«Katrinagate»: Reporter werden zu wütenden Anklägern
publiziert: Mittwoch, 7. Sep 2005 / 08:21 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 8. Sep 2005 / 22:28 Uhr

Washington - Wohl seit Jahrzehnten sind die Medien in den USA nicht mehr so gnadenlos mit ihrem Präsidenten und dem Washingtoner Behördenapparat umgegangen wie in diesen Tagen.

Das gesamte Kabinett von George W. Bush muss ungewohnt harte Kritik einstecken.
Das gesamte Kabinett von George W. Bush muss ungewohnt harte Kritik einstecken.
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Die ersten US-Medien sprechen schon von «Katrinagate».

Es handle sich um die grössten Herausforderung für das gesamte politische Establishment seit der Watergate-Affäre um Richard Nixon in den siebziger Jahren. Auch nachdem die Hilfsmassnahmen nun auf breiter Front angelaufen sind, hält die Kritik an den Versäumnissen der Regierung an.

Kein distanziertes Urteil mehr

Aber es ist weitaus mehr als ein distanziertes Urteil: Nie zuvor sind US-Reporter so direkt, so emotional selbst zu wütenden Anklägern geworden. Sie erzählen nicht nur eine Geschichte, sondern sie sind selbst ein Teil davon geworden.

Viele der Medienvertreter, die aus Washington berichteten, seien Teil des Establishments, sagt Matt Wells von der britischen BBC News. «Sie wohnen in denselben Vororten, gehen zu denselben Partys wie die Politiker.» Doch mit selbstbeschränkender Berichterstattung sei es seit letzter Woche vorbei.

Bis Freitag hatten die Reporter vor Ort selbst Mühe, das Ausmass des Elends zu erfassen. Gewohnt, auch vergleichweise harmlose Stürme zu stundenlangen Programmfüllern zu machen, kam für sie nun der «Big One». Erst langsam begreifend, stolperten vor allem die Fernsehreporter durch die ersten Stunden der Berichterstattung.

Zuerst Tränen, dann Wut

Zunächst waren da Emotionen: Eine CNN-Reporterin brach in Tränen aus, als sie über die nach Hilfe schreienden Menschen auf den Dächern in Louisiana berichtete. Dann rollte die Welle von Pressekonferenzen der Behörden an, auf denen ein Politiker dem anderen dankte - für den unermüdlichen erfolgreichen Einsatz.

Und schliesslich kam die Wut: «Dies ist nicht Irak, dies ist nicht Somalia, dies ist unsere Heimat», rief ein NBC-Fernsehreporter aus. Ein ABC-Moderator fuhr einen Behördenvertreteter direkt an, weil dieser keine Angaben über die Zahl der Flüchtlinge im Convention Center in New Orleans machen konnte: «Schaut ihr Leute euch denn kein Fernsehen an?»

Einem CNN-Reporter platzte der Kragen, als Senatorin Mary Landrieu in einem Interview lobend auf ein Hilfspaket verweist. «Entschuldigen Sie, Senatorin», funkt er dazwischen, «Ich habe davon noch nichts gehört, weil ich in den letzten vier Tagen damit beschäftigt war, Tote hier auf den Strassen zu sehen.»

Zeichen von Abtrünnigkeit

Wenn bei Präsident George W. Bush da noch nicht die Alarmglocken schrillten, so wohl spätestens dann, als auch der ihm sonst so wohl gesonnene Sender Fox News Zeichen von Abtrünnigkeit zeigte. Als ein Fox-Reporter mit Hinweis auf die Gefahren durch Plünderer an einen anderen Platz verwiesen wurde, sagte er spitz ins Mikrofon: «Diese Leute sind verzweifelt. Warum sollten sie nicht versuchen, Wasser und Essen von uns zu stehlen?»

(fest/sda)

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