ob ein Fötus schon ein Mensch oder ein Kind ist, kann da schlecht in Gang kommen. Vielleicht wäre mit vielen dieser «Lebensbejaher» doch zu diskutieren und es liessen sich vielleicht Kompromisse erzielen. Ich möchte aber zu Bedenken geben, dass beispielsweise Militärbischof Overbeck - den ich zu den etwas konsequenteren Katholiken zähle - sich ja unlängst sogar so geäussert hat, dass selbst Erwachsene keine richtigen Menschen seien, falls sie nicht an Gott glauben würden... Wenn also Katholiken mit dem Begriff «Mensch» operieren, werde ich immer hellhörig und skeptisch.

Es wird für meinen Geschmack immer etwas zu rasch vergessen, dass die katholische Kirche vor nicht allzu langer Zeit noch gegen die Abschaffung der Prügelstrafe war, Meinungs- und Pressefreiheit als Irrtümer bezeichnete, ihre Kleriker den Anti-Modernisteneid schwören liess und generell nicht allzu scharf darauf war, Frauen gleiche (oder auch nur ähnliche) Rechte einzuräumen. Aber man braucht gar nicht in die Vergangenheit zu gehen. Es ist ja noch aktuelle Politik, sich die Frau an den Herd zu wünschen, Verhütungsmittel unerlaubt zu halten, Frauen das Priesteramt vorzuenthalten.

Die drei grossen «K» der katholischen Frau bleiben aktuell: Kirche - Küche - Koitus/Kinder. So soll es sein. Es ist wichtig, dass wir nicht vergessen: Es sind freilich bei weitem nicht alle Katholiken derart rückwärts gewandt. Aber nicht wenige Katholiken und andere religiöse Fundamentalisten sind es jedoch, und es bleibt wichtig, dagegen anzukämpfen, wenn diese Gruppierungen sich auf der politischen Bühne allzu breit machen. Mit Argumenten, mit Leserbriefen, vielleicht auch mit Kirchenaustritten von Moderaten. Ich habe von einer älteren Dame erfahren, die es jedenfalls nicht gut fand, dass hier der Eindruck erweckt werde, die Abtreibungsgegner würden für alle Mitglieder der Pfarrei Brig sprechen.

Über einen Klub, der schreibt: «Zehn Jahre Fristenlösung haben dem Schweizer Volk grossen Schaden gebracht.» darf ich wohl ähnlich differenziert und niveauvoll behaupten: «Die wollen tatsächlich wieder zurück ins Mittelalter.»

(Valentin Abgottspon/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
1
Forum
Machen Sie auch mit! Diese news.ch - Meldung wurde von einer Leserin oder einem Leser kommentiert.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Bern - Das Inkrafttreten der Fristenregelung 2002 hat in der Schweiz keinen Abtreibungsboom ausgelöst - im Gegenteil. 2003 sank ... mehr lesen
Im vergangenen Jahr wurden in der Schweiz 10 500 Abtreibungen vorgenommen.
Bern - Beim Urnengang vom 2. Juni haben die praktizierenden Christen als einzige gesellschaftliche Gruppe die Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs abgelehnt. Das geht aus der Fox-Analyse hervor. mehr lesen 
Bern - Das Resultat ist eindeutig. Das Schweizer Volk sagt mit einer Zweidrittelsmehrheit Ja zur Fristenregelung. Die Volksinitative "für Mutter und Kind" hat keine Chance. Das geht aus den ersten Hochrechnungen des SRG-Rechenzentrums hervor. mehr lesen 
Wohin mit den Vätern bei all den Frauenrechten?
Angesichts der gegenwärtig noch praktizierten Zeugung eines Kindes durch einen Vater und eine Mutter (klassische Vorgehensweise) und in Anbetracht der Annahme, dass Eltern eine solche Zeugung teils auch noch planen und miteinander absprechen, erachte ich den einseitigen Ausdruck "Frauenrechtsgegner" oder den Ausspruch "Ja zu Frauenrechten!" als ein wenig sonderbar. Solche Sprachformulierungen (oder Annahmen/Forderungen?) könnten implizieren, dass einem in die Zeugung involvierten Mann alle Mitentscheidungsrechte bezüglich seines Kindes abgesprochen worden sind oder werden sollen. Dies jedoch kann meines Erachtens nicht einmal der häufig so gnadenlose Zeitgeist ernstlich fordern. Oder?
Warum ein Weihnachtsbaum kein Christbaum sein dürfte, so aus rein biblischen Gründen...
Warum ein Weihnachtsbaum kein Christbaum sein dürfte, so ...
Weihnachten ist kein christliches Fest mehr. Das bedauern einige Christen. Wir Heiden wissen, dass die Wintersonnenwende sowieso erst seit Kurzem christianisiert wurde. Wünschen wir uns doch alle (aus welchen Gründen auch immer) eine schöne, ruhige Zeit. Und schenken wir uns selber und gegenseitig Zeit, dieses wertvollste aller Güter. mehr lesen 
Es gibt Weltregionen, in denen Kritik am Islam tödlich sein kann. Wer den Islam in der Schweiz kritisiert, darf auch mit Gegenwind rechnen. Es scheint hier mehr Islam- ... mehr lesen   1
«Immer geht Ihr nur auf uns los!»
Neuer und alt eingesessener Religionslärm: Verfassungsmässig gleich zu behandeln, eigentlich.
Wieso man sich nicht nur beim heiligen Bimbam auch mal für Gleichbehandlung und -berechtigung stark machen könnte, statt ihr immer nur im Weg zu stehen. mehr lesen  
Ich staune immer wieder, wie stillos und polterig manche Politiker formulieren, statt sich zu informieren oder nachzudenken. Hier ein paar ... mehr lesen  
Die Freidenker- und Laizisten-Taliban bei ihrer Pressekonferenz. Grundrechts-Fanatiker und Menschenrechts-Fundamentalisten allesamt.
Düsteres Cover für eine hoffnungsvolle Geschichte.
Typisch Schweiz D'Zäller Wiehnacht Kaum eine Deutschschweizer Schulklasse, die nicht irgendwann «D'Zäller ...
Shopping Scrooge - Der Film (1935) Nicht alle mögen Weihnachten. Dazu gehört auch Ebenezer Scrooge, der verbitterte Geizkragen aus Charles Dickens Erzählung «A Christmas Carol». 1935 entstand eine der ...
Frohes Jahr: Grumpy Cat verdiente 2014 über 100 Millionen Dollar.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Unerlässliche Requisiten für alle, die offizielle Positionen bekleiden: Stühle zum Aussitzen von allen Problemen.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
Ebola-Virus: Grausige Erinnerung an Gleichgültigkeit und Ignoranz von Politikern und Institutionen.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Chinesisches Bier für die Massen, chinesischer Wein für den Mittelstand.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Zwischen den Jahren: Zeit zum Spazieren, zum Nachdenken.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
Seite3.ch
wetter.ch
DO FR SA SO MO DI
Zürich 3°C 3°C leicht bewölkt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen leicht bewölkt, wenig Schneefall leicht bewölkt, wenig Schneefall leicht bewölkt, wenig Schneefall leicht bewölkt, wenig Schneefall leicht bewölkt, wenig Schneefall
Basel 2°C 3°C leicht bewölkt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen leicht bewölkt, wenig Schneefall leicht bewölkt, wenig Schneefall leicht bewölkt, wenig Schneefall leicht bewölkt, wenig Schneefall leicht bewölkt, wenig Schneefall
St.Gallen 5°C 5°C bedeckt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bewölkt, wenig Schneefall bewölkt, wenig Schneefall bewölkt, wenig Schneefall bewölkt, wenig Schneefall bewölkt, wenig Schneefall
Bern 4°C 6°C leicht bewölkt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen leicht bewölkt, wenig Schneefall leicht bewölkt, wenig Schneefall leicht bewölkt, wenig Schneefall leicht bewölkt, wenig Schneefall leicht bewölkt, wenig Schneefall
Luzern 4°C 5°C bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Schneefall bewölkt, wenig Schneefall bewölkt, wenig Schneefall bewölkt, wenig Schneefall bewölkt, wenig Schneefall
Genf 3°C 8°C leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt
Lugano 4°C 8°C sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos
mehr Wetter von über 6000 Orten